Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
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kommen, das Lebe» zu verabscheuen, dieses Leben, das doch sein eigenes Wert ist, für dessen Schäden er selbst die Verantwortung trägt, und dessen Glückseligkeit sein eigenes Verdienst ist. Ebenso ist das Waltenlassen des Zufalls ein wesentlicher Bestaudtheil einer pessimistischen Lebensauffassung. Das Unberechenbare i ist stets zugleich etwas Grauenhaftes, und wer sein Auge angestellt j hat, Alles schwarz zu sehen, mus; auch auf das Dunkle, Urplötzliche,! Zufällige seine Blicke richten. So ist denn auch die Anerkennung j des „Zufalls", als eines sehr bedeutungsvollen Moments im menschlichen Leben, Kohelet und Schopenhauer gemeinsam. Was Kohelet anbetrisst, so ist es als bekannt vorauszusetzen, das; er fortwährend! vom Zufall spricht, mrd daß es eben der Zufall ist, der ihin stets! Furcht und Angst einjagt. Schopenhauers Stellring zur Anerkennung; eines Zufalls zeigt folgende Stelle: „Der Zufall hat bei allen menschj licheu Handlungen einen so großen Spielraum . . . ., daß wir in! unseren Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft greifen müssen."^ So stimmt also Schopenhauer auch in diesem so wichtigen, von den Philosophen aller Zeiten mit großer Schärfe diskulirten Punkte der Weltanschauung mit Kohelet überein. Wenn wir nun aus diesen wenigen, aus einer sehr großen Reihe herausgcgrissen, gemeinsamen Gedanken eine» Schluß ziehen wollen, so crgiebt sich, daß Schopenhauer, trotzdem er mit Geringschätzung und dein nur ihm eigenen verachtende» Tone vom Judeuthum und! seinem Kanon spricht, in diesem doch ein Werk finden konnte, au das! er sich in vielen grundlegenden Ansichten anlehnt, und von dem er Vieles, sehr Vieles gelernt hat. Dies auch eine bcmerkenswerthe Eigcnthümlichkeit jenes unendlich tiefe» und breiten Urquells der menschlichen Kultur: fein Wasser i befruchtet die verschiedenartigsten Gefilde und zeitigt die verschiedensten; Saaten. O. T. N FEUILLETON -**- Arr Stern mn Iion. Eine historische Erzählung von L. Tarnowski. (Fortsetzung.) Wahrend Elieser dies geredet, hatte die Toilette ein Ende genommen; die Sklaven hatten den mit süßen Aromen durchräiichcrten Saal verlassen, und Gabiniiis Fullo hatte, in prächtiger Haustleiduug auf dem wieder geordnete» Ruhebett fitzend, mit großer Ausmertfaiiikeit den Worten des Judäers zugehört. Als! dieser schwieg, wurden die finstern, schlaffen Züge freundlich! und lebhaft, die kleinen Augen blitzten begehrlich auf und der; Mund sprach: „Alter Fuchs, ivcr will Dich denn spießen lassen? ■ Das wäre wahrhaftig ein dummer Streich! Du bist ein tliiger Schuft, tlug wie die Eule Minerva's, lind das gefällt mir an Dir; Du ver-; dientest beinahe, ei» Römer zu sei». Wohlan, ich will Dich über; Land und Leute setzen; schaffe mir mir recht viele Erbschaften; die; Mittel, durch welche Tu das bewirkst, sind Dir ganz überlassen, j Geld muß ich haben, bei den ewigen Göttern; Geld ist die Seele der Welt >i»d hat göttliche Kraft; es thut Wunder, da die Götter l keine mehr ihnn; Geld ist das Heil der Welt, oder wie ein Jude : sagen würde: der Messias!" Bei diesen Worten sprang der Römer auf, und Gier und Habflicht sprach aus seinem ganzen Wese»; Leidenschaften, die nur | M Wie sich aber die Lehre vom Fatalismus mit der vom Zufall in Eiiiilaug bringe» lasse, ist schlechterdings nicht abzusehen. zmveileu von Blutdurst und Grausamkeit verdrängt wurden. Er schritt im Saale hin und her, und Elieser, der ohne Weiteres