Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
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378 der mittelländischen Rasse angehören. „Der Jude ist »ns oft näher verwandt, als der stolze Magyar, der hochmüthige Moskowite, deren Blut mit silinisch-tartarischen Elementen versetzt ist." Sollte die Feindschaft zwischen Semiten und Ariern keine bloße legende sein, so müßte sich in der Bibel, in der jüdischen Geschichte, im Evangelium eine Spur davon finden. Gegen Semiten aber richten sich die Verwünschungen der Propheten, und Cyrus, der Befreier Israels, gilt für einen Arier. Mit der zunehmenden Kenntnis; des Orients und der semitischen Sprachen ist der Kontrast zwischen dein Semiten und dem Arier verschwunden, während sich ein tiefgehender Unterschied in Glaube», Sitte und Regierung zwischen den Juden und den sprachvcrwandten Philistern, Phöniziern, Assyrern und Kanaaniten gezeigt hat. Tic Götter der Arier und Semiten haben gemeinsame Züge, der Monotheismus ist nur den Hebräern eigenthümlich und ist von ihnen auf die Araber übergcgangen. „Um seinetwillen ist der Hebräer isolirt unter den Völkern semitischer Zunge." Für den heutigen Orientalen, für den alten Hebräer läßt Leroy- Beaulieu Renans Behauptung gelten, daß der semitische Geist nnphilosophisch sei, den Wissenschaften, dem Fortschritt abgewandt; auf den modernen Juden erscheint sie ihm so wenig zu passen als die Schilderungen der Gallier in Eäsars Kommentaren auf die heutigen Franzosen. oder die der Geruiaucu in TaeituS Germania auf die Deutschen des Kaiserreichs. Ten Juden, wie Renan als einer inferioren Rasse angehörig zu betrachten, vermag er schon deshalb nicht, weil das Ehristenlhnui ans dem Judenthum hervorgegangen ist, weil Maria, Johannes und die zwölf Apostel nicht dem arischen Stamme angehört haben. In der Verbreitung des Christenthnms sieht er den größten Sieg der Semiten, die Beugung der arischen Welt unter das Szepter Davids. „Nur ivenn die Welt sich von der christlichen Idee löst, wird sie vom semitischen Geiste frei." Der konsequente Antisemitismus hat daher das Evangelium so gut als die Bibel verworfen.') Nachdem so der künstliche Gegensatz zwischen Ariern und Semiten in seiner ganzen Schwäche und Nichtigkeit erwogen und verworfen worden ist, wird die Frage erörtert, ob und in wie weit die modernen Jtiden noch als reine Semiteti gelten können. Schon das Buch Ruth, die Eheverbote Esras und Nchemias nach der Rückkehr aus dein Exil bekunden die häufige Vermischung mit fremden Völkern. Die rasche Verbreitung der Juden in Aegypten, Kleinasien und Europa während der Römerherrschast ist neuerdings aus der jüdischen Propaganda erklärt worden. Tie Apostelgeschichte, wie der jüdische Geschichtsschreiber Jvsephus bezeugen, daß die Juden nicht imnrer die später gegen die Proselyten genährte Abneigung hatten. Hellenen und Römer traten schaarenweise znm Judenthum über, und noch in der talmndischen Epoche war der Zufluß fremden Bliltes so stark, daß der Widerwille gegen Bekehrungen einer der Gründe wurde für die Abschlicßnng der Israeliten gegen die andern ^Rationen. Die Proselyten wurden als Aussatz Israels von der sich in sich selbst zurückzichenden Synagoge behandelt. Ob die Inden der Merovingcrzeit bekehrte Gallier oder Eingewanderte waren, ist uncrwcislich, jedenfalls aber bezeugen die Verbote der Geistlichkeit ans beiden Seiten, daß die neubekehrten Barbaren keine Antipathie gegen die Inden empfanden, überhaupt den Unterschied zwischen dem alten und neuen Gesetz nur schwer begriffen. Noch weniger als das Eindringen fremden Blutes in den jüdischen Stamm läßt sich eine Infiltration israelitischen Blutes in die europäischen Völkerschaften leugnen. „Wer vermag zu sagen, was die freiwillige oder erzwungene Dause Israel seit fünfzehn Jahrhunderten gekostet hat. Von der Nachkommenschaft E 1,1rnnlocliitfiiie .iiiif, par Kriilon, später Mitglied der Kommune von 1S71; Aryairs El. Srmites par