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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-11 · Heft 32 (11.8.1893) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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Die mangelnde Frische ist das Kennzeichen eines Volkes, das an Alter der Kultur die gesammte mittelländische Welt übertrifft. „Gegen Israel sind wir die Jungen, die Neuen; die Juden sind uns in der Kultur voraus. Mochten wir sie auch ein paar Jahrhunderte hinter die Ghettomauern sperren; sie haben uns ohne große Mühe eingeholt." (Fortsetzung folgt.) U Kuriose Geschichtsschreibung. Von Eduard Georg. Es ist hinlänglich bekannt, daß viele Geschichtsschreiber des Mittelalters es mit der historischen Treue und Wahrhaftigkeit nicht gerade allzu genau nahmen. Namentlich war es das Alterthum, das ihnen reichlich Gelegenheit bot, ihrer Einbildungskraft und Erfindungsgabe die Zügel schießen zu lassen. Soviel aber auch immer auf diesem Gebiete geleistet worden sein mag, so möchte ich dennoch einem Geschichtswerk den „Ruhm" zusprechen, an Sinnlosigkeit und Albernheit seiner Erzählungen das Höchste erreicht zu haben. Dieses merkwürdige Geschichtswerk ist die sogenannte „Oesterreichische Chronik des Gregor Hagen", die aber nicht von Gregor Hagen verfaßt ist, sondern — wie Prof. Franz Martin Mayer in Graz gezeigt hat — von einem gewissen Johann Seffner herrührt, der um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts in Wien lebte. Der Verfasser bezeichnet sich selbst als „dy zeit techantt der schulen ze Wyenne in geistlichen rechten." Er war also Professor des Kirchenrechtes und Dekan an der Wiener Universität. Sein Werk war dem Herzog Albrecht Hl. von Oesterreich gewidmet und in deutscher Sprache verfaßt. Es behandelte hauptsächlich die Geschichte Oesterreichs von den ältesten Zeiten bis zu der Regierung Herzog Albrechts III. Die unfreiwillige Originalität des Verfassers spricht sich schon in der Eintheilung aus, die er seinem Werke giebt. Er theilt es in fünf Bücher nach den — fünf Sinnen lind betitelt so das erste Buch „Von dem Sehen", das zweite „Von dem Hören", das dritte „Von dem Riechen" u. s. f. Das Sehen, so argumentirt er, habe er deshalb an die Spitze gestellt, weil der Gesichtssinn am weitesten reiche, so wie auch das erste Buch seines Werkes die zeitlich entlegensten Abschnitte behandle. Hören wir nun, was Seffner in diesen ältesten Zeiten „gesehen" hat. Er nwcht uns zunächst die überraschende Mittheilung, der erste Fürst von Oesterreich sei — Abraham gewesen: aber nicht der Abraham der Bibel, sondern offenbar ein Abraham seiner eigenen Erfindung. Dieser Abraham kam am 12. September des Jahres 859 nach der Sintfluth aus einem Lande „enhalb meres, das da haiffet terra ^mirueioiiw" nach Oesterreich. Er gab dem Lande den Namen „Judeisapta", gründete die Stadt „Arratim", die „yeczund Haisset" — Stockerau, nannte sich „ain Haiden marggraf von Judeisapta" und vererbte die neugegründete Markgrafschaft seinen Nachkommen. Es unterliegt keinem Zweifel: Johann Seffner ist überzeugt, daß der erste Regent von Oesterreich jüdischer Abkunft war. Der Name desselben, die Benennung, die er seinem Fürstenthum giebt, die Worte „Amiracio" und „Aratim", die offenbar von ähnlich klingenden biblischen Nanien abgeleitet sind, lassen darüber keinen Zweifel aufkommen. Allerdings wird Abraham als Heide bezeichnet, aber vermuthlich war unser Autor der Ansicht, im Jahre 859 nach der Sintflut!) habe es noch keine jüdische Religion gegeben. Doch nicht blos die ersten Regenten von Oesterreich, auch die Oesterreicher selbst stammen nach Seffner von Juden ab. Die Bayern — so behauptet er — sind armenischer