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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-28 · Heft 30 (28.7.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 begegnet ist, mag aus den Bekundungen zweier ganz unbetheiligter Zeugen, die sie vor Gericht unter ihrem Eide machten, entnommen werden. Unter den anwesenden Gästen hatte kurz vor dem Erscheinen der genannten drei Herren eine sehr lebhafte Diskussion über die „Fehler der Juden und über die Verächtlichkeit der Judenknechte" stattgefunden. Unter den Diskutirenden machte sich der Kapitänlieutenant a. D. und expedirende Sekretär im Reichsv ersicherungs-Amt A. besonders bemerkbar. In dem Moment des Eintritts des B. mit seinen beiden dänischen Gästen rief A. in lautem Tone: „Da kommt ja so ein Jude, Juden raus!" Diese Worte wurden darauf aus allen Ecken des stark besuchten Lokals viele Male wiederholt. B. trat an den Rufer heran und verbat sich jede Anzüglichkeit, worauf Letzterer an den Schänktisch herantrat und, sich an die B.'schen Gäste wendend, ausrief: „Wenn Sie einen Schnaps von diesem Juden annehmen, dann sind Sie Judenknecht, dann sind sie noch verächtlicher als der Jude! Jetzt forderte B. den Sprecher auf, ihm Namen und Wohnung anzugeben. A. entgegnete: „Es fällt mir gar nicht ein. Ihnen meinen Namen zu nennen." Als B. sich darauf entfernen wollte, um einen Schutzmann herbeizuholen, packte ihn A. am Genick und schüttelte ihn. Jetzt mischten sich einerseits Freunde des A. ein, um ihn von weiteren Schritten zurückzuhalten, während zwei andere Gäste sich dem B. als Zeugen anboten, weil sie das Verhalten des A. empört habe. Es waren dies die vom Gericht vernolnmenen Personen. Die beiden dänischen Großkaufleute und der Fabrikbesitzer B. strengten auf Grund des vorgetragenen Thatbestandes gegen A. die Beleidigungsklage an. Der Beklagte entschuldigte sein Verhalten mit starker Angetrunkenheit. Der Gerichtshof verurtheilte den Beklagten wegen Beleidigung in drei Fällen zu 30 Mark, wobei er zu dessen Gunsten die „erregte Unterhaltung und den Genuß geistiger Getränke mildernd in Erwägung" zog. 0. Ttrelilr i. M., 23. Juli. Zur Hofcour bei Sr. Königlichen Hoheit, unserm Großherzog in Neustrelitz am 20. d. M., der Nachfeier des goldenen Hochzeitsfestes Ihrer Königlichen Hoheiten daselbst, wurde auf besondern Befehl auch der Oberlandesrabbiner Dr. I. Hamburger in Strelitz geladen. Ter Großherzog beehrte den Oberlandesrabbiner mit einer längeren Anrede, in welcher Allerhöchst derselbe mit Nachdruck stark betonte: „Ter Psalmvers (Psalm 45 Vers 24), den Sie in Ihrer Jubelfest-Predigt anführen: „Tu liebst die Gerechtigkeit und hassest den Frevel", und daran Mehreres anknüpfen, bildet meine eigene Ueberzeugung. Ich beauftrage Sie, den jüdischen Gemeinden des Landes meinen Dank für die mir zur goldenen Hochzeitsfeier gesandte 'Adresse auszusprechen." Diese Jubelfest-Predigt ist gedruckt erschienen und durch die Hofbuchhandlung von G. Barnewitz in Neustrelitz zu beziehen. -a- Breslau, 24. Juli. Am heutigen Tage begeht der Professor der Augenheilkunde an der hiesigen Universität Hermann Ludwig Cohn sein 25jährige§ Dozentenjubiläum. Daß sich an diesem Jubeltage Schüler und Freunde des gefeierten Mannes zur schönen Festesfeier entschlossen haben, ist selbstverständlich, und auch wir wollen zur Ehrung des Gelehrten den Lesern ein kurzes Bild seiner Laufbahn entwerfen. Am 4. Juni 1838 in Breslau geboren — der Jubilar steht also erst im 56. Lebensjahre — studirte er nach Absolvirung des Gymnasiums von 1857—1860 Chemie und Physik und trat dann in Heidelberg von den Naturwissenschaften auf das benachbarte Gebiet der Medizin über und erwarb sich in seiner Heimathstadt im Herbste 1860 mit einer Arbeit „de acido hypochlorico“ den philosophischen Doktorgrad. Alsdann betrieb er seine medizinischen Studien weiter, zuerst in Breslau, dann in Berlin. Die Vorträge Albrecht von Gräfe's bestimmten ihn, das Spezialfach der Augenheilkunde sich zur Lebensaufgabe zu machen. Eine von der Breslauer medizinischen Fakultät gestellte, von ihm gelöste Preisarbeit benutzte er für seine medizinische Doktordissertation. Als Dr. phil. et med kehrte er nach Breslau zurück, wo er im Winter 1863/64 sein medizinisches Staatsexamen absolvirte. Als Unterassistent und Assistent des bekannten Spezialisten Professor Dr. Förster hatte er die beste Gelegenheit, sich in seinem Fache weiter auszubilden. Studienreisen nach Berlin, Wien und Paris gewährten ihm neue Erfahrung und Anregung. Im Sommer 1866 nach Breslau zurückgekehrt, eröffnete er eine Augenklinik — eine Universitätsklinik gab es damals noch nicht — und habilitirte sich im Alter von 30 Jahren, 1868, auf Grund seiner Schrift „xerosis conjunctivae“ an der hiesigen Universität. 