Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
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das jüdische Herz als ein edles Reis, genährt und gewachsen am Lebensbauin israelitischer Lehre und israelitischer Erkenntnis. Entziehen wir dein Stamme den Nährboden und das Reis muß verwelken und verkümmern, das jüdische Herz vertrocknen und zusammenschrumpfen. Die Beschäftigung mit der Thora, die Kenntniß der Religion wiegt Alles auf, ist der Unterbau aller werkthätigen Liebe, das Ideal, das alles Menschenthum adelt: und wir sollen über das Materielle das Ideale ungepflegt lassen, wir sollen über die allzugroße Sorgfalt, die unsere Humanität dem leiblichen Wohle der bedürftigen Menschheit zuwendet, die idealen Güter in vielcnHunderten von Gemeinden brach liegen lassen? wir sollen es mit ansehen können, wie aus Mangel an geeignetem Religionsunterricht Tausende unsrer Kinder der religiösen Unwissenheit anheimfallen, und unsere Hände in den Schooß legen und unser Herz verschließen? Nein, das wird Niemand von Israel behaupten wollen! Noch lebt Idealismus in Israels Mitte, uud weil dem so ist, darum wird auch für die religiösen Interessen der kleinen Gemeinde der Tag konunen, da begeisterte Männer sich der heiligen Sache annehmen und in der gewünschten Weise geordnete und geregelte Kultusverhältnisse schaffen. Man wird vielleicht unseren Ausführungen etwas zu viel Optimismus und Idealismus vorwerfen. Allein unverwüstlicher Optimismus unb Idealismus haben von jeher Israels Herzen beherrscht, sie sind die Morgengabe, mit denen Gott Israel für seine weltgeschichtliche Mission ausgestattet, und sie haben ihm die unvergängliche Kraft verliehen, Leid und Druck von außen zu widerstehen und innere Schäden, wo auch immer sie sich zeigten, zu beseitigen und zu heilen. Diese Kraft wird nicht erlahmen, und auch die Schäden, die wir an unserem religiösen Organismus gezeigt und zu deren Abhilfe Vorschläge gemacht, werden, das dürfen wir zuversichtlich hoffen, beseitigt und geheilt werden. Möglich, daß berufenere und zum Organisiren begabtere Männer andere uud bessere Wege finden werden, um den dichten Knoten der Kultusbeamtenfrage zu lösen. Wir werden uns dann mit dem bescheidenen Verdienste begnügen, die Frage angeregt und den Nachweis geführt zu haben, daß sie überhaupt lösbar ist. 9 FEUILLETON -*&- Ver Stern von Iran. Eine historische Erzählung von L. Tarnowski. (Fortsetzung.) IV. Aus dem Gemache, in welchem Elieser und Thirza ihre geheimen Angelegenheiten beriethen, führte eine verborgene Thür auf eine steinerne Galerie, von der man in einen umfangreichen, viereckigen Thurm gelangte, der in seinem obern Theil dem Einsturz nahe, nur einen einzigen bewohnbaren Raum enthielt, aber eben seines gefährlichen Zustandes wegen von keinem Menschen besucht wurde. Dieser Thurm, den der nachlässige Befehlshaber hatte zusammen fallen lassen, obgleich er kein unwesentlicher Theil der Befestigung zu nenne» war, stand blos durch einen schmalen, gemauerten Gang in Verbindung mit dein Hauptgebäude der Stadt, das der Prokonsul bewohnte, und zivar grenzte er unmittelbar an das Prunkgemach des Römers, nur durch eine morsche Thür, die wie die übrigen Wandflächen mit seideneir Zeugen bekleidet war, davon getrennt. — Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und noch war es still in dem eben erwähnten Prunkgemache. Die geschlossenen Jalousien, die man in jener Zeit als dürftigen Ersatz für die Glasfenster hatte, ließen nur ein Dämmerlicht einfallen; doch war es so stark, daß es auf dem prächtigen, mit grünem Baldachin bedeckten Ruhebett einen Mann in Nachtkleidern