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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-11 · Heft 32 (11.8.1893) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 Vre Woche. 33erliu, l>. August. Das bedeutsamste Ereigmß der Woche ist die Vernrtheilnng des Antisemitismus durch den Rektor der Berliner Universität, Professor Birchow, von der höchsten wissenschaftlichen Stätte des Landes aus. Wir waren selbst so glücklich, jene ausgezeichnete Rede zu hören und tonnen den tiefen Eindruck koustatiren, den sie auf Freund und Feind hervorgebracht hat. Birchow sagte n. A. wörtlich: „Unsere Zeit, die in ihrem wissenschaftlichen Gefühl so sicher und siegesfroh ist, übersieht ebenso leicht, wie die frühere Zeit, die mystischen Biegungen, welche von einzelnen Abenteurern in die Volksseele getragen werden. Roch steht sie rathlos vor dein Räthsel des Antisemitismus, von dem Niemand weist, was er eigentlich will, und der trotzdem, vielleicht auch deshalb sascinirend selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Bis jetzt hat man noch keine Professur j d es Antisemit ismus gefordert, aber es wird erzählt, das; es! schon antisemitische Professoren gebe. Wer die Geschichte der : Naturphilosophie in ihren radikalsten Ausläufern kennt, der wird über j solche Erscheinungen nicht erstaunen. Ter menschliche Geist ist nur zu : sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnungsmäßigen Denkens zu verlassen und sich in träumerisches Tinnen zu versenken. Davor schützt nur, um mit Schuckmaun zu reden, der gesunde Menschenverstand, und wer diesen durch eine fehlerhafte Erziehung verloren hat, der kann sich; nur retten durch Gewöhnung an strenge empirische Arbeit. Mau muß : sich eben daran gewöhnen, das Unbekannte von dem Bekannten aus zu erklären, aber nicht umgekehrt, das Dunkle und Unbekannte, gleichsam als wäre es eine neue Wahrheit, zum Ausgangspunkte phantastischer Schlußfolgerungen zu wählen." Es ist übrigens bei dieser Gelegenheit interessant hervorznheben, daß auch in einer Festsitzung der Akademie der Wissenschaften — allerdings schon vor zwölf Jahren - der Antisemitismus öffentlich ' nerurtheilt wurde. In dieser Festrede sprach Theodor Mommsen in der Einleitung von den „ernsten und peinlichen Erscheinungen, welche die geistige Entwickelung unseres eignen Volkes aufweist." ... „Wir stehen vor und in einer spontanen Reerudeseenz alter, einer spontanen Regeneration neuer moralischer Seuchen, die mit epidemischer Gewalt um sich greifen und an den Grundlagen unserer Gesellschaft I rütteln," . . . „Wir sehen uns in ernsten Kämpfen mit Mächten, die wir, als wir jung waren, verachteten und verachten durften.! Ist das Reich Kaiser Wilhelms wirklich noch das Land Friedrichs des Großen, das Land der Aufklärung und Toleranz, das Land, in dem nach Eharakter und Geist, und nicht nach Konfession und Rationalität gefragt wird?" . . . Dieselbe Frage kann man übrigens auch in Oesterreich stellen. Dort wird nächstens der Prozeß gegen den berüchtigten Paulus Me per und gegen seinen Protektor, den Pfarrer Tr. Josef Deckert, zur öffentlichen Verhandlung kommen. Es handelt sich um jenen im „Vaterland" veröffentlichten Brief, der mit der Unterschrift des Paulus Meyer versehen war und in welchem dieser als Augenzeuge einen Ritualmord erzählt und die Personen namhaft macht, die sich in Ostrom, dem Schauplatze des angeblichen Verbrechens, an diesem Morde betheiligt haben sollten. Das „Vaterland" hat den Brief gedruckt und veröffentlicht, Tr. Josef Deckert hat den Brief zur Veröffentlichung übermittelt und Paulus Meyer wird als der Schreiber des Briefes angesehen. Tie Klage geht von den Juden der russischen Stadt Ostrom aus, die sich verleumdet, in ihrem guten Rufe angegriffen, in ihrer Ehre beleidigt fühlen durch die Beschuldigung,; einen Mord begangen zu haben; sie geht allch von Jenen ans, welche die Ehre ihrer Angehörigen wahrzunehmen haben, die bereits im , Grabe liegen. Ein interessantes Urtheil hat der berühmte italienische Gelehrte Lombroso über die zionistische Bewegung abgegeben. Auf eine diesbezügliche Anfrage von Wien antwortete