1874 wurde er sodann zum außerordentlichen Professor der Augenheilkunde ernannt Jüngst erst wurde der Jubilar, wie bekannt, als Ehrenvizepräsident des Well ausstellungs - Kongresses nach Chicago eingeladen. Die bedeutenden Schriften des hervorragenden Forschers zeugen von einer überaus pnduktiven Kraft und einem immensen Fleiße ihres Verfassers. Neben dre - unddreißig in den Fachblättern erschienenen mehr oder weniger umfangreichen Aufsätzen hat Prof. Hermann Cohn ungefähr zwanzig Broschüren und voluminöse Werke publizirt. Sehr bekannt ist in Aerztekreisen du in Leipzig 1867 erschienene Schrift: „Untersuchung von 10,000 Schul Ländern rc.", das Resultat einer zweijährigen, eingehenden Untersuchung Die Ergebnisse derselben führten zur Begründung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin; Prof. Cohn ist durch sie der Begründer der Schulhygiene und der Hygiene des Auges geworden. Neben der letzteren hn sich der genannte Forscher viel mit Berufskrankheiten, künstlicher B. leuchtung und Farbenblindheit beschäftigt und gab 1892 (Wiesbaden) eni 850 Seiten starkes „Lehrbuch der Hygiene des Auges" heraus, das si l nach des Verfassers Anschauung durch großen Druck (auch in den Note:, und breite Zeilenzwischenräume von anderen wissenschaftlichen Werke.: abhebr. Wie erwähnt, eröffnete Prof. Cohn 1866 eine Klinik, die nani seiner eigenen Absicht „zugleich Heil- und Lehranstalt werden sollte In ihr haben innerhalb eines Zeitraumes von vierundzwanzig Jahrei (bis Dezember 1890) 49,000 — also jährlich etwa zweitausend — Heilurz gesucht, trotzdem sie weder vom Staat noch von der Provinz, weder von der Universität noch von der Stadt, weder von den Gemeinden noch von Privaten irgend eine Unterstützung erhielt oder erhält. Dabei erhalteil die Patienten bisweilen auch Verpflegung in der Anstalt. — Als Lehrer der akademischen Jugend — ungefähr 1800 Akademiker dürfen sich aU seine Schüler bezeichnen — ist Prof. Cohn von entzückender Liebenwürdigkeit. — Das ist, in kurzem Abriß, das bisherige Wirken de - verehrten Mannes, und gleich vielen Tausenden vereinen wir m i unserer Bewunderung den innigen Wunsch, daß es dem Jubilar noch recht lange vergönnt sein möge, zum Heile seiner Mitmenschen zu wirken. d. Frankfurt a. M., 23. Juli. Am 1. Juni d. I. waren es dr > Jahre, daß der „Kindergarten für Israeliten" von der hiesiger B. B. Loge eröffnet wurde. Mit 12 Kindern, die wirklich unerzoge.i waren, wurde begonnen. Der Kindergarten-Lehrerin, Frl. Judith Elboge:. wurde noch eine untergeordnete Kraft beigegeben. Nur schwer gewöhnte i sich die Kleinen an Disziplin, schwerer noch deren Eltern. Die rege: mäßigen Aufnahmen der Kinder finden zum Herbst und Frühjahr ftat i: jetzt ist die Zahl von 55 Kindern erreicht. Bei jedem dieser Termine sin bei Weitem mehr Anmeldungen vorhanden, als Aufnahmen gewährt werden können. Die Leiterin der Anstalt, Frl. Elbogen, wird unterstützt dura, eine andere Kindergärtnerin und ein junges Mädchen, welches den Dien) erlernen soll. Die Kinder, zwischen dem 3. und 6. Jahre stehend, werden «Morgens gebracht und Abends abgeholt, sie stehen unausgesetzt untc: Aufsicht. Zwischen 8 und 9 Uhr kommen die Kinder, haben Anschauungsunterricht, lernen kleine Verse singen und führen kleine Spiele auf. Ur: 10 Uhr verzehren sie das mitgebrachte Brod, um 12 Uhr erhalten sie ein fache, kräftige, doch reichliche Mittagskost, werden gewaschen, halten ein Mittagsschläfchen, werden des Nachmittags mit kleinen Arbeiten, w> Flechten, Ausnähen, Stäbchenlegen beschäftigt, um 4 Uhr reichlich x\v Milch und Brödchen bewirthet und um 5 Uhr recht gesättigt entlaffei.. Bei günstiger Witterung sind die Kinder den ganzen Tag im Freien Neuerdings wurde auf Anregung einer hochherzigen Dame, welche d'5 Mittel dazu hergab, eine Badevorrichtung hergestellt; dreimal in der Woc! wird Vormittags gebadet und alle Kinder haben in regelmäßiger Reihen folge den Genuß des Bades. Diese sanitäre Einrichtung hat sich als seh vortheilhaft, ja sogar nothwendig erwiesen. Dieselbe hochherzige Dam ist beim Baden mit thätig und übernahm auch schon öfters die Leitune der Anstalt, wenn die Lehrerin verhindert war. Für jedes Kind sin: wöchentlich 25 Pfg., für zwei Kinder einer Familie 40 Pfg. zu entrichten. Bei der Speisung des Mittags sind mehrere junge Damen abwechselnd mit thätig und es ereignet sich dabei öfters, daß manches liebe Kind di: Zuneigung einer Dame erlangt, welche dann dem Kleinen weiteren Schul gewährt. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Tendenz des Vereine dahin geht, vorzugsweise die Kinder der arbeitenden jüdischen Bevölkerung aufzunehmen, damit die Eltern ungehindert der Arbeit nachgehen können; die betr. Kreise haben das Gebotene auch schätzen gelernt. Der Verein bestreitet seine Ausgaben aus: 1. den Mitgliederbeiträgen (ca. 700 Mit-

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