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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-04 · Heft 31 (4.8.1893) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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370 beschlossen Hot, wo der Aigle und ein fremder Hondwerksbursch gewaltige Reden geführt haben. Die Bcrachtelstcn, die auf Gcmeindckosten erhalten werden im Dorf, sind in das Lädle gekommen, sie habe» sich nun auch einmal überheben können, den» mehr wie die Juden fühlen sic sich doch. Tie alte weiße Frau hat nur ein stilles Lächeln und Kopfnicken dafür gehabt und nicht gegen den Sohn und die Tochter darüber geredet. Aber ihre eigenen Gedanken hat sie und die trösten sie. Wenn der Bartel einsieht, daß keine Gewalt der Erde das blonde Dörtle ihm znwenden kann, wenn er weiß, cs leidet unter der Verachtung der Dörfler, so lange cS nicht das Weib eines rechtschaffenen Bauer» ist, und wenn er endlich fühlt, daß der alten Wittwe die Eristcuz untergraben wird, so wird er sich schon geben und an seine Pflicht denken. Das Dörtle ist noch eine Gefangene unter des Vaters Augen und der junge Ehristophle sitzt mit dem alten Christoph seit dem Unglückstag zusammen, um zu berathen, was in der heiklen Sache zu thun ist — und so diel sie auch Nachdenken, zu einem rechten Schluß können sie nicht kommen. Wenn der Christophle das gewichtige Wort gesagt hat: „Aber Vater, schau auch, ansspotten lassen ist ein besonderes Ding," so hat der alte Ranz die Gegenrede: „O freilich, Bn', aber das Schwadcrer- Gnt — so ein' Gelegenheit kommt nimmer." Und so berathen sie immerfort mit einander und zeigen sich nicht draußen und kommen zu keinem Ende. Bartel geht wie ein Kranker herum und dankt cs in seinem Herzen der Mutter, daß sie seine Wunde nicht berührt. Seit Frau Sarah weiß, daß seine Verirrung dem blonden Dörtle gilt, ist keine Verwünschung mehr über ihre Lippen gekommen, sie <veitz gut genug, daß um derer willen ihr Sohn kein Abtrünniger werden kann. Der Schwaderer selber würde sein Kind eher erwürgen, als es einem Juden zur Gattin gebe», und sie fühlt eine Art dankbarer Regung für den eisernen Bauer, der eine verwandte Ader mit ihr hat, einen unbeugsamen Sinn für das, was Sitte und Religio» betrifft. „Das wird keinen lustigen Herbst geben ans dem Gut," sagen die Leute. Und heute ist gar etwas Besonderes dort vorgekommcn, der Bauer und die Bäuerin haben eine Reise angctreten, die sie eine Rächt nnd zwei Tage fern halte» wird, das ist seit Meuschengedenken nicht dagewesen, nach Stuttgart sogar sind sie, nur zum Plaisir; und das Dörtle, ohne das sie sonst nicht vor's Dorf gegangen sind, sitzt immer noch in seiner Kammer; Hans, Hof nnd die gefangene Eichkatz sind unter der Hut der alte» Magd. Gegen die Mittagsstunde trägt sich auch ein ungewohntes Ereignis; im Judenhüusle zu. Bartel hat nicht darauf geachtet, daß Mutter und Schivestcr arg beschäftigt gcivesen sind im Häuslichen — der Laden läßt ihnen ja ohnehin jetzt gute Ruh — aber sie haben ausnahmsweise gekocht und gebraten und sind dann in ihre FeiertagSgcivänder geschlüpft und Frau Sarah hat ihre Sabbathhaube auf den stopf gesetzt. Daß Bartel selber in seinen besten Kleidern steckt, iveiß er gar nicht einmal, die Mutter hat ihn der anderen hinterlistig beraubt, als er noch schlief. Er sitzt am Fenster und liest eine Geschichte von recht unglücklicher Liebe, als ein Wagen langsam heranrollt; das passirt schon oft genug in dem Tors, ater daß ein solcher mit einem Ruck vor dein HänSle hält, das macht ihn anfblickeu. Und dann muß er staune». Eine leibhaftige städtische Kutsche, die sich auch noch wo anders sehen lassen könnte, als in Ditzingen, und an deren Schlag stehe», als hätten sie besonders darauf gewartet, Mutter und