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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-28 · Heft 30 (28.7.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 schule, Inder sich Hunderte von jüdischen Knaben jährlich zu verschiedenen Handwerken ausbilden, hat ihre Existenz nur unserm Jubilar zu danken. Kein Wunder, wenn die Jubiläums-Feier eine allgemeine war, an der Männer aller Klassen ohne Unterschied der Konfession und auch viele Professoren der hiesigen Universität Tbeil nahmen. Alle polnischen Zeitungen, mit Ausnahme einiger antisemitischen, widmeten dem Jubilar zu diesem Feste Leitartikel. Möge es dem verehrten Manne noch lange beschieden sein, wie bisher zu wirken! Türkei. -ri. Jerusalem, im Juli. Nachdem im französischen Botschafts- Hotel elektrische Beleuchtung angelegt worden, wurde im hiesigen Magistrat der Antrag gestellt, die Straßen Jerusalems durch das wundervolle Bogenlicht zu beleuchten. Unser Glaubensgenosse, der verdienstvoll^- Techniker Gucksmann, hat dem Magistrat einen diesbezüglichen Entwurf unterbreitet. Die Anlagekosten dürften sich auf 3000 Lire belaufen. Gucksmann schlägt vor, eine Anleihe von 1500 Lire zu bewerkstelligen, welche später durch die Einnahmen für elektrische Beleuchtung sicher gedeckt würden. Diese Woche hat Gucksmann den Plan fertig gestellt. Er gedenkt, sollte nur die Annahme der Vorlage erfolgen, die Anlagen bis spätestens Januar 1894 fertigzustellen. Ron Nah und Fern. Am 14. d. M. ist hier der Sanitätsratb Dr. Adolph Kali sch er gestorben. Durch sein Hinscheiden haben viele Vereine einen schweren Verlust erlitten. Er hat alle humanen Bestrebungen mit voller Hingebung, warmherzigem Opsermuth und werkthätiger Liebe gefördert. Sein segensreiches Wirken bleibt unvergessen. — Wegen Beleidigung des Finanzministers ist gegen den Rektor a. D. Ah l war dt das Strafverfahren eingeleitet worden. Am 24. April 1893 hielt der Deutsche Antisemiten-Bund eine öffentliche Versammlung ab, in welcher der Angeschuldigte einen Vortrag über sein dem Reichstag vorgelegtes und noch vorzulegendes „Aktenmaterial" hielt. In diesem Vortrage waren Beleidigungen gegen den Minister enthalten. Die Zeitungsberichterstatter, welche der Versammlung beigewohnt haben, waren zu einer Vernehmung auf den 26. Juli vorgeladen worden. — Ingenieur Earl Paasch wird am 8. August aus der Irrenanstalt der Charitee, wohin er behufs Beobachtung seines Geisteszustandes gebracht worden ist, entlassen und wieder, nach den: Untersuchungsgefängniß übergeführt werden. Wie verlautet) dürfte das ärztliche Gutachten dahin lauten, daß er zwar hochgradig nervös, keineswegs aber geisteskrank sei, so daß eine strafrechtliche Verantwortlichkeit damit im vollen Umfange vorhanden wäre. — Das Schlrchresultat der Stichwahl im Wahlkreise Neu-Stettin liegt jetzt vor. Es erhielten: Professor Dr. Paul Förster 6518, Hofprediger a. D. Adolf Stöcker 1906 Stimmen. — Im Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach hat bei der Nachwahl am Sonnabend der nationalliberale Kandidat Professor Backhaus 3900, der Antisemit Bindewald nur 3600 Stimmen erhalten (am 15. Juni erhielt Backhaus 3655, Zimmermann, der für Dresden angenommen hat, 3811 Stinnnen). Die Entscheidung bei der demnächst noch vorzunehmenden Stichwahl liegt bei den Freisinnigen. — Bei der" am Sonnabend im Wahlkreise Bingen-Alzey stattgehabten Reichstags^ - Nachwahl ist der Kandidat der freisinnigen Volkspartei Reinhardt Schmidt in Elberfeld gewählt worden. Die Antisemiten erlitten eist vollständiges Fiasko. Schmidt (freisinnig) erhielt 5200, Welker (Antisemit),. 1200, Graf (deutsche Reformpartei) 360 Stimmen. — Bei der Stichwahl^ in H ofgeismar - W olfhagen - Rinteln siegte der deutsch-soziale Antisemit Dr. König mit 5256 Stimmen über den konservativen Landrath v. Butlar, der 3294 Stimmen erhielt. — Herr Privatdozent Dr. Leo Gr äh aus Breslau, Sohn des verstorbenen Prof. Grätz, ist zum außerordentlichen Professor an der philosophischen Fakultät der Universität München, bei der er habilitirt war, ernannt worden. