Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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A. mit der Einführung der Konfirmation, mit der Hilfskasse für die Wittwen und Waisenkinder der Rabbiner, mit der Verwaltung der Gemeinden. Rabbiner Sinion Levy ans Schirrhofen hielt einen Vortrag „über das Leben des Rabbi Simon ben Jochai" ’ und Rabbiner Gugenheim aus Saar-Union über „die unreinen Vögel". In Bezug auf die Konfirmation, die vertheidigt, aber auch entschieden! heftig bekämpft wurde, wurde beschlossen, daß deren fakultative Ein-! führung jedem einzelnen Rabbiner überlassen bleibe; ferner wurde; eine Kommission für die Prüfung und Einführung der Schulbücher und j für die Gründung von Schulbibliotheken ernannt. Auf der Konferenz im nächsten Jahr sollen u. A. folgende Vorträge gehalten werden: 1. Das Leben Jbn Esra's. 2. Sozialismus im Talmud. Jedenfalls hat fich die Idee solcher Konferenzen entschieden lebensfähig erwiesen und verdient, auch in andern Provinzen eingeführt zu werden. Oesterreich - Ungarn. m. e. Lemberg, 19. Juli. Die ökonomische Bedrückung der Juden nimmt hierzulande immer mehr zu. Nicht nur sind durch die jüngst! durchgeführte Monopolisirung des Salzhandels mehrere Tausend - jüdische Familien brodlos geworden, auch das fortwährende Wachsen der landwirthschaftlichen Genossenschaften bedroht die Existenz einer großen Anzahl jüdischer Familien. In der letzten Woche tagte in Krakau die diesjährige Konferenz dieser landwirthschaftlichen Genossenschaften (K6lka rolnicze). Bis jetzt bestehen in Galizien 871 solcher Verbände mit 40,760 Mitgliedern in 1193 Gemeinden. Es sollen bereits gegen 600 christliche Dorfhandlungen errichtet sein, die den Zweck haben, die jüdischen „Karczmas" aus dem Wege zu schaffen. — Die Zahl der jüdischen Vereine in unserem Kronlande hat in der letzten Zeit zugenommen. In Przemysl ist auf Initiative der dortigen jüdischen Intelligenz ein „Verein zur Pflege der hebräischen Sprache und Litteratur" ins Leben gerufen worden. In Rzeszow gründeten mehrere eifrige Bürger, unterstützt von der dortigen akademischen Jugend, einen „Verein zur Unterstützung der jüdischen Kolonisten in Syrien und Palästina," der voraussichtlich dem österreichischen Verbände „Zion" als Lokalgruppe beitreten wird. — Die von der Advokatenkammer in Graz beschlossene Einführung des numerus clausus im Advokatenstande, die doch in erster Reihe die plumpe Tendenz hat, dem Ueberwuchern jüdischer Advokaten entgegenzutreten, hat nunmehr auch in Galizien Nachahmung gefunden. Die Advokatenkammern in Lemberg und Krakau erklärten fich fast einstimmig (natürlich mit Ausnahme der jüdischen Advokaten) für die Einführung des numerus clausus. Die „Pfzyslose" sieht darin die allmähliche Beseitigung der Juden vom Advokatenstande und appellirt an unsere jüdische Landesintelligenz, solidarisch den Kampf gegen die gemeinsamen Bedrücker aufzunehmen. Rußland. E. St. Petersburg, 17. Juli. Wie es wohl schon bekannt ist, : unternahmen es die Juden, hier vor ungefähr 15 bis 16 Jahren eine Synagoge zu bauen. Dieses Beginnen war aber gar nicht so leicht, wie man es Anfangs dachte: die Regierung machte dem Vorstande, als er um die Erlaubniß zum Bau einkam, die größten Schwierigkeiten, so daß Viele schon an dem Gelingen des Werkes verzweifelten. Dank aber der unermüdlichen Thätigkeit einiger Männer gelang es endlich, die Erlaubniß zu erreichen und mit dem Bau zu beginnen. Der Plan wurde von einem berühmten Baumeister entworfen und die Spenden, wie auch die Vorauszahlung für Plätze, waren sehr groß. Der Bau wurde begonnen, aber aus verschiedenen Gründen nicht vollendet, und so mußten sich unsere Glaubensgenossen mit kleinen Privat-Lokalen, die manchmal sogar von Antisemiten gemiethet wurden, begnügen. In diesem Jahre fand sich aber wiederum eine günstige Gelegenheit, beu Bau zu vollenden, und die Gemeinde versäumte dieselbe nicht. Die Kosten, welche die Vollendung noch erfordert, werden von einigen wohlthätigen Mitgliedern gedeckt und so wird uns endlich die Möglichkeit gegeben, in unserem eigenen Gotteshause, welches zu den schönsten Bauten der Hauptstadt gehört, andächtig zu beten. Nach der Eröffnung dieser Synagoge werden laut einem höheren Befehle