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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-04 · Heft 31 (4.8.1893) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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367 (Mächtigen) Stimmen entthen."') So haffew, entrind nichts fen Worten idingtes wie r Gesammtkohelet ganz »rrige Thatne Art von igen bedient Schopenhauer , natürlichen iamkeit und let. Diesem seine eigene scheu gesellt; Freundschaft denn wenn »neu; wenn aufzurichte». l aber dem reist, können i reißt nicht s Freundes. >u° Frermd- „Uebrigens? Erwärmen ckches sie bei Allein wer ng nicht."") cken, das ist ehre. Nun ni, während stet. Kohelet ern Ausbail f)t. Er sagt: werde (rccht- 1 Ausartlmg den ihnen ienschen sind Schlechtigkeit wir wieder es und die Die beiden ul gewissen ein er das hen, als das >er desVeri Menschenrschied, daß >u trauriger Erfahrung in eine pessimistische Gemüthsstimmung und Geistesrichtung geworfen wird. Dies wären im Allgemeinen die grundsätzlichen Unterschiede, aus denen viele andere, mehr oder minder bedeutende Unterschiede in den Regeln zur Lebensführung bei Kohelet und Schopenhauer fließen. Wir sagen: in den Regeln zur Lebensführung; denn nur diese sind es, die bei dem vorliegenden Vergleich in Betracht kommen. In dem Werke: „Aphorismen zur Lebensweisheit" hat Schopenhauer seine praktische Philosophie iliedergelegt, und diese praktische Philosophie steht in vielen Stucken unter dem Einflüsse des Buches Kohelet. Schon die Methode der Behaildtung erinnert sehr lebhaft an Kohelet; und was den Inhalt betrifft, so steht Schopenhauer selbst nicht an, zu erklären, daß er von der Lebensweisheit des „Pseudo-Salomo" seinen Ausgang nimmt. Häufig citirt er den Kohelet, wo er mit ihm ganz, manchmal jedoch, wo er blos mit gewissem Vorbehalt sich seiner Ansicht anschließt. „In Beziehung ans den Grad der Erkenntnis;, nicht auf das bloße abstrakte Wissen, verstehe und gebrauche ich den Spruch des Kohelet (1,18.): Qui anget scientiani, anget dolorem.1)" So an einer Stelle, wo Schopenhauer tief in metaphysischen Spekulationeii versunken ist, und soinit das „metaphysische Bedürfniß", das ein Grundpfeiler seiner Lehre ist, nicht zerstören kann. An einer andern Stelle jedoch, wo es ihm blos um eine Berwerthung seiner Lehre sür's Leben zu thun ist, heißt es: „Alle Einschränkung beglückt, Je enger unser Gesichtskreis ist, desto glücklicher sind wir."-) Hier bekennt er sich also schlechtweg, ohne jede Einschränkung, zur Kohclet'schen Ansicht. Kohelet ist eben blos der Begründer einer drirchaus praktischen Lebensphilosophie, die er freilich aus mehr oder minder tiefen theoretischen Betrachtungen aufbaut. Dagegen ist Schopenhauer vorwiegend theoretischer und spekulativer Philosoph. Sein jedenfalls sehr anspruchsvolles Bestreben, seine Philosophie zum Fundamente des Baues einer „Lebensweisheit" auszugestalten, schlägt naturgemäß fehl, und er verirrt sich sehr oft in geradezu auffallende Widersprüche, was übrigens auch bei Kohelet nicht zu den seltensten Vorkommnissen gehört. Im Allgemeinen könnte man sagen, daß eine „pessimistische Lebensweisheit" den Keim zu Widersprüchen in sich trage, ja, schon ein Widerspruch i» sich sei. Die weite Kluft, welche zwischen dem natürlichen Triebe, zu leben und die Lebensgüter zu genießen, einerseits, und der künstlich gezüchteten Lebensverachtung andererseits, einmal besteht, kann durch keine, wenn auch noch so scharfsinnige Philosophie überbrückt werden. So sind denn die häufigen Widersprüche ein gemeinsames Merkmal aller pessimistischen Lebensweisheit und somit auch der Kohelet'schen und Schopenhauer'schen. Aber außerdem haben sie beide eine sehr große Anzahl von gemeinsamen positiven Urtheilen über Welt und Menschen, sowie Gedanken zur Lebensführung. Hier sollen jedoch blos einige wenige angeführt werden. — Schopenhauer empfiehlt, stets nur in der Gegenwart zu leben, ohne mit den Gedanken zurück in die Vergangenheit, oder mit der Phantasie weiter in die Zukunft zu schweifen. „Die Gegenwart ist die real ansgefiillte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern Aufnahme würdigen ii. s. w."3) Diesem Gedanken, den