erblicken ließ, der nicht mehr schlief, sondern in fauler, dummträumerischer Ruhe vor sich hin stierte. Sein Leib hatte einen bedeutenden Umfang; der mit schwarzem Haar stark bewaldete Kopf war größer, als es die Proportion nöthig machte; das Gesicht war ein echt römisches mit gebogener Nase und eingetiefter Nasenwurzel, aber trotz des starken Bartes um Lippen und Kinn hatte es nichts Kriegerisches, Männliches, es war schlaff und ausdruckslos, abgedämmert und nichtssagend, fast wie ein robustes Weibsgesicht, dem man falsche Bärte aufgeklebt. Dieser Mann war kein Anderer als Gabinius Fullo, der römische Prokurator von Judäa. Gemeiner Herkunft, doch vom Glück begünstigt, hatte er für einige geringe Dienstleistungen von Hadrian das einträgliche Amt erhalten. Er bereicherte sich hier durch mancherlei Bedrückungen an Christen und Juden, schloß sich mit seinen Schätzen und einer schwachen verwilderten Besatzung in dem festen Gaza ein, erschlaffte in üppiger Schwelgerei und vernachlässigte bei aller Grausamkeit gegen die Laudesbewohuer so sehr die Pflichten seines Amtes, daß es eben nicht schwierig war, über sein Haupt eine schreckliche Katastrophe herbeizuführen und ihm zu beweisen, daß verachtete Feinde gerade die furchtbarsten sind, wenn sie dieser Verachtung sich bewußt geworden. Nach langem Daliegen erhob sich Gabinius Fullo und humpelte zum ersten Fenster, lvoran er die Jalousien ein wenig öffnete. Eine Weile blinzelte er ins ungewohnte Licht, dann schauderte er zurück und warf sich so schnell als möglich in ein reichgesticktes, langes asiatisches Gewand von grüner Seide, um eine Erkältung zu verhindern. Nun eilte er in den Winkel, dessen Bekleidung die Thür in den Thurmgang verbarg und in dem ein silberner Schild hing. An diesen schlug er mit einer dabei stehenden Lanze, daß es einen hellen, schrillenden Klang gab, und alsbald öffnete sich die Thür an der entgegengesetzten Seite des Saales, durch welche mit tiefen Verbeugungen und ehrfurchtsvollen Grüßen drei ärmlich gekleidete Sklaven mit einem Apparat von verschiedenen Toilettegegenständen eintraten. Da war ein silbernes Waschbecken, ein goldenes Büchschen voll kostbaren Bartöls, ein Dutzend Alabasternäpfe voll wohlriechender Oele zum Salben verschiedener Körpertheile, eine Anzahl Bürsten, Kämme und Lappen und noch manches echt sybaritische Requisit, das wir nicht erst nennen, da man es späterhin sehen müßte, um Form und Zweck sogleich zu erkennen. Sogleich warf der Gebieter das Gewand von sich, streckte sich auf eine Menge hingebreiteter Wolldecken und nun begann an der unschönen quappigen Figur, die sich wie nach dem Takte reckte, krümmte und dehnte, eine Reihenfolge der seltsamsten Reibungen, Salbungen und Putzereien, daß es zum Erbarmen war. Der Römer gebehrdete sich dabei wie ein unbändiger Bube unter dm Händen der Amme; er fluchte und kreischte, hieb und trat um sich und feuerte, wenn er irgend ein Stück des kosmetischen Apparats erwischen konnte, es den Sklaven an die Köpfe, die ohne Murren ihr schweres Joch ertrugen. So war denn lange Zeit im Saale kein Laut zu hören, als das momentane, unartikulirte Gekreisch des Römers und das Geräusch der verschiedenen Manipulationen, als plötzlich die Thür aufging und eine laute Mannesstimme erscholl, der man es anhörte, daß sie recht absichtlich den Ausdruck der größten Albernheit festhielt. „Die Götter segnen Dich, o Gabinius Fullo!" sprach die Stimme, und der Besitzer derselben war der schlaue Elieser, der im schwarzen Mantel einherschritt und ein großes Gelächter aufschlug, als er den Römer zappeln und strampeln sah unter den Händen der Diener.