A. Ku^nanl. Jakobs ist vielleicht eine unendlich kleine Minorität bis ans Ende dem Glauben der Väter treu geblieben. Wie beeinflußt das aber den fatalen Gegensatz zwischen Semiten und Ariern?" Als Beweis für die Mischling der Rassen im jüdischen Volke wird die Verschiedenheit des Typus erwähnt, die wohl auch im Mittelalter die unterscheidenden Abzeichen nöthig machte. Ter sogenannte semitische Typus, welchen die ägyptischen und assyrischen Kunstwerke zeigen, findet sich wohl, aber verhältnismäßig selten; nicht einmal die charakteristische gebogene Nase ist allen jubelt gemeinsam; die Karmin der Krim, die wahrscheinlich keinen Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern haben, besitzeii auch nichts vom jüdischen Typus, sondern sie haben die stunipfeu Nasen und die vorspringenden Backenknochen ihrer seythischen Borfahren ererbt. Man könnte drei bis vier verschiedene Untertypen anfstellen, einen eigentlich jüdischen, einen stumpfnasigen slavischen, eineil blonden deutschen und einen dicklippigen, brünetten afrikanischen. Dafür daß sich klimatische und historische Einflüsse hierbei ebenso sehr geltend gemacht haben als die Vermischung der Rassen, geben die Unterschiede zwischen den portugiesischen und deutschen Juden, Sephardim unb Aschkenasim, den besten Beweis, llnb damit gelangt der Autor zu seiner Hauptaufgabe. Er tritt den Beweis dafür an, daß der Jude überhaupt kein bloßes Naturprodukt, kein Resultat eines Bodens oder Klimas ist, sondern das künstliche Erzeugnis; einer doppelten Tradition und einer doppeltem Knechtschaft. „Er ist tHeils durch unsere Gesetze, theils durch die seinigen geformt, theils durch die Rabbinen, theils durch die Kirchenrechtslehrer. Das Ghetto hat die jüdische Rasse gebildet. Man hat sie gezüchtet, wie der Züchter eine thierische Rasse. Seine Eigenthümlichkeiten sind dein Juden durch die Existenz allsgeprägt worden, m die man ihn gezwängt hat." Das Ghetto nennt er das Haus, in dem Israel herangebildet wurde, Talmud nnb Bibel aber Vater unb Mutter. Wie das Kind den Erzeugern auch körperlich ähnelt und einen materiellen Zusanunenhang mit ihnen hat, so hat das talmiidische Judenthum, diese Gesammtheit von körperlichen Hebungen, ancl) den Israeliten physisch beeinflußt. Ohne sich weiter um den Ursprung der gesetzlichen Reinheitsvorschriften zu kümuiern, erfeimt Leroy-Beaulieu ihnen ein Verdienst unt die Kräftigung des Volkes zii. Die Thora machte aus hygienischen Vorschriften göttliche Gebote. Um heilig zu fein dem Herrn, seinem Gotte, mußte Israel sich äußerlich der Reinheit befleißigen. Der fromme Jude lebte daher in einer steten Furcht, sich zu verunreinigen, und wenn auch in der Pestluft der Jndengasse die körperliche Reinigung oft eine bloße Förmlichkeit geworden war, so ist doch trotz äußeren, oft aufgenöthigten Schmutzes der Jude in Betreff der persönlichen Sauberkeit den gleichzeitigen Christen überlegen gewesen. Tie Sorge für die Reinheit erstreckte sich auch auf die Nahrung, unb es läßt sich kaum bezweifeln, daß die Speiseaesetze ein Schutzmittel gegen manche Krankheiten gewesen sind. Der fromme Jude strebte aber nicht nur nach physischer, sondern auch nach sittlicher Reinheit, und somit hat das Gesetz Israel zu einem keuschen und trotz aller Leiden gesunden Stamme gemacht. Selbst der Mißbrauch der vorzeitigen Heirathen hat den Segen eines reinen Wandels und Familienlebens nicht vernichten können. Tie Betrachtung wendet sich alsdann der andern Seite dieser Allmacht des religiösen Gesetzes über den Juden zu, sie zeigt, wie sein Stammesgefühl, seine Neigung sich abzuschließen, allerdings begünstigt durch die allsschließenden bürgerlichen Gesetze, durch seine Riiell genährt wurden nnb ihn inmitten der andern Völker isolirten. Sehr verwundert ist der Alltor trotz seiner intimen Kenntnis; des Jlldenthllms, daß nicht einmal alle europäischen Juden der Gegenwart sich des Zwanges der Nahrungsvorschriftell elltledigt haben. „ES flieht