Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 „O Mutter, Mutterte, wenn's denn einmal heraus soll und muß! O Mutter, es soll ja vorbei sein und i Hab nix dafür können, schau, es ist über mi kommen, i weiß nit wie!" Vielleicht haben nicht Alle die Bedeutung des Schelmenliedes verstanden, aber nun macht sie der Ausbruch des Dörtle klar. Es ist erst einige Sekunden laug ein Durcheinander von Staunen und Fragen, die Bäuerin reißt das Mädchen empor und ist weiß vor Zorn dabei: „Sag, das hast gethan, den Schimpf hast über unser Haus bracht?" Der Schwaderer ist dann mit einem Sprung bei dem Geiger: „Tu Lotterlesbub Du, was trügst da unter mein Dach?" Ter Blinde zuckt zusammen, hat er doch nichts gewahrt von der Verwirrung, die durch sein Lied angestiftet ist. Er weiß auch nicht, soll er das Gebahren des Gabriel für Ernst oder Spaß nehmen. Vorerst versucht er's mit dem Spaß. „Ohe, Schwaderer, denkt Ihr denn, daß es gerad sein muß mit dem Buckel voll? I thu's ohnedem! Und wenn's Euch nur gefallen hat, das ist einmal erst die Hauptfach!" Gar jämmerlich windet sich das Geigerlein dabei hin und her und sticht sein Instrument noch mehr zu wahren, als seinen Rücken. „Gesteh!" donnert der Bauer, „ist das von Dir ausgangen?" „O mein Herrgott," sagt das Männchen und knickt zusammen, „was wirst denn auch so wüthig? Was soll's denn sein, um das Ihr Euch so haben thut? Seid doch sonst ein Freund gewesen von lustigen Stücklein, und i denk mir's noch, da habt Ihr mir ein Geld gegeben, daß i eins sang ans den Hirschwirth, der nun laug todt ist." „Hast's da in Deinem elendigen Hirn ausgeheckt, das Lied da?" Der Geiger schnappt zweimal unter dem festen Griff des Gabriel und sein Bruder ist vom Tisch gesprungen und hebt seine Scheere wie zur Wehr. „O Tu, würg mi nit!" jammert der Blinde, „und i will's ja von mir gebe», daß das Liedle nit von mir ist." „Vom wem auch, Du Lump?" „Vom — Peter Aigle, der hat's mir vorgesagt und i Hab nix getvußt, wenn's mir auch jetzt einfallen thut. Gelt, die Eichkatz ist damit gemeint!" Für das Wort schüttelt der Bauer den Geiger noch einmal und ruft: „Thür auf!" Der Knecht, der vor derselben steht, gehorsamt, und dann ist der Geiger wie ein Spielball hindurchgeflogen. Das dümniste Gesicht hat Christophle gemacht und dabei immerfort an seiner Pfeife gedreht. Wie er jetzt Eichkatz sagen hört, legt er den Mund zusammen, als wolle er pfeifen, und sagt: „Sowas!" „Nun zu Dir, Peter Aigle!" ruft der Bauer und dreht sich nach der anderen Seite um. „I wart schon d'rauf!" höhnt der Bub, „'s Verhör kann gleich beginnen. Frag auch nur die gelbhaarige Dirn, wie oft sie mit dem Tanzelesjud ihre Zusammenkünft gehabt hat, und i will Red stehen, ob's stimmen thut, denn i Hab gut gezählt!" Gabriel sagt nichts, er schreitet voran und ruft: „Fenster auf!" Diesmal willführt ihm der Christophle. „So!" spricht er dann und seine Stimme klingt ganz tief, „Du sollst nit da hinaus, wo ehrlich Leut durchgehn, Du sollst ein ganz besonderen Weg haben." „Oho, dabei bin i auch noch!" ruft Peter. Aber schnell ist er gepackt und zappelt am Fenster und dann giebt's unten einen Fall und der Gabriel reckt oben seine Arme. Nur im höchsten Zorn hat er's fertig bringen können, den Raufer zu bezwingen. Draußen