Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 und Abends, bei Frau Cäcilie von Esteles aus Wien, einer liebenswürdigen, edlen und klugen Frau, der Schwiegertochter des berühmten mährischen Landrabbiners Gabriel Eskeles in Molsburg. Eine Dame, der Goethe solche Ehre erwies, mußte doch gewiß durch hohe Geistesbildung und seinen geselligen Takt zu fesseln wissen. Und ebenso zeichnet Goethe die beiden Schwestern Meyer aus Berlin, Marianne, die später Frau v. Eybenberg, imb Sarah, die nachher Frau v. Grotthuß wurde, bei jeder Gelegenheit itt Karlsbad wie in Teplitz aus. Ich komme im Anschluß an das jüngste Goethe- Jahrbuch auf dies Thema gelegentlich noch zurück. Für heute will ich meine Karlsbader Goethe-Studien mit einer kurzen Bemerkung schließen. Die Mahnungen, die ich an unsere östlichen Glaubens-! genossen gerichtet habe, in Tracht und Benehmen sich mehr der all-! gemeinen Kultur anzuschließen, haben, wie ich schon im vorigen Briefe \ erwähnte, hier und da verletzt. Nun finde ich zufällig als erste Notiz, da ich Goethes Tagebücher von 1806 aufschlage, am 5. Juli hier in Karlsbad Folgendes eingetragen: „Auf der Wiese vor dem Konzert spazieren. Jude Baruch (ans russischem Pohlen) mit seinen beperlten Weibern." Bedarf diese Notiz noch eines Kommentars? Im Uebrigen will ich nur noch bemerken, daß die Bezeichnung „polnischer Jude" mehr ein Begriff als ein lokaler Ausdruck ist. Und daß man alle guten Witze ihnen unterschiebt, muß sie doch dafür entschädigen, daß man auch auf ihre Kosten welche macht. Am Ende kann jeder gute Mensch einen Witz vertragen, und da sind wir wieder bei Goethe angelangt und bei seinem Spruch: „Wer sich nicht selbst zum Besten haben kann, gehört nicht zu den Besten." Zürne mir daher keiner meiner östlichen Gönner, wenn ich heute, da wir einmal bei den Witzen sind, mit einem solchen, der mir eben hier erzählt wird, meine Plauderei schließe. Es ist dies die Geschichte von dem polnischen Juden, der ins Sprudelbad geht und dort die Kassirerin fragt, was ein Bad koste. „50 Kreuzer," sagt sie und wie sie merkt, daß sich der polnische Jude räuspert — und warum soll sich ein polnischer Jude, wenn ihm ein Bad zu theuer ist, nicht räuspern dürfen? — empfiehlt sie ihm, er solle ein Abonnement nehmen, da wird ihm die Karte mir 25 Kreuzer kosten. „Wie viel Karten sind in e so e Abonnement?" fragt der Mann. „Zwölf Stück." antwortet die Kassirerin. Da schiebt er ihr die Karten zurück und schreit: „Sin Sie verrückt? Weiß ich denn, ob ich noch zwölf Jahr' leben werde?" . . . Doch, wie gesagt, das ist nur ein Scherz und darum nichts für ungut! Ja, soll ich der Wahrheit die Ehre geben, so mllß ich ent-! schieden sagen, daß gerade die sogenannten „polnischen Juden" die! Bäder hier weit mehr benutzen als andere Badegäste. Die Bäder! wie die Quellen! In letzterer Beziehung thun sie sogar oft des! Guten zu viel. Und nun will ich der Parität halber mit einem Witz j über einen westlichen Glaubensgenossen, der augenblicklich hier! eirkulirt, meine Plauderei, nachdem ich dies bereits zweimal ver-! sprachen, diesmal auch wirklich schließen. Der Sultan von Johore, von dem ich bereits früher erzählt und der sich eines sehr dichten Haarwuchses zu erfreuen hat, geht über die alte Wiese. Bor dem „Elephanten" sitzen ein paar Herren aus Wien, unter diesen ein bekannter Bankier, dessen Haupt bereits kahler Mondschein beglünzt. Diesen fragt rum einer der Herren: „Wissen Sie, was der Unterschied zwischen Ihnen und dem Sultan von Johore ist? Der Sultan hat jo Hoore und Sie haben ka Hoore!" Es ist gut, daß ich fertig bin, sonst würden nach diesen Witzen wohl meine Leser mit mir fertig sein. 0. K. Spvechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Dem parlamentarischen Brauche gemäß, daß dem Antragsteller auße: dem ersten auch das