alle Privat-Synagogen aufhören. Die einzigen von unseren Glaubensgenossen, die mit der Schließung der Privat- Synagogen unzufrieden sind, sind die „Chassidim", und nur schwer werden sie zu dem Gottesdienst der Haupt-Synagoge, welcher den Wünschen der Orthodoxie entspricht, herangezogen. — Der Thierschutzverein hat eine Prämie für den Erfinder eines unübertroffenen Mittels zur Hinstreckung der Thiere beim Schlachten ausgeschrieben. Herr Baron Ginzburg steuerte zu dieser Prämie einen Beitrag von 600 M. bei. — Die von Juden bewohnte Stadt Kroslewe, Gouvernement Witebsk, wurde von einem schrecklichen Feuer heimgesucht. Die meisten Häuser, darunter auch drei Synagogen, gingen in Flammen auf. In Mohilew am Dnjester fand eine große Ueberschwemmung statt, durch die viele von unseren Glaubensgenossen ihr Hab und Gut einbüßten. Die Unglücklichen der beiden genannten Städte stehen jetzt ganz unbemittelt da und sind auf die Unterstützung ihrer Brüder angewiesen. — Der Geistliche Johann aus Kronstadt spendete 400 M. zur Herstellung einer Talmud-Thora in Schwinzan, Gouvernement Wilna, die vor einigen Jahren eingeäschert wurde. Unter dem Aufruf, welchen die Einwohner aus Schwmzan in den Zeitungen erlassen haben, war die Spende des Geistlichen die erste. * Petersburg,20.Juli. Großfürst Michael Nikolajewitsch, der Vorsitzende im russischen Reichsrathe, hat kürzlich einen Akt der Humanität aus geübt. Bekanntlich sind die Juden in Trauskaukasien vom Ministerium des Innern angewiesen worden, das Gebiet binnen 3 Monaten zu verlassen. Die Tifliser Juden haben sich angesichts dieser Verordnung an den Vorsitzenden des Reichsrathes mit der Bitte um kurzen Aufschub gewendet. Großfürst Michael hat nunmehr, wie die offizielle in Tiflis erscheinende „Kawkas" meldet, thelegraphisch die Tifliser Behörden angewiesen, die Ausweisung der Juden, so lange keine neuerliche diesbezügliche For- > derung des Ministers erfolgen werde, gänzlich einzustellen. In allen! Synagogen in Tiflis sind am Tage der Bekanntmachung des erwähnten j Telegramms feierliche Gottesdienste mit Gebeten für das Wohl des Zars, des Großfürsten-Vorsitzenden und des kaiserlichen Hauses veranstaltet worden. E. Warschau, 18. Juni. Der berühmte Arzt Dr. Ludwig Nathansohn, Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, feierte am 7. dieses Monats sein Jubiläum, seitdem er seine Studien auf der Universität vollendet hat. Nathansohn wurde am 17. März 1822 geboren; nachdem er das Gymnasium absolvirt, begab er sich nach Wilna und kurz darauf nach Turjen (der Name der Stadt Dorpat ist unlängst auf allerhöchsten Befehl in Turjen verändert, ebenso ist Dünaburg in Dwinsk verändert worden), wo er mit großem Eifer Medizin studirte. Im einundzwanzigsteu Lebensjahr, nachdem er seine Prüfung glänzend abgelegt hat, wurde ihm der Doktortitel verliehen und gleich darauf begann er seine Praxis, welche von Jahr zu Jahr einen größeren Umfang annahm. Besondere Anerkennung verlieh ihm sein vortreffliches Werk über „die Nerven" 1844; hier zeigte er sich als hervorragender Forscher. Im Jahre 1856 folgte sein zweites Werk über das Nervensystem, welches eben so schnell von der medizinischen Welt anerkannt wurde. Hierauf schrieb er noch fünf Werke, sämmtliche auf dem Gebiete der Physiologie, für welches er ein besonderes Interesse hegt. Als in den Jahren 1848-1852 bei uns die Cholera wüthete, stellte Nathansohn sich als freiwilliger Arzt in dem für die Choleraerkrankten neu eingerichteten Krankenhaus und zeigte eine unermüdliche Thätigkeit, durch welche er sich bei allen Einwohnern der Stadt beliebt machte. Seine anderen Werke „über die Erziehung" vom medizinischen Standpunkte (1861), „die praktische Hygiene" 1866, wie auch die medizinische Zeitschrift, die er 17 Jahre redigirt hat, räumen ihm einen ersten Platz unter den hiesigen Aerzten ein. Trotz einer so mannigfaltigen Thätigkeit widmete der Jubilar seine ganze freie Zeit den Interessen seiner Glaubensgenossen. Seit zweiundzwanzig Jahren steht er an der Spitze unserer jüdischen Gemeinde und ermüdet nicht, dieselbe in musterhafter Weise zu verwalten. Alle wohlthätigen 'Anstalten der letzten Jahre sind auf seine Veranlassung eingerichtet worden; die unübertroffene Handwerker- L