Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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364 und Gutes enthalten, auch bei dem Liberalismus vorhanden ist, daß aber alles klebrige, was der Antisemitismus lehrt und erstrebt, eitel Dunst und Unwahrheit ist. Der Antisemitismus ist eine politische Partei geworden, und nur im Anschluß an eine politische Partei, im Anschluß an den Liberalismus, wie er in der freisinnigen Partei sich verkörpert, ist der Antisemitismus zu bekämpfen. Sie ist die einzige, die vom ersten Auftreten des Antisemitismus an bis ans den heutigen Tag auf Grund ihres Parteiprogramms unentwegt für die Rechte der Juden eingetreten ist. wahrend alle übrigen Parteien Jahre hindurch mit einem gewissen Behagen dem antisemitischen Treiben zugeschaut haben. Dem vereinten Ansturm von rechts und links gegenüber hat der Freisinn bei den letzten Wahlen eine schwere Niederlage erlitten, und mit deni Zurückdrängen des Liberalismus ist natürlich die Siegeszuversicht der Antisemiten gewachsen. Hüten wir uns daher, in diesem Augenblick dieser Partei, tvie es leider in unverantwortlicher Weise von einzelnen Juden geschehen ist, den Rücken zuzuwenden. Nein, die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet uns, uns um das Banner des Liberalismus zu schaaren und mit ihm vereint Schulter an Schulter gegen die Finsterlinge, die uns unsere wohlerworbenen Rechte streitig machen wollen, zu kämpfen. Helfen wir vor Allein deni Freisinn in Hessen, wo die todtgeglaubten Dämonen des Mittelalters von Neuem wüste Orgien zu feiern beginnen, eine Organisation schaffen, die es erniöglicht, das Bolk aus seiner Unkenntniß und politischen Unreife herauszureißen. Organisation gegen Organisation! Eine gute Lokalpresse muß ius Leben gerufen, Vertrauensmänner müssen in jedem Orte angeworben werden, Wanderredner müssen unaufhörlich in der Provinz aufklärend wirken, und durch der Form nach knappe und kurze und so desto eindringlicher wirkende Flugblätter muß ihrer Agitation der nachhaltige Eindruck verliehen werden. So einige Jahre mit Geschick und Ausdauer gearbeitet, und wir zweifeln nicht, daß der gesunde, in der Gegenwart nur irregeleitete Sinn des Volkes bei den nächsten Reichstagswahlen über den Antisemitismus ein strenges Gericht halten >vird. * Gin französischer Friedensapostel. Bon R. Landsberg. Seit länger als einem Jahrzehnt sehen wir den Anlisemitismus im deutschen Reiche wachsen und gedeihen, offen und heimlich von den Regierenden gehätschelt und gefördert; erst seit er sich als eine Gefahr für das Staatswesen gezeigt hat, fängt man an, ihn wenigstens öffentlich zu verleugnen und in seinen ärgste» Auswüchsen zu beschneiden. Es läßt sich also hoffen, daß die Hochfluth dieser Geistesströmuiig endlich vorüber ist und allmählich, wenn auch langsam, gesündere, behaglichere Zustände zurückkehren werden. Leider aber sind von der verheerenden Krankheit unserer Zeit allmählich auch Länder ergriffen worden, die sich immun dagegen gewähnt hatten, und die mit gerechtem Stolz auf deutsche Intoleranz herabblickten, die sie als ein Zeichen für den Mangel an wahrer Bildung, als eine Folge des Chauvinismus verspotteten. Noch tritt der Antisemitismus in Frankreich nur sporadisch, in England nur verschämt auf; daß aber diese geistige Influenza beide Länder nicht ganz verschont, wird Niemand leugnen, der mit ihren Verhältnissen näher vertraut ist. Stellt doch der modernste und populärste englische Schriftsteller *) Neger und Juden als dem Engländer uucbeubürtig nebeneinander. Dienen doch in Frankreich ') Itudynnl Kipling. Wop Willio Winkie and other stories. die politischen Skandale zu einem willkommenen Anlaß, alle Schuld au dem sittlichen