ballt Peter wüthend und beschämt die Fäuste. „Wahr Di auch, Schwaderer Du, wahr Di! Da hinaus hast mi gehn heißen, wahr Di aber, wann i wiederkomm! Da such ich mir ein besonderen Weg — und d'ran denken sollst, so lang Du lebst." Niemand giebt mehr Acht auf ihn. Der Bauer wendet sich jetzt zum Christophle. „Hast gesehn und hast gehört, Bu! Dem Mädel klebt jetzt was an — nachsingen wird man ihm das Liedle, so lang's leben thut, Du mußt wissen, wie Du mit Dir selber dran bist, und wenn's nit ertragen kannst, so will i's Dir nit verdenken. Aber Alles ist unterschiedlich und Jeder muß wissen, wohin er sein Füß setzt." „Freilich!" giebt Christophle zur Antwort und steht rathlos da. „Ueberleg's Dir!" gebietet Gabriel. »I«/' sagt Christophle, „das ist eine Sach! Und wenn doch auch mein Vater da sein thät." „So geh und bered's mit dem!" ruft der Schwaderer. „Das ist freilich 's Best!" bekennt der Bub und nimmt seine Pfeife und folgt dem Gebot sofort. Wie er hinaus ist, schleicht sich der Schneider wieder auf seinen Platz und guckt seine Scheere an und flüstert: „I Hab doch wahrhaftig nit gewußt, sollt i dem Bruder damit zu Leib oder dem Bauer, 's ist schon wahr, daß man sich selber nit im Zorn kennen thut." Dörtle hat den Kopf nicht von den Knieen der Mutter gehoben, sie kann nicht einmal weinen, sie hat nur eine dumpfe Empfindung, daß nun passirt ist, was Lea gewünscht hat — sie ist verachtet, verspottet. Aber eins hat sie auch vergebens gewünscht, daß ihre Mutter ihr nur ein Zeichen geben möchte, daß sie mit ihr fühlt, daß ihr Unglück und ihre Schande ihr nahe geht. Doch nicht eine Bewegung hat die Bäuerin gemacht. Und nun hört sie schwere Schritte sich der Ofenecke nähern, sie weiß, jetzt kommt der Vater, um Gericht über sie zu halten. „Steh auf, Dirn, jetzt ist's an Dir!" Sie folgt dem Gebot und wendet dem Bauer ihr bleiches Gesicht zu, ihre großen bangen Augen. „Und Ihr Leut, Ihr bleibt drinnen, bis Ihr meinen Spruch gehört habt! Das da ist die Tochter aus dem Haus hier — ist gut! Ist aber nix besser als jede Andere, wenn's sich um ein Vergehen handelt. Und da steh i und frag: Dirn ist's wahr — mit dem — dem —" „O Vater!" Dörtle hebt die gefalteten Hände hoch. „Hast Dein Sinn auf Einen gesetzt, der nit einmal ein Christ ist?" „Vaterle — wahr ist's!" „Und hast Zusammenkünft mit ihm gehabt?" „Wahr ist's!" „Schand und Spott — wahr ist's auch," das ist das erste Wort, welches über die Lippen der Bäuerin kommt, und gellend klingt's, wie sie noch nie Jemand hat rede» hören. „O, das Unglück im Haus, das Unglück — immer hat's mir geahnt, daß es zu nix Gutem führen werde — immer!" Dann setzt sie sich still wieder in ihren Stuhl. „Also eine rechte Judenliebschaft — das Mädle vom Schwaderergütle — schau auch!" sagt Gabriel. „O Vater,, wie's kommen ist, i weiß es ja nimmer!" spricht Dörtle, „i Hab nit für mein Herz gekonnt, und da, auf derselbigen Stell, da hat die Frau Mutter gemeint, die Juden wär'n Menschen wie wir auch, und der Herr Doktor hat's gesagt — und gut Hab i dem Bartel sein müssen, i könnt nix dafür. Und in den Städten ist's längst schon ein Gesetz, daß Christen und Juden zusammen kommen können." „O pfui!" sagt der Schneider. Gabriel steht so grad da, wie draußen die alte Eiche.