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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-04 · Heft 31 (4.8.1893) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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366 schon ein Produkt der modernen Civilisation geworden sein, ehe er im Stande ist, die Ideen anfznnehmen, deren Erzeugung man ihm vorwirft. „Von allen Feinden, die es überdauert hat, ist ihm vielleicht keiner so gefährlich gewesen als unsere moderne Gesellschaft." Was den Christen vom Christenthum löst, das entwurzelt das Judenthum im Juden. „Ter Skeptizismus, der Materialismus, der Nihilismus, anstatt Produkte des Judcnthums zu sein, bezeugen nur die Berührung der Jude» mit uns." „Wenn der Vorwurf der Unproduktivität, den man dem Juden macht, irgendwo gerechtfertigt ist, so ist er es hier, wo er in der That nur die Rolle des Vermittlers spielt." „Er gehorcht nur dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, wenn er zur Verbreitung der Ideen beitrügt, die nach »nseri» Geschmack und daher einträglich sind." Nicht im jüdischen Geist sieht unser Autor eine Gefahr für das Christenthiim, dazu seien sie einander zu ähnlich. Wohl aber für beide in der Vergötterung der Natur und des Menschen, in jenem unbewußten Heidenthum, das der Bibel noch mehr widerstrebt als dem Evangelium. „Sb individuell oder allgemein, die Vergötterung des Geschöpfs ist die unbedingte Verleugnung des Jndenthnms: „Ich bi» der Ewige, dein Gott, du sollst keine andern Götter haben neben mir", so spricht der Herr." (Forts, folgt.)? Kohelet und Schopenhauer. Eine Parallele. II. Kohelet und Schopenhauer, beide verkünden eine pessimistischnegative Lebensweisheit. Und doch gehen ihre Lehren in manchen Grnndzügen weit auseinander. Dem Pessimismus Schopenhauers liegt eine in seiner persönlichen Stiinmimg, in seinem Temperament gelegene Misanthropie zu Grunde. Er haßt die Menschen von Natur und kann in ihnen nichts Gutes wahrnehmen. Kohelet dagegen baut seine düster» Gedanken und Empfindungen über das menschliche Elend auf einer Unzahl von bitteren Erfahrungen auf, die er im Leben gemacht hat. Bei Schopenhauer ist der Pessimismus sozusagen apriorisch; er trat mit ihm in die Welt; während er bei Kohelet als aposteriorisch, als etwas von außen Aufgezwungenes erscheint. Von Schopenhauers Leben wissen wir — nach den Schilderungen seiner eigenen Mutter — daß er noch als junger Knabe nicht schlafen konnte, wenn nicht ein Schwert über seinem Bette hing. Er witterte überall Verbrechen und Verrath schon in einem Alter, wo er über etwaige Lebenserfahrung noch nicht verfügen konnte. Was sehen wir aber bei Kohelet? Seine Biographie kennen wir freilich nicht, obwohl Plumptrc^) und Tylor") ein phantastisches Bild von Kohelcts Leben zu entwerfen versuchen; allein die fortwährenden Hinweisungen auf faule Verhältnisse im Staate, auf Mißbräuche in der Regierung, lassen uns auch den historischen Hintergrund erkennen, auf dein die düstere Lebensanschauuug des Kohelet sich aufbaute. Die Verhältnisse dieser Zeit — ungefähr das 2. vorchristliche Jahrhundert — konnten, ja mußte», einen Mißmuth gegen das Leben, eine unendliche Bitterkeit in einer tiefempfindcnden Natur wachrufen. Daher kommt es auch, daß Kohelet blos den Mächtigen, den Tyrannen gegenüber, ein reservirtes, mißtrauisches Verhalten empfiehlt, während Schopenhauer Mißtrauen gegen alle Menschen predigt. „Du sollst auch vor deinen Bekannten den König *) E. H. Pluuiptre, Ewlesiiistcs or the proaclior, willi notes und Inlroiluction, Cambridge 1882. '-) Tlstor, Ecclesiastes, London 1874. nicht beschimpfen und in deinem Schlafgemach den Reichen (Mächtigen) nicht schelten, denn der Vogel des Himmels