Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-11 · Heft 32 (11.8.1893) · p. Seite 376

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228019--50052-3271647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

376 ja bereu Presse, wie z. V. die früher echt und recht liberale „Badische Landeszeitnng", hier und da nach antisemitischer Kampfesweise die Juden für die politische Haltung der „Frankfurter Zeitung", die doch in gar keiner Weise niit den badischen Juden in Beziehiliig steht, verantwortlich machen möchte. Es will auch bei uns wie in Preußen den Liberalen immer »och nicht einleuchten, daß die antisemitische Beivegung sich in erster Linie gegen den Liberalismus wendet, und deshalb bedarf es der Abwehr nicht in gutmeinenden Resolutionen, sondern in praktischer Arbeit. Mögen sich dies besonders die jüdischen liberalen Größen in Mannheim und Karlsruhe merken, die allerdings von dem Antisemitismus nichts verspüren und deshalb, so lange das Wasser ihnen nicht selbst an den Hals geht, auch nichts zur Bekämpfung thun. Tie Juden auf dem Laude, die sich ohnehin größtentheils kümmerlich ernähren müssen und welche die antisemitische Hetze am meisten trifft, tonnen persönlich wie finanziell nicht viel oder gar nichts zur Bekämpfung beitrage». Hier muß der intelligente Theil unserer Juden abwehrend Vorgehen. Wir haben hervorragende Kanzelredner, anerkannte tüchtige Anwälte und Aerzte, ferner rednerische Kräfte im Lehrer- und Kaufmannsstande, aber noch wenige von diesen haben sich gerührt, um gegen die Hetze aufzutreten. Anerkannt und hervorgehoben zu werden verdient, daß die katholische Bevölkerung sich entschieden ablehnend gegen die antisemitische Bewegung verhält. Ihre Zeitungen warnen jederzeit vor dieser Trachensaat und ihre Geistlichen betonen das Unchristliche dieser Bewegung. (Baden hat - gKatholiken, ^Protestanten und 26,000Juden.) Namhafte Erfolge wie in Hessen und Sachsen wird bei uns der Antisemitismus nicht erringen, auch die konservativen Antisemiten haben bei uns keinen so großen Besitzstand, denn bei der letzten Wahl wurden insgesauimt einschließlich der Antisemiten nur 21,000 konservative Stimmen abgegeben. Ist also da-s Ergebniß in Baden, absolut genommen, nicht gerade erfreulich, so berechtigt es doch nicht zur Entmnthigung oder Verzweiflung, im Gegentheil sei es den Juden Badens ein kräftiger Sporn ,;u energischer abwehrender Thütigkeit. d Briefe aus Rußland. VI. Es giebt kaum noch ein Land, dessen innere Zustände und Verhältnisse der übrigen Welt so unbekannt und fremd sind, wie Rußland. Letzteres ist eine torrrr incognita im vollen Sinne des Wortes; sogar für die Bewohner des deutschen Reiches, trotzdem Rußland zu ihren nächsten Nachbarn gehört. So z. B„ als ich einmal im Hochsvminer besuchsweise in Berlin weilte, wurde ich von vielen Leuten, selbstverständlich zuerst von meinem Wirth, nachdem sie erfahren hatten, was für ein Landsmann ich sei, mit folgenden Fragen überhäuft: Bei Ihnen drüben (mit „drüben" bezeichnet der Deutsche Rußland oder Amerika) muß es doch jetzt schrecklich kalt sein? Haben Sie auch mal Sommer? Giebt es bei Ihnen eine Jahreszeit, wo man den Pelz entbehren kan»? Sind bei Ihnen wirklich so viel Wölfe, daß sie im Walde schon keinen Platz mehr haben und deshalb nach den Städten kommen, wo sie auf den Straßen spazieren laufen? Wenn der Fragesteller gerade ein Glaubensgenosse war und für seine Brüder „drüben" Interesse hatte oder zeigen wollte, so pflegten gewöhnlich nach den oben aufgezählten Fragen noch einige i andere zu folgen, und zwar: In den jüdischen Gemeinden muß es doch schrecklich aussehen? Haben unsere Glaubensgenossen dort Synagogen nach dem Muster der neuen Zeih? Haben sie auch gut eingerichtete wohlthätige Anstalten? und wie steht eS mit ihrer Bildung im Allgemeinen? Die letzten