Verfall der Republik auf die Schultern des ewigen Süudenbocks, des Juden, zu wälzen. Glücklicherweise erheben sich aber dort auch gewichtige Stimmen gegen die wüsten Ankläger und appelliren an die Ehre und das Nationalgefühl der Franzosen, das ihnen verbiete, die Errungenschaften der großen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, zu verleugnen. Allen andern in diesem Bestreben an Eindringlichkeit und Geltung überlegen ist Anatole Leroy-Beaulieu, zugleich ein Mann der Wissenschaft und ein namhafter Publizist. Seit Jahrzehnten mit dem Studium der Völker Europas, ihrer Sitte» und Litteratur, ihrer Institutionen, ihres sozialen Zustandes eifrig beschäftigt und innig vertraut, hat er sich besonders durch sein Werk: „Das Reich der Zaren und die Russen" einen europäischen Ruf gemacht. Dieselben Vorzüge, die man diesem weitverbreiteten Werke nachrühmt, qualifiziren Leroy- Beaulieu zu der Aufgabe, die er sich in seinem Buche: „Die Jude» und der Antisemitismus"^) stellt, dessen erster Band unter dem Titel: „Israel bei den Nationen" kürzlich erschienen ist. Gründliche Kenntnisse, eingehende Beobachtung, ernstes Streben, in das tiefere, eigenste Wesen des Gegenstandes eiuzlidringen, „auch die unschönen, ja abstoßenden Erscheinungen aus einem tieferen, natürlichen, historischen oder rein menschlichen Grunde zu erklären und die Verantwortlichkeit für diese Erscheinungen den ursprünglichen Lebensbedingungen und der geschichtlichen Vergangenheit der Nation zuzuschreiben", die Abwesenheit jeder vornehmen Voreingenommenheit, jeder nationalen Ueberhebung, sind jener Arbeit nachgerühmt worden; sie machen auch die vorliegende Schrift zu einer beachtenswerthen Erscheinung, die jeder Freund der Humanität, Sittlichkeit und Wahrheit sympathisch begrüße» wird. Klar und durchsichtig ist das Buch geschrieben; es wäre daher ein Leichtes, seinen Inhalt in aller Kürze zu skizziren. Es ist aber auch durchglüht von demselben heilige» Zorn, der einst die hier zu betrachtenden gehässigen Bestrebungen als Schmach des Jahrhunderts brandmarkte. Im Interesse der jüdischen Sache ist es nun, dem Geiste der Gerechtigkeit und Menschenliebe, der das Werk durchhaucht, eine möglichst große Verbreitung zu erringen; daher empfiehlt es sich, dem Gedankengange des Buches getreu zu folgen, ja durch wörtliche Wiedergabe mancher Stellen die Schönheit, Wärme und überzeugende Kraft der Darstellung anschaulich zu machen, um sowohl zur Vertiefung in das Werk anzuregen, als auch sie im Nothfalle zu ersetzen. Leroy-Beaulieu findet die Hauptursache des Antisemitismus in der zunehmenden Zahl und dem wachsenden Ansehen der Juden und erkennt dem Antisemitismus eine religiöse, eine nationale und eine nationalökonomische Seite zu, sieht in ihm zugleich einen Religionskrieg, einen Rassenkonflikt und einen Klassenkampf. Unter dem Titel „Israel bei den Nationen" behandelt er die Judenfrage von der religiösen und nationalen Seite. Ein zweiter Band soll sich mit der Rolle beschäftigen, welche das Geld dabei spielt. Dem schwächsten Grunde für den Antisemitismus, dem Religionsunterschiede, sind nur zwei Kapitel gewidmet. Mit wenigen Worten wird die Möglichkeit, den Antisemitismus als Gott wohlgefällig, auf Bibel und Evangelium zu stützen, als unmodern und mittelalterlich abgethan; als eine Heuchelei, die schon Macaulay-) genügend gegeißelt hat. Einer weit eingehenderen Prüfung aber wird die Behauptung unterzogen, daß das Judenthum und seine Moral gläubigen Christen Anlaß zuin Haß und zur Verfolgung seiner Bekenner gebe. Das biblische Judenthum, das der l) „Israel chez les NaLions.“ Paris, Calmann L0vr>, 1893. -) S. Critk-al and liistorical Essays. Civil disabilities of tbe Jews.