wird die Stimmen entführen und der beflügelte Mann wird das Wort verrathen."') So Kohelet. Schopenhauer aber sagt: ,„Weder lieben noch hasseiü, enthält die eine Hälfte der Lebensweisheit: »nichts sagen und nichts glaubew, die andere Hälfte." -) Man hat bei diesen Worten das Gefühl, daß es sich hier um ein ebenso unbedingtes wie unbegründetes Mißtrauen gegen die Menschen in ihrer Gesammtheit handelt, während mau aus den Worten des Kohelet ganz unzweideutig ersieht, daß diesem Rathschlage eine traurige Thatsache, eine schlimme Erfahrung hinterlegt ist: etwa eine Art von „Spitzelwesen", dessen sich die Herrscher und Mächtigen bedient haben mochten. Ein anderes Beispiel soll uns daffelbe beweisen. Schopenhauer verpönt ohne Weiteres den dem Menschen innewohnenden, natürlichen Trieb zur Geselligkeit und empfiehlt vollkommene Einsamkeit und Zurückgezogenheit. Anders aber urtheilt darüber Kohelet. Tieseni erscheint der Mensch unsicher, ungeschützt, wenn er auf seine eigene Kraft angewiesen bleibt und sich nicht zu seinen Mitmenschen gesellt; der Mensch soll daher seinem Gange nachgehen und die Freundschaft suchen. „Es sind besser die Paare als die Einzelnen; denn wenn sie fallen sollten, wird der Eine den Andern aufrichten können; wenn aber der Einzelne fiele, gäbe es keinen Zweiten, ihn aufzurichten. Auch wenn Paare liegen, ist ihnen warm; wie kann aber dem Einzelnen warm werden'? Und wenn ein Einzelner sie angreift, können die Beiden ihm cntgegentreten, und ein dreifacher Faden reißt nicht sobald."Z Der Mensch bedarf also in jeder Lebenslage eines Freundes. Schopenhauer dagegen sieht im natürlichen Hang zur Freundschaft eine menschliche Schwäche, eine geistige Indolenz. „UcbrigenL kann man die Geselligkeit auch betrachten als ein geistiges Erwärmen der Menschen an einander, gleich jenem körperlichen, welches sie bei großer Kälte, durch Zusaimnendriicken hervorbriugeu. Allein wer selbst viel geistige Wärme hat, bedarf solcher Gruppirung nicht."^) Der Mensch soll seine Natur vergewaltigen und rmterdrücken, das ist bekanntlich der Schwerpunkt der Schopenhauerschcn Lehre. Nun identifizirt er das Böse im Menschen mit der Natur desselben, während Kohelet dieses Böse als eine Ausartung und Unnatur betrachtet. Kohelet hat in diesem Punkte, der doch grundlegend ist für den weitern Ausbau der ganzen Anschauung, eine diametral entgegengesetzte Ansicht. Er sagt: „Indessen sieh', das fand ich: Gott hat den Menschen gerade (rechtschaffen) geschaffen, nur sie suchten viele Klügeleien."") Durch Ausartung sind die Menschen von dem geraden Wege abgekoinmen, den ihnen die Natur für ihren Lebenslauf vorgezeichnet hat. Die Menschen sind durch ihre „Klügeleien" auf Abwege geführt worden; ihre Schlechtigkeit ist also etwas Ausgcartetes, Unnatürliches. Hier haben wir wieder einen Punkt gefunden, wo die Ansichten Schopenhauers und die des Kohelet grundsätzliche Verschiedenheit aufweiseu. Die beiden hcrvorgehobenen Unterschiede stehen aber auch in einem gewissen kausalen Verhältnisse zu einander. Schopenhauer, indem er das Verbrechen verabscheut, verabscheut zugleich auch den Menschen, als das flcifchgewordene Verbrechen, während Kohelet blos die Träger des Verbrechens, die „bösen" Menschen, nicht aber die an sich guten Menschengattungen verachtet. Daraus ergiebt sich der zweite Unterschied, daß nämlich Schopenhauer Misanthrop ist, während Kohelet von trauriger M Kohelet, X, 20. -) Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit. P Kohelet, IV, 9-12. <) Schopenhauer, sämmtl. Werke, 33b. V, @. 451. Es ist bezeichnend, daß Schopenhauer den Koheletschen Vergleich reproduzirt. •') Kohelet, VII, 29.

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