Fragen von meinen Glaubensgenossen befreindeten mich noch mehr als die ersten und ich dachte mir: Da schenken wir doch in Rußland so viel Interesse uusern Brüdern im Abendlande, wir verfolgen mit der größten Gespanntheit alle Nachrichten, die in den jüdischen Blättern Vorkommen, so daß uns kaum irgend eine Bewegung, wie klein und unbedeutend sie auch sein mag, entgehen kann, während unsere inneren Verhältnisse den abendländischen Brüdern fast ganz und gar fremd sind. Die Ursache dieser Mißverständnisse ist mir erst mit der Zeit begreiflich geworden; die jüdischen Zeitungen in Rußland, wie in der hebräischen, so auch in der russischen Sprache, sind unseren Briidern in Deutschland unzugänglich; es bleibt ihnen nichts übrig als die Nachrichten der verschiedenen Korrespondenten der deutschen Zeitungen aus Rußland. Merkwürdigerweise aber haben die ineisten Korrespondenten nichts Anderes zu thun, als über die Verfolgungen der Juden einzig und allein zu schreiben; sie sehen vollständig von der Schilderung des inneren Zustandes jüdischen Lebens in Rußland ab, wofür gewiß viele von unseren Glaubensgenossen im Abendlande ein großes Interesse hegen. Diesem Nebel abzuhelfen, will ich es versuchen, von Zeit zu Zeit in Briefen die Zustände der verschiedenen Gemeinden bei uns näher zu besprechen, woraus die Leser dieses Blattes unser inneres Leben kennen lernen sollen. Ich beginne aus verschiedenen Gründen gerade mit der Schilderung einer Gemeinde, die bei Weitem nicht zu den ersten bei uns gehört, nämlich mit Minsk. Die Gonvernementsstadt Minsk gehört zum Rayon, wo den Juden der Aufenthalt gestattet ist. Tie Zahl unserer Glaubensgenossen dort steigt bis auf 40,000 Seelen (die Zahl der sümmtlichen Einwohner betrügt 60,000 Seelen), welche verschiedene Klassen der Gesellschaft bilden. Zu der höheren Klasse gehören die Aerzte, Rechtsanwälte, Apotheker, Chemiker, Techniker, Lehrer re., wie auch die reichen Kaufleute, die hier zahlreich vertreten sind. In Minsk ist nämlich der Holz- und Getreidehandel stark entwickelt. Zur zweiten Klasse, welche zugleich die stärkste ist, gehören verschiedene Handwerker, wie z. B. Maler, Uhrmacher, Schneider, Schuhmacher, Zimmerleute, Dachdecker, Maurer, Tischler, Schlosser, Schmiede, Buchbinder, Gärtner, Glaser rc„ und endlich zur dritten Klasse: Steinsetzer, Wasserträger (Wodowosi), Holzhauer, Lastträger, Kutscher, Diener re. Während die zweite Klasse fast keine Konkurrenz von den dortigen Christen hat, weil dieselben in diesem Rayon sehr selten ein Handwerk fernen, hat die dritte Klasse dieselbe zu fürchten, weil die Zahl der russischen Holzhauer, Wassersührer, Lastträger und Kutscher nicht gering ist. Dank der jüdischen Nüchternheit halten aber unsere Glaubensgenossen diese Konkurrenz tapfer aus und bei jeder Gelegenheit wird ein jüdischer Lastträger oder Wasserführer seiner Pünktlichkeit wegen bevorzugt. An der Spitze der Gemeinde stehen zwei Rabbinen: Rabbi Jerucham, der wegen seines großen Wissens in der talmudischen Litteratur der von sümmtlichen Juden in Rußland genannt wird, und Herr Ehaneles, Zögling des ehemaligen Rnbbinerseminars in Wilna. Ersterer wird bei verschiedenen Schaalot in Anspruch genommen, während der Zlveite die Matrikel seiner Gemeinde zu führen und bei verschiedenen Gelegenheiten eine Predigt in russischer Sprache zu halten hat. Die Gemeindeangelegenheiten werden von einem dazu gewählten Vorstände geordnet und auf das Beste besorgt. In der Hauptsynagoge, welche ihres Baues und ihrer vorzüglichen Einrichtung wegen in der ganzen Umgebung bekannt ist, wird Gottesdienst dreimal täglich, besonders aber am Sonnabend und den Feiertagen, von dem berühmten Kantor Israel mit Begleitung eines Chors abgehalten. Aber noch in den vielen andern kleinen Synagogen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.