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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-04 · Heft 31 (4.8.1893) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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Das Judenthum sei überhaupt vorwiegend praktisch, positiver, irdischer als das Christeuthnin, wenn auch Auferstehung und Unsterblichkeit nicht unter den jüdischen Glaubenslehren fehlen. Die Gegner des modernen Judenthums richten denn auch ihre Anklage» selten gegen die Bibel — nicht alle beachten, daß durch die Bibel ans den Juden zielen den Christen treffen heißt — sondern gegen den Talmud. Darum ist es mit Freude zu begrüßen, daß unser Buch eine wenn auch kurze, doch erschöpfende Würdigung des Talmud enthält. ES kann nicht oft und laut genug wiederholt werden, daß der Talmud kein inspirirtes Buch ist, sondern eine Sammlung von Diskussionen aus den verschiedensten Epochen und aller Schulen über theologische, moralische, politische, juristische und medizinische Fragen. Der Talmud ist nur dem mühseligsten Studium zugänglich, thcils —die Mischna — hebräisch, theils — die Gemara — aramäisch, aber immer dunkel geschrieben. Der erzählende Theil, die Haggada, besitzt keine, der gesetzliche, die Halacha, eine gewisse, stetig abnehmende, auf einen immer kleiner werdenden Kreis beschränkte Autorität. Für einen großen Theil der Juden des Westens ist er nur ein archäologisches Denkmal; eine Encyklopädie der religiösen und gesetzlichen Traditionen, der Träume und Vorurtheile der zerstreuten und besiegten Israeliten für viele jüdische Gelehrte und Rabbinen. Cr ist in Israels drangsalvollster Zeit entstanden, als es ans einem Volke zu einem über die ganze Erde verstreuten Stamme wurde. Mit den gleichzeitigen Gesetzsammlungen der Franken und Westgolhen, ja mit Justinians Pandekten verglichen, — denn der Talmud ist in erster Reihe ein Coitus Juris —, zeigt er trotz mancher Härten und Jrrthümcr eine bewundernswerthe Zartheit und Erhabenheit der Anschauungen und eine anerkennenswerthe Humanität in seinen Entscheidungen. Daß er nicht überall von Liebe für die „Gojim" erfüllt ist, wer vermöchte es zu leugnen, wer es anders zu erwarte»? Sind doch die „Gojim" die Zerstörer des Tempels, die Bedrücker Judas: Römer und Perser, Aegypter und Griechen. Nicht religiöse Vorschriften sind die berüchtigten, von den Rohling und Genossen dem Talmud zum Vorwurf gemachten Aussprüche, sondern Kriegsruse, Verzweiflungslaute. Aus ihnen spricht nicht nur der bedrängte und gekränkte Gläubige, sondern auch der verzweifelte Patriot. Der Geist, der sie beseelt, ist dem christlichen Germanen nicht fremd; er widechallt zornig in Kleists Kriegslied: „Schlagt sie todt, das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht." Was sonst noch den Talmud zum Ziel der Angriffe macht, daß er vom Geiste nationaler Abschließung beseelt und von einem übertriebenen Ritualismus erfüllt ist, wird historisch mit der Nothwcndigkcit erklärt und vertheidigt, in dem Rituell einen Kitt für die verstreuten Brüder und einen Isolator gegenüber den Heiden zu schaffen. Es wird betont, daß der Talmud diese Aufgabe nur so lange zu erfüllen vermochte, als der Jude i» dem traditionellen Milieu verharrte, daß, so unleugbar auch die historische Bedeutung des Talmud ist, er doch nur eine selbst geschmiedete und angelegte Kette für Israel ist, daß das Jndenthum vermöge seiner Grundlagen aus der strengsten und am meisten an äußeren Formen haftenden Religion die freieste, weitherzigste und wandelungsfähigste werden kann. Die Versuche, ans verstümmelten Texten und einzelnen aus dem Zusammenhänge gerissenen Sätzen die Verderbtheit der jüdischen Moral beweisen zu wollen, kennzeichnen sich als polemische Kunst-! stückchen, wie sie weder gegen Papstthum noch Lutherthum, weder! gegen die