letzte Wort in der Debatte gewährt wird, werde:-. Sie mir wohl in der von mir angeregten Kontroverse auch ein solche zu gestatten die Güte haben. Ich fasse es möglich präzis in vier Notizen zusammen: 1. „Allzuscharf macht schartig" gilt wohl auch von dem Bescheide des Herrn Dr. Flaschner in Bernburg, indem derselbe in dev Schlußbemerknng nicht nur mich, sondern auch Herrn Dr. Kisch verletz und von Letzterem daher eine irritirte Entgegnung provozirt hat, der ich mich vollinhaltlich anschließen kann. Ich möchte allein mir hinzuzufügeu erlauben, daß nur die grammatikalischen Regeln über die Betonung im Hebräischen vermuthlich schon bekannt waren — ich glaube nämlich wei' älter zu sein als Herr Dr. F. - ehe dieser das kannte, wovon in Jesaj 7,16 und 8,4 die Rede ist. 2. Wenn der Herr Rabbiner mein? Idee deshalb a limine abweist, weil Se. Ehrw. noch keinen Hexamete: in der Bibel entdeckt, so wäre das meiner Meinung nach, bei aller.: gebührenden Respekt vor seiner Gelehrsamkeit und Findigkeit, nur dann eine ratio sufficiens, wenn Schiller in seinen; von mir schon einmal citirteu Spruch: Was kein Verstand der Verständigen re. nicht den Nagel an' den Kopf getroffen hätte. 3. Allbekannt ist doch, daß bei den alten so wohl als den neueren Klassikern die für die Prosa geltende Silben betonung in ihren Versen kraft der poetischen Licenz häufig ganz souverü:: außer Acht gelassen wird, ans dein einfachen Grunde, weil sie bei pedan tischer Exaktität hierin nur allzuoft mit ihrem Latein — ihrer Versifikatiim. — zu Ende wären. Pedanterie ist aber so wenig jesajanische Art, daß de: Prophet z. B. 29,14 selbst ohne Noth hinni josif statt mosif zu sage: sich gestattet. 4. Die spätere hebräische Poesie, sowohl der spanischen al der neueren Dichter, beweist ja wohl zur Genüge, daß die heilige Sprache, wenn nur mit Kunstfertigkeit gehandhabt, nicht nur des sogar bis zur? Exzeß gehäuften Reimes, sondern auch der Komposition von maucherle: regelrecht konstruirten Metris, insbesondere Jamben und Spondee: (Jathed m'beth T'nuath et vice versa genannt) fähig ist, und ist es doö gewiß zu verwundern, daß der Vers: ossi wesimrath :c in allen brn Theilen der h. S. ganz unverändert wiederkehrt, während doch (vergl. z. B. II. Sam. 22 u. Ps. 18) in solchen Fällen Varianten in wem höherem Grade gang und gäbe sind. — Doch sapienti saü und will ü: Niemandem meine Ansicht aufdrängen, so scheint mir auf Grund de? Obigen doch ein „non liguet" das Endergebnis; der Diskussion, die hier mit definitiv erledigt sein möge, zu bleiben. — NB. (für Herrn Dr Kisch Schaweh für uschaweh war nur ein Druckfehler. Hochachtend Berlin, 24. Juli Dr. M. Stern ¥ Sehr geehrter Herr Redakteur! Nicht minder verduzt wie Herr Dr. Kisch über meine Einsendung, in Nr. 28 war ich über die seiuige in Nr. 29. In der Einleitung habe ich es doch deutlich ausgesprochen, daßmem Eingesandt gegen Herrn Dr. Stern gerichtet war. Herrn Dr. Kisch b? lehren zu wollen, fiel mir nicht ein; im Gegentheil war seine scherzhaft Art, die Sache zu behandeln, meiner Ansicht nach die richtige. Wenn ic seinen Hexameter (schemesch begiwon) gleichwohl kritisirte, so geschah dies lediglich ans dem Grunde, weil Herr Dr. Stern denselben für richti befunden hatte. Ich bedaure, Herrn Dr. Kisch zu einem Mißverständniss Veranlassung gegeben zu haben. Hochachtungsvollst Bernburg, 21. Juli. Rabbiner Dr. Flaschne: T In unserer Bekanntmachung von voriger Woche hat sich in Betrer der Bestrafung der betreffenden Fleischer ein Jrrthum durch Versehe? des Abschreibers eingeschlichen, und wird hierdurch berichtigend bemerkt daß nur einer der Fleischer gerichtlich mit einer G eldstrafe belegt wurde Der Vorstand der Synagogengemeinde Briefen W.-Pr. Dr. S. Eppenstein, Rabbiner. Druck und Berlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.