Schivestcr, nnd die erste grüßt ganz vornehm und sicher und Lea etwas verschämt linkisch, und dann kommt ein dicker Alter mit etivaS Mühe i herab und nach ihm eine kleine Mädchengestali in einem himmelblauen i Kleide mit vielen rosa Schleifen, einem großen, runden Blumenhin. Rüben Low mit seinem Veilchen! Wer könnte es anders sein' i Bartel schaut sich um. Wohin nur kann er entweichen? Rüben s Löw, der Mann aus dem stattlichen Haus, hier in der Hütte du s Armuth — hier, um ihn zu mahnen, daß er das Wort einlös., - welches die Mutter für ihn gegeben! Eine plötzliche, entsetzliche Angst und Verschämtheit überkom» i s ihn, ein Schuldbewußtscin. Wie soll er dem alten Manu gegenübers treten, ivelcher vertrauensvoll sein Kind herüberbringt, um dessen s Zukunft in seine Hände zu legen? Und drüben, hinter den Zweige >! der mächtigen Eiche, ist ein enges Kämmerlein, da sitzt ein blonde: Mägdlein und weint sich die blauen Kinderaugen trübe, um seimw willen! Ein wilder Zorn auf sich selber erfaßt ihn — aber er wen nicht aus und ein — nnd da sind schon Schritte ans der knarrende! Stiege und jetzt öffnet sich die Thür. Die alte Sarah bekomplimentirt die Fremden so sicher uu unbefangen herein, als führe sie dieselben in einen Fürstensaal - sie sehen Beide erwartungsvoll den Stehenden an. Da muß er dock auch zeigen, daß er Bildung hat und gelernt hat, höflich zu sein. Der alte Löw fällt mit einer wahren Fluth von Worten »tu ihn her; Veilchen steht dabei, scheu und schüchtern. Sic ist unscheinbar jvie Lea, ihre grauen Augen haben etwas roth gesäumte Ränder abschreckend ist sie nicht, bunt aber, wie ein Stieglitz, nnd die golden Kette, welche Frau Sarah neulich ein Geschirr genannt hat, schein j fast zu schwer für den dünnen Hals zu sein.! „Und," schließt der reiche Mann aus Weil der Stadt endlick! seine Rede, „da hat das Veilchen gesagt, Vatcrlc, hat's gesagt, wem! der Barnch nit kommen kann zn uns, so laß uns reisen zu ihm. Um | was das Veilchen einmal will — Gott, ich bin ein schwacher Vater! j Nun muß sich Bartel auch dem jungen Mädchen gegenüber höflich erzeige», so wenig ihm an ihr liegt, es schmeichelt ihm doch! daß blos auf den Anblick seines Bildes hin das Veilchen besiegt n»l i verliebt worden ist. Er sagt ihr, das; Roth und Blau gerade crs in Paris zusammen getragen sind. Veilchen Löw wird dunkelrotl und stottert nach einer Weile:! „Aber arg gut gemacht ist das Bild nit!" j „Schau ich in Wirklichkeit wüster aus?" fragt Bartel uud dreh i an den Spitzen seines schwarzen Schnurrbartes. „O nein," flüstert Veilchen und sieht verwirrt zur Erde. „Grad j das Gegeutheil ist's." j Mit einem bedauernden Blick sicht Bartel über die kleine Gestalt hin, der Sieg ist ihm leicht geworden, er hat noch nicht einmal di- Absicht dazu gehabt. Ja, wenn er nur nicht an die gelbe Eichkal denken müßte — wie so anders ist das gewesen! Erst ihr wilde Trotz und dann auf einmal die kindliche Demuth. „O, Veilchen Löw," sagt er sich im Stillen, „Du hast eine ge fährliche Nebenbuhlerin, Tu!" Sarah und der Alte haben genug mit einander zu reden und Lea geht schassend und sorgend auf und ab, bis das Essen nusgetragen ist. Sie lasten die beiden junge» Leute ruhig mit einander plaridern und werfen sich ab uud zu einen Blick des Einverständnisses i zu. Sarah verrätst dem Lölv aber nicht, wie sie selber so erstaunt ist,! daß Alles so gut geht — hat sie doch ihren letzten Trumps ausgespielt, ' indem sie durch Lea die Gäste hat laden lassen. Bon Hvchzeitsplänen wird weiter nicht geredet, das steht ja schon Alles zwischen den Eltern fest — und Bartel denkt: Ei, wenn sic auf nichts hinzielcu, so brauch ich auch nichts abzmveisen — nnd laß es herit eben gehn, wie's gehn will.

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