religiösen Orden noch gegen den Calvinismns gefehlt haben, j Wenn selbst der Talmud, trotzdem er so schwer zugänglich ist j und mit seinen mancherlei Härten dem modernen Sinne widerstrebt,! eine so wohlwollende, gerechte, von echt kritischem Sinne zeugende; Beurtheilung findet, so kann es nicht Wunder nehmen, daß die lächerliche Blntbeschuldigung als ein alter Volksaberglaube, ein Ueber- | rest des Hexenglanbens kurz abgethan wird. Daß das Judenthm» mit seinem strengen Verbot des Blutgennsses nicht den geringsten Anlaß zu der Beschuldigung bot, wird hervorgehoben, um zu zeigen, daß die Phantasie der Massen sich zu den wirklichen Traditionen und Ideen des Judenthums im schärfsten Gegensatz findet. Nach der kurzen Erörterung der Blntbeschuldigung, die „nur noch auf den veralteten Vorurtheilen des Pöbels fußt" — die „Krenzzeitung" mag sich für diese Meinung bei unserem Autor bedanken — faßt er eine religiöse Beschuldigung der erleuchteteren Minderheit ins Auge, den gewichtigen Vorwurf, daß die Juden Feinde der christlichen Eivilisation seien, daß sie zersetzend auf die christliche Gesellschaft einwirken. Es ist wohl das erste Mal, daß der Judenhaß unter der Flagge der Nothwehr segelt. Wie die Feinde dazu gekommen sind, sich als die Angegriffenen zu geberden, glaubt Leroy Beaulieu aus der lebhaften Betheiligung der Inden am Kulturkampf erklären zu sollen. Indem die liberale, theilweisr von Inden geleitete Presse rief „Front gegen Rom", habe sie den Widerhall „Front gegen das neue Jerusalem" in dem Lager der Klerikalen und bei ihrem Hanptorgan, der „Germania", geweckt, der sich die pietistischc proiestantische „Krenzzeitnng" mit verstärktem Eiter anschloß. Die gesannnte europäische Orthodoxie suchte die gegen das Papstthum geführten und die kirchliche Herrschaft gefährdenden Schlüge zu pariren, indem sie Israel als den alten Feind des Messias denunzirte, welcher die Herrschaft zu gewinnen strebt, indem er das Gift der Revolution und des Radikalismus in die Adern des Staats und der Gesellschaft trägt.! Aber wer wie Lcroy-Beaulien die Geschichte des Liberalismus! kennt und dargestellt hat?) vermag nicht in den Inden die Urheber ■ jenes Skeptizismus und aufrührerischen Geistes zu erkennen, die unserer Zeit ihr Gepräge gegeben haben. Ans das 18. Jahrhundert leitet er die gefährlichen Tendenzen der Neuzeit zurück, als die Juden noch hinter den Riegeln deS Ghettos ein fast schemenhaftes Dasein führten und sich weniger bemerkbar machten, als in irgend einer Phase ihres Daseins. Nicht bei den Rabbinen, sondern bei den; Alten ging die moderne wissenschaftliche Forschung in die Schule, welche nacheinander die Renaissance, die Reformation und endlich die Revolution erzeugt hat. Nicht Schüler der Talmud-Thora, sondern die D'Alembert, Voltaire, Diderot haben die Waffen des modernen Radikalismus geschmiedet, nicht im Namen der Tradition! ist die Revolution gemacht worden, die das Antlitz der Erde ge-! wandelt hat. Das thörichte Bestreben mancher neueren Schriftsteller, vereinzelte Rabbinen, Aerzte und Astronomen in ihrem Verkehr mit Fürsten und Gelehrten als heimliche Pioniere der Revolution hinznstellen, wird mit Recht als ruhmredig zurückgewiesen; um so nachdrücklicher aber wird betont, wie die Juden durch den Impuls, de» sie empfangen haben, beeinflußt worden sind. „Nicht der Jude hat den christlichen Gedanken : emanzipirt. Der christliche, oder besser arische Gedanke hat den Juden i emanzipirt. — Die neuen Ideen, weit entfernt, der Synagoge zu entj stammen, haben sich nur mühsam in sie geschlichen." Bei den zähen j konservativen Neigungen des talmudischen Inden muß das Judenthum! schon seine unbeschränkte Macht über ihn eingebüßt haben, muß er selbst i 1 r) V. La Revolution et le Liberalisme: HnchetAe

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