Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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7. Jahrgang. Ar. 32. Allgemeine Berlin, 11. August 1893. eitung des Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Dostoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3M. Redacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philippson-Konn Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Der Zollkrieg im Osten und die Juden. — Die Doche. — Zur Konkursstatistik. — Der Antisemitismus in Baden. Von Max tl-aeiner. — Briefe aus Rußland. VI. Von Jz. Barsel. — Ein französischer Dledensapostel. Von R. Landsberg. (Forts.) Kuriose Geschichtsschreibung, lon Eduard Georg. — Feuilleton: Ter Stern von Zion. Von L. Tarlowski. (Fortsetzung). — Dagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. Fortsetzung.) — Zwei Gedichte von Jehuda Halevi. Von Dr. S. Flaschner. — kprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Dis der Provinz Posen, Gleiwitz, Aus Schlesien. Hannover. Frankfurt a. M., -inten, Wien. Amsterdam. Mosesville. — Bon Nah und Fern. — Miscetten. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. ller Zollkrieg im Osten und die Juden. Berlin, 9. August. Die „Reichslande" oder den „nordwestlichen Kreis" nennt dos -üfizielle Rußland jene 7 Gouvernements, auf welche die Anfenthalts- ^rechtigung der russischen Inden beschränkt ist. Zu Anfang der iichtziger Jahre, als die Juden noch ans dem flachen Lande daslbst wohnen durften, setzte sich die Bevölkerung in den 67 Kreiss idten des sogenannten „Ansiedelungsgebietes" aus 57 Prozent Juden und 43 Prozent Nichtjuden zusammen, und man hörte die nntii mitischen Organe Rußlands darüber jammern, daß die Juden die .Herren" in den russischen Reichslanden wären, denn das nationalmssische Element bildete in der That eine im Wesentlichen auf die Beamtenschaft beschränkte Minderheit, während die Polen sich den „moralischen Eroberungen" der griechisch-orthodoxen Kirche gegenüber ebenso ablehnend verhielten wie die Inden. Erst in allerjüngster 5eit konnte daher ein Blatt an der Newa mit Recht schreiben: „Die /rage der wirksamen Assimilation unserer westlichen Grenzmarken ist mit der Lösung der viel diskutirten Judenfrage identisch und die Aussifizirung der Reichslande wird ohne die Proklamirung der vollsten lileichberechtigung der Juden nie und nimmer gelingen." Was geschieht nun seitens des offiziellen Rußland thatsüchlich? An Stelle der Freizügigkeit treten neue Beschränkungen in Kraft, und die wirthschaftliche Bewegungsfreiheit wird durch den ins Leben getretenen Zollkrieg mit Deutschland gehemmt, dem Grenzhandel hetzt eine traurige Zeit bevor, und damit wird die Lebensader dieser Aeichslande unterbunden. Hierbei sind natürlich die Juden in erster Aeihe mit betroffen. Der Handel ans den Hauptgrenzströmen, der Weichsel und der Memel, liegt in den Händen deutscher Großkaufleute, und ihre Vermittler, Makler und Spediteure sind die in dem Grenzgebiet wohnenden Juden. In einer im Jahre 1727 erschienenen Schrift „ErleuterteS Preußen" heißt es von diesem „konsiderabeln" Handel, daß die Juden „ihre Maaren nach Königsberg transportiren und von da wieder allerhand Maaren, als Salz, Wein, Eisen und Kramwaaren, heraufbringen". Als Rußland sich durch seine Industrie- Zölle die Konkurrenz der Freihandelsstaaten, zu denen eine Zeit lang auch Deutschland gehörte, vom Halse schaffen wollte, tauchte auch zuerst jener berüchtigte Grenzukas auf, der bereits vor mehreren Dezennien die Jsolirung der russischen Juden in den Grenzstädten bezweckte, um sie ihrer Vermittlerrolle im Grenzgebiet zu berauben. Damals, anfangs der sechziger Jahre, hörte Rußland noch auf die Stimme des Westens, und als fast die gesammte europäische Presse, voran die „Kölnische Zeitung" und die damalige Leipziger „Allgemeine Zeitung", sich gegen diese barbarische Maßregel erhob, wurde der Ukas zurückgezogen. Erst durch den infolge des blühenden Grenzhandels sich hebenden Wohlstand der östlichen Juden wurde das bahnbrechende Wirken Moses Mendelssohns als eines Vermittlers zwischen der jüdischen Bevölkerung des europäischen Westens und Ostens ermöglicht. — Auch Rußland wird einmal zur Erkenntniß kommen, daß es sich durch sein Vorgehen gegen die Juden in das eigene Fleisch schneidet. Bereits erheben sich einzelne warnende Stinnnen. So veröffentlicht die „Nedjelja" einen längeren Leitartikel unter dem Titel „Das hysterische Element in der Politik", in welchem es heißt: „Es ist unser nationalrnssisches Unglück, in den wichtigsten Fragen des Staatslebens die überlegende Vernunft nicht zum Worte kommen zu lassen, vielmehr sich lediglich durch die dunklen Gefühle der erregten Leidenschaft leiten zu lassen. Mag man mit den Publizisten im „Grashdanin" und in der „Nowoje Wremja" sechs Tage lang herumdisputiren und ihnen sonnenklar beweisen, wie sehr sie durch ihre wüste Judenhatz die besten Interessen des Vaterlandes schädigen, am siebenten Tage bekommt man doch den brutalen Machtspruch zur Antwort: „Wir »vollen keine Juden ans der heilige» russischen Erde." Nun, der Fortschritt der Weltgeschichte läßt sich nicht aufhalten, wer dem Rade der Zeit am brutalsten in die Speichen fällt und aller natürlichen Entwickelung höhnenden Trotz bietet, fördert vielleicht am allerersten die Wendung zu einer besseren Zeit. Das Maß der Leiden unserer Glaubensgenossen im Osten ist voll, trotz der „Kreuzzeitung", die behauptet, der Zollkrieg würde nur den poluischeu Juden zu Gute kommen; die Aermsten können dadurch, daß man ihnen auch das letzte Stückchen Brod fortnimmt und sie durch drakonische Maßregeln förmlich zum Schmuggel zwingt, nicht einmal in ihrer moralischen Entwickelung geschädigt werden, denn Recht und Sitte hat das „heilige Rußland" ihnen gegenüber längst mit Füßen getreten, aber die Religion Israels hat dm Kern ihrer in diesen Erdenwinkel verbannten Bekenner doch vor Abwegen und vor sittlicher Fänlniß bewahrt. Daß es auch fürder in diesem Punkte so bleibe, ist unsere Hoffnung. Einmal wird doch die Stunde der Besserung schlagen. 9