fiel; am unteren Ende des Ruhebettes niedergelassen, sah ihm nach mi: grimmigem Blick. „In drei Tagen trifft mein Gebnrtsfest," sagte Gabinius, vor dem Alten stehen bleibend, „und in sieben Tagen sind es sieben Jahre, daß ich hier einzog, von dem glorreichen Kaiser Hadrianu zum Statthalter dieses Landes bestellt. Ich will hoffen, daß gan Judäa an diesen Tagen mir Geschenke bringt vom Besten, was hat, sonst würde meine Milde und Langmuth ein Ende haben, uni die Juden sollten fühlen, daß Gabinius Futlo auch Tyrann zu seit versteht. Wie? Was meinst Du? Sprich und fletsche nicht di Zähne wie ein Narr!" setzte er heftig hinzu, als Eliesers Gesicht eil spöttisches Lächeln überflog. „Perle von einem Quinten," sagte drauf Elieser mit große Höflichkeit, „Dein Gebnrtsfest wird ein Jubelfest sein im ganzen Lande, von Tan bis Bcrsaba, von Gaza bis Gilead, von Sareptc bis in die Salzwüste. Sieben Jahre hat Deine Hand über den Lande huldreich gewaltet; ich weiß, diese Jahre haben Dir wenig eingetragen; wisse, es waren die sieben mageren Jahre, die einen unserer Erzväter dem Pharao von Aegypten gewcissagt. Juden war entkräftet durch die harten Wrmden, die Euer Volk ihm geschlagen jetzt hat es sich erholt und erkräftigt durch Deine Milde und Güte jetzt kommen sieben fette Jahre; Israel wird erkenntlich sein und dar Beste bringen, was es hat, den Messias, wie Tn vorhin sagtest und das ganze Land wird Dir den Lohn bringen und sich röthci in toller Freude, und wenn dies nicht wäre, so müßten die Röme> kommen und das ganze Volk vertilgen von der Erde, denn Gercchügkeü nmß sein und Bergeltung im Guten und Bösen." Der schlaue, in der Verstellung geübte Elieser war bei dein elenden Ansinnen des Prokurators trotz aller Mühe nicht im Siandc gewesen, die innere Gluth zu verbergen, denn bei jedem Wort hatte ei sich mehr erhitzt, und das Letzte hatte er mit brüllender Stimme und wilder Geberde herausgestoßen, daß der Römer staunend zurückfuhr, und als der Alte schwieg, sagte: „Was ficht Dich an? Bist Du verrückt? Wer wird denn so blutdürstig sein rmd Alles mit einem Schlage vernichten wollen? Du versicherst ja, daß die Juden erkenntlich sein werden, rmd ich glaube, Du thätest gut, den Stadtvögtcn meinen Wunsch mitzutheilen; Du hast Ansehen bei Deinem Volke, und die Sache ist abgemacht." Elieser hatte während eines Augenblicks Zeit gehabt, seine Unbesonnenheit zu bereuen und wieder in die alte Rolle sich zurechl zu finden. „Verzeih, großmächtiger Sohn der ewigen Roma," sagte er, „daß mich der treue Eifer für Dich zu weit führte. Ich konnte nicht anders; ich müßte wahnsinnig werden, wenn Israel so verrucht wäre, nicht erkenntlich zu sein und Dir den Messias zu bringen; aber es ist nicht nröglich, das große Fest lvird angeordnet werden, laß mich dafür sorgen." Gabinius Fullo war beruhigt und sehr vergnügt, denn er spielte mit beu Fingern der einen Hand auf dem umfangreichen Bauche, mit der andern Hand aber kraute er schmunzelnd den glänzenden, duftigen Bart. Tann stieg er wieder auf und ab und murmelte vor sich hin, endlich blieb er wieder am Fenster stehen und sagte: „Elieser, schaffe mir eine neue Geliebte: Thirza ist ein kaltes Wesen ohne Geist und Gemüth; ich will sie nicht mehr scheu. Ich schenke sie Dir zu Deiner Belustigung; bringe sogleich einigen Sklaven meinen Befehl, sie fortzuschaffen, wohin Du willst; doch versteht sich, blos das Weib; die Kostbarkeiten, welche sie aus meiner Hand empfangen, bleiben hier; sie gehören den Nachfolgerinnen der Thirza von Kalirrhoö."