übrigens Schopenhauer ziemlich oft wiederholt, manchmal aber etwas direkt Entgegengesetztes zu behaupten sich erlaubt, begegnen wir sehrhäufig in Kohelet. „Es ist besser, das Sichtbare (Gegenwärtige rc.) zu genießen, als das Herumschweifen mit der Seele."") „Wer bezeichnend. ") Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung £ 56. '-) Schopenhauer, Paranäse» und Maximen. -h Schopenhauer, 1. e. S. -141. ") Kohelet, VI, 06.! den Wind erwartet, wird nie säen, und wer auf die Wolken sieht, wird nie ernten."1) „Sprich nicht, wie ist's denn gekommen, daß die früheren Tage besser gewesen waren als die gegenwärtigen. Denn nicht aus Klugheit hast du also gefragt."^) Immer ist also dem Kohelet die Gegenwart, der gegenwärtige Augenblick, die einzige Zeit des Lebens, die man daher losgelöst von Vergangenheit und Zukunft genießen soll. An einer andern Stelle schwankt Schopenhauer in Bezug auf diesen Gedanken, indem er sagt: „Man kann allerdings die Lehre aufstellen, daß die Gegenwart zu genießen und dies zum Zwecke seines Lebens zu machen, die größte Weisheit sei; weil ja jene allein real, alles Andere nur Gedankenspiel wäre. Aber ebenso gut könnte man es die größte Thorheit nennen; denn was im nächsten Augenblicke nicht mehr ist, was so gänzlich verschwindet wie ein Traum, ist kaum eines ernsten Strebens werth."3) Nun, Kohelet vertritt die elftere Anschauung; aber er macht die Gegenwart nicht zum Gegenstände irgend eines ernsten Strebens. Das Genießen der : Gegenwart, ohne jede Rücksichtnahme auf Vergangenheit und Zui kunft, soll blos die Beschäftigung abgeben, die dem Menschen das i Waten im Sumpfe des Lebens, in welchem so selten trockene Stellen zum Vorscheine kommen, etwas erträglicher machen. Für ernstes Streben ist in diesem „Jammerthal" überhaupt kein Spielraum vorhanden: „denn das Geschick des Menschen und das des Viehes ist ein und dasselbe Geschick. Wie dieses stirbt, so stirbt auch er; ein Geist beseelt Alles, und der Mensch hat keinen Vorzug vor dem Vieh. Ist doch Alles insgesammt eitler Tand."") Hier thut sich der tiefe Abgrund der pessimistischen Lebcnsanschanung vor uns auf. Und; Kohelet und Schopenhauer werden von Zeit zu Zeit diesen Abgrund gewahr. So lassen denn Beide hier und dort Helle Strahlen durch die wüste Finsternis; des Pessimismus schimmern, indem sie doch manchmal; den Ausblick eröffnen auf etwas Ideales, Hohes, an sich Zweck Seiendes und daher Erstrebenswerthes. Der große metaphysische Philosoph läßt uns in der Befriedigung des „metaphysischen Bedürf- 1 nisses", des Erkenntnißdranges, einen erstrebenswerthen Lebenszweck erblicken, während der jüdische Dichter-Philosoph uns auf die Religion, die Gottesfurcht verweist. Merkwürdig übereinstimmend sind Kohelet und Schopenhauer in der Anertennung einer fatalistischen Weltordnung. „Was geworden ist, war schon längst mit Namen benannt und bekannt (fest bestimmt). Der Mensch jedoch, als solcher, kann nicht aukümpfen gegen das, was stärker ist als er."») Alles, was geschieht, ist also schon längst bestimmt gewesen, und der Mensch kann der Allgewalt des Fatums nicht Trotz bieten. Ungefähr in derselben Weise bringt auch Schopenhauer diese Idee zum Ausdruck. Er räth, ein unglückliches Ereignis; aus dem Gedüchtniß zu verwischen, um sich weiter darüber keine Gedanken zu machen, und führt weiter aus: „Wer aber dazu nicht leichtsinnig genug ist, flüchte sich auf den fatalistischen Standpunkt, indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht, das; Alles, was geschieht, nothwendig eintritt, also unabwendbar ist."3) An einerandern Stelle heißt es: „Das Schicksal mischt die Karten und wir spiclen." In diesen drastischen Ausdrücken bekennt sich Schopenhauer zur Anerkennung einer fatalistischen Weltherrschaft. Allerdings ist der Fatalismus mit dem Pessimismus im Allgemeinen eng verwoben. Wer daran festhält, das; er Herr seines Lebens ist, das; er im Stande ist, seinem Leben die Richtung vorzuzeichncn, kann niemals dazu >) ibid. XI, 4. -) ibid. VII, 10. 3) Schopenhauer, Lehre von der Nichtigkeit des Lebens. ") Kohelet, III, 1!>. -’) ibid. VI, 10. li) Schopenhauer, 1. c. S. 443.

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