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Verlegers der Broschüre „Judenflinten", Glöß in Leipzig, der wegen wiederholter Veröffentlichung der beschlagnahmten Broschüre in eine Geldstrafe verurtheilt worden war. — Dresden scheint sich allmählich zum Centrum des Antisemitismus Zimmermannffcher Richtung auszuwachsen. Mit Anfang Oktober soll eine neue antisemitisch-volksparteiliche Zeitung größeren Stils mit dem bisherigen Redakteur der „Dresd. Nachr." Dr. Liman als Leiter erscheinen. Das wird die Geißel für die „Dresd. Nachr." werden, die diese Spielart in Sachsen großgezüchtet haben. — In Baden bei Wien ist am 20. d. M. Herr Dr. Arnold Bauer, Buchhändler und Herausgeber der „Wiener Litteraturzeitung", nach kurzeni Leiden im 53. Lebensjahre verschieden. Der Verblichene war eine in den Wiener gesellschaftlichen und litterarischen Kreisen sehr bekannte und beliebte Persönlichkeit. — In Franzensbad ist am 19. d. M. der Prager Arzt Dr. Wilhelm Fischl plötzlich am Herzschlag gestorben. Der Verblichene zählte zu den bekanntesten Aerzten Prags und war seit zwanzig Jahre:: Chef-Arzt der Buschtiehrader Bahn. Dr. Fischl stand im 48. Lebensjahre. — Der im September des Jahres 1890 in Rolle (Schweiz) verstorbene Litterat Ignaz Blumenfeld, der Herausgeber des „Kerem Chemed", welcher seinerzeit zu den hervorragendsten jüdischen Gelehrten zählte, hatestamentarisch eine Stiftung von 25,000 fl. errichtet, deren Fruchtgenuß, vom fünften Jahre nach dem Tode des Erblassers beginnend, jährlich einen: Jünglinge mosaischer Konfession gewidmet ist, welcher sich der Malerei, Skulptur oder Musik zuwendet und besondere Anlagen zeigt. Die Verleihung dieses Stipendiums erfolgt durch die Wiener israelitische Kultusgemeinde, und die Einleitungen zur Realisirung der Widmung sind nunmehr getroffen worden. — Die erste Civilkammer in Pari<? entmündigte den Antisemiten - Häuptling Marquis Mores und stellte ihn: einen gerichtlichen Vormund. Das Urtheil erklärt, das. Mores in wahnsinniger Weise spekulirt habe, ein tolles und kost spieliges Abenteurerleben führe, an Wahnvorstellungen leide und heut^ noch Versuche mache, Wucherer zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zu finden. — Im luxemburgischen Landtag provozirten die Klerikalen einen unglaublichen Skandal, indem sie den jüdischen Abgeordneten Fribourg wegen seiner Konfession verhöhnten. Die gesammte liberale Linke verließ entrüstet den Saal und erklärteparlamentarische Abstinenz zu halten, so lange die Klerikalen nicht Abbitte geleistet hätten. Der Landtag wurde geschlossen. Der Deputirte Fribourg sandte dem Landtagspräsidenten Jacques seine Zeugen. — Dr. Benjamin Luzzatto, ein Sohn Samuel David Luzzattos und Professor der Pathologie an der Universität in Palermo, ist in Padua frühzeitig vom Tode dahingerafft worden. Seine irdische Hülle wurde mit großen Ehren zu Grabe geleitet. Hinter dem Sarge, der von Universitätshörern getragen wurde, schritten der einzige noch lebende Bruder des Verstorbenen, der Lehrkörper der Universität und die Vertreter der auswärtigen Schulen und Vereine. Am offenen Grabe sprachen der Rektor Cochille de Giovanni und noch drei Professoren der Universität Padua. — Fräulein Constantina Levi in Turin wurde von der dortigen Universität zum Doktor der Mathematik promovirt. — Den ersten Großen Rom-Preis, das blaue Band für musikalische Komposition, der Französischen Akademie der Schönen Künste fiel dieses Jahr auf einen Glaubensgenossen, Herrn Andree Bloch, der schon im vorigen Jahre den zweiten Preis gewonnen. — Die Fragen, die bei der Versammlung russisch-jüdischer Rabbiner zur Berathung gelangen, sollen hauptsächlich die Scheidung und das koschere Fleisch betreffen. Doch ist einstweilen noch nicht einmal der Tag, an welchem die Konferenz stattfinden wird, festgesetzt, man weiß nur, daß sie für den Herbst in Aussicht genommen ist. — Die israelitische Bevölkerung Surinams beträgt 1500 Seelen; die Hälfte derselben ist spanischen Ursprungs und scheint von den Juden herzustammen, die Spanien bewohnt haben und sich nach Guyana gerettet, um der Inquisition zu entfliehen; die andere Hälfte ist holländischen Ursprungs und seit langer Zeit im Lande ansässig. Die Mehrzahl gehört dem Handelsstande an und genießt einen vorzüglichen kaufmännischen Ruf. Einige Portugiesen nehmen öffentliche Stellungen ein, besonders im Richterstand, oder haben einen wissenschaftlichen Beruf, wie die Medizin, die Advokatur u. s. w. — In Starka (Florida) ist Herr Wittkowski zum Bürgermeister der Stadl gewählt worden. — Dr. Julius Frömel, ein gebürtiger Wiener, der vor einigen Jahren nach Santiago in Chile übersiedelt ist, i wurde kürzlich zum außerordentlichen Professor für Dermatologie! an der dortigen Universität ernannt. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin > Verantwortlich für dre Redaktion : Mar Bauchwitz in Berlin.

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