derselbe: „Man sieht eine solche Aufrichtigkeit, eine solche Menschenfreundlichkeit, eine solche Unparteilichkeit des Urtheiles und der Logik in Ihrer Schrift, daß ich die Person, welche sie geschrieben hat, küssen könnte, und daß ich fühle, daß ich dieselbe lieben würde. Das hindert aber nicht, daß ich mir ihr nicht übereinstimmen kann. Es ist wahr, daß die Gemüthsbewegung i.remozione) die Grundlage einer Religion ist, und daß unsere geringe Erregbarkeit (emotiv’ita) das Entstehen neuer Religionen hindert. Aber in den nördlichen Gegenden wenigstens, sicher beim Angelsachsen, ist die Erregbarkeit und daher die religiöse Fruchtbarkeit nicht ausgelöscht. Und da, wo der Sozialismus so große Fortschritte gemacht hat, müßte der neue Glaube entstehen. Die tiefe Bewegung und Erschütterung, welche der beginnende Sozialismus hervorbringt, im Verein mit interessirten Hoffnungen, müßte dazu beitragen. Es kommt hinzu, daß die Wunder des Hypnotismus und des sogenannten Spiritismus geradezu geschaffen scheinen, um diese Gesammtheit (insieine) wunderbarer Phänomene vor zubereiten, welche in einer Religion Zusammentreffen, um vorwärts zn kommen. Es wäre das erste Mal, das; die Männer der Wissenschaft mit der Religion gemeinsame Sache machen würden. Ich kann für-'s Erste, was die Uebersiedlung (trasportoj der Inden nach Palästina betrifft, Ihre Meinung nicht theilen, wenigstens soweit es auf die Juden des lateinischen Europa, welche ich studirt habe, ankommt. Dieselben haben sich den Geist des Landes, in welchem sie leben, ein geimpft. Derselbe Konservativismus, welcher sie eine so lange Zeit bcu Ideen der neuen Länder hat widerstehen lassen, hat bewirkt, daß sie die Ideen der Länder, wo sie sich etablirt (stabiliti) haben, mit Hartnäckigkeil adoptiren Sie bewahrten deren Sprache und Tracht und nahmen selbe aucl) in andere Länder mit. Dieser nämliche Geist bringt es mit sich, daß sie, obwohl sie sich in bcu Ländern, in welchen sie seit fünf oder sechs Jahrhunderten Wurzel gefaßt haben, in ihrer Weise uaturalisirten. deren Lebensweise «l'nwlamento) angenommen haben und auch wahre Patrioten geworden sind. So sind sie in Italien nicht nur Italiener, sondern auch Veuetianer im Venetianischen, Piemontesen in Piemont. Sie haben sich allen Eigenlhnmlichkeiteu des Landes angepaßt. Wie ivürden sich diese jetzt verpflichtet fühlen, Patrioten in — Judäa zn iverden, ivetche Rasse von Ackerbauern wären diese Makler und Juwelen Händler') und welchen Ackerboden kann diese halbverfallene Wüste Palästina bieten, an nichts Anderem reich, als an Traditionen? Mit dem Glauben der Mormonen würden sie, glaube ich, dasselbe leisten können, wie jene an der Salzsee. Aber auch bei den Israeliten hat sich der Glaube, der Eifer abgesckpvächt, es fehlt daher die Bewegkraft, um Wunder zu bewirken. Davon nicht zu sprechen, daß die wenigen wahren Gläubigen, die Russen, die weniger knltivirt und daher nicht im Stande wären., die Wüste mit den Errungenschaften der modernen Eivilisation zn befruchten, mit Maschinen und der chemischen Industrie umzugehen." v Einen wahrhaft erhebenden Eindruck macht allen Nachrichten über antisemitische Versammlungen, Exzesse, Broschüren u. s. w. gegenüber der Bericht über eine Gastpredigt, die der gelehrte Universitäts- Professor Harnack in der Petrikirche hier gehalten hat. Die Worte, in denen der Herr Jerusalem den Untergang weissagt, nicht weil es ohne Religion ist, sondern weil es diese entwürdigt, znm Geschäft gemacht, in den Hader des Parteikampfes unb der Politik gezogen hat, bildeten für den Redner den Ausgang seiner Betrachtungen, an die er die Mahnung knüpfte, die wahre Religion des Friedens und der Liebe zn pflegen, den Haß und die blinden Leidenschaften, welche die Grundvesten des Staatsbaues lockern und unter der Hülle der Religion auftreten, zu bekämpfen. Es zog ein Geist ernster, eindring licher Mahnung, aber auch tiefen Friedens mit sich und Gott, der si In Italien giebt es viele einheimische jüdische Juwelenhändler und verkehren auch solche aus dem Auslände. Daher gerade dieses Beispiel.

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