Abkunft, die Sachsen leitet er her von den Truppen Alexanders des Großen, die Schwaben kamen über das Meer, die Franken stammen von den Trojanern ab, di: Oesterreicher aber — von den Juden! Nach der Geschichte Abrahams berichtet Seffner von den Nachkommen desselben, die als Markgrafen in Oesterreich herrschten. Den Land erhält unter ihnen verschiedene Namen: Arratim (nach de: Hauptstadt), Sauricz, Sannas, Pannaus u. s. w. Ihre Regierungsdauer wird genau — bis auf den Tag — angegeben, ihre Frauen und Kinder werden mit Namen genannt, ihre Begräbnißstätten bezeichnet und vor Allem ihre Wappen aufs Ausführlichste beschrieben Einige Handschriften enthalten sogar prächtige Abbildungen de, Wappen, die genau nach der Schilderung derselben angefertigt sind und in den buntesten Farben schillern. — Unter dem siebenter Regenten, erzählt der Verfasser, wurde Oesterreich zu einem Herzog thum erhoben. Unter dem 37. Nachfolger Abrahams I. kamen wieder Juden ins Land, die den Herzog besiegten und ihn — den Heiden — zwangen, das Judenthum auzunehmen. Zu jener Zeit war nichi blos Oesterreich im engeren Sinne ein jüdische? Reich, auch Böhmen und Ungarn wurden von Jriden beherrscht. Aber das Ende dieser großen, jüdischen Machtfülle brach herein, als die Römer in Oesterreich erschienen. Sie unterwarfen das Land, das damals den Namen Corrodamia führte, und setzten Amman, Grafen von Rom, als Herzog in Oesterreich ein. Er war der 66. Fürst, der daselbst herrschte. Da er aber heimlich dem Christenthlun zugeneigt war und seine Unterthanen für dasselbe zu gewinnen suchte, nahmen ihm die Römer Krone und Leben. Zu gleicher Zeit verlor Oesterreich seinen Rang als Herzogthum und sank wieder zur Markgrafschaft herab. Damit endet der Theil unserer Chronik, der sich mit der Herrschaft der Juden über Oesterreich beschäftigt. Man sollte nach all dem Gesagten meinen, daß Johann Seffner wenn nicht, wie Ottokar Lorenz früher vermuthete, selbst ein getaufter Jude, so doch ein Freund der Juden war. Aber weit gefehlt! Vielmehr schüttet er im vierten Buche seiner Chronik, das von Adolf von Nassau und Albrecht 1. handelt, die volle Schale seines Zornes über Letzteren aus, weil dieser die Juden bei einer Verfolgung in Schutz nahm und die Hauptanstifter der Judenhetze hinrichten ließ. Er behauptet, die Juden seien nichts als die Knechte und Leibeigenen der Christen, er vergleicht sie mit einer Maus in der Tasche oder einer Schlange im Schooße, er bezeichnet sie als Müßiggänger und wünscht, daß man sie aus den Städten vertreibe, ja er versteigt sich sogar zu der kühnen Behauptung, daß die Ermordung Albrechts I. durch seinen Neffen Parricida nur die gerechte Strafe des Himmels gewesen sei für seine Begünstigung der Juden. Man ist erstaunt über die Naivetät des Verfaffers, der jetzt so heftig gegen diejenigen loszieht, von denen er früher sein eigenes Volk hergeleitet hat. Noch erstaunlicher aber ist es, daß trotz aller Naivetät, Leichtgläubigkeit und Albernheit das Werk Johann Seffners im Mittelalter weit verbreitet und sehr beliebt war und vielfach abgeschrieben wurde. Offenbar fand man Gefallen an den interessanten Mittheilungen über die älteste Vergangenheit Oesterreichs, die man natürlich in gutem Glauben hinnahm. Sogar ernste Geschichtschreiber von Bedeutung, wie Veit Arenpek und Thomas Ebendorfer, maßen diesen merkwürdigen Berichten vollen Glauben bei und nahmen sie ohne Anstand in ihre Werke auf. Erst die gebildeteren Humanisten erkannten die Fabeleien der Chronik als das, was sie waren, und so nannte der spätere Papst Pius II. Aeneas Sylvius unseren Autor in etwas kräftiger Weise einen — „zweibeinigen Esel".?

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