Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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353 emeinschaft unschädlich Deutschen onswegen' im Kreise ldt wurde. ^roner. 25. Juli, öckel uns >ser Woche emiten in der Reuige Dürre e in einer Kampfes-;ur Wahlervativen, engel des ten ^roßvielfacher h-sozialen rabfäumt; teitag für >ng aller Sei dies tisemitisch ljorität Ttöcker e Volksvon der trauriges so sagte ken kann, ußte von nrniisches Nun,Pitz! dortigen e an die trotzdem »didatur zelächtcr! Sowohl lhrheiten i. Rufe: nnint es r Freude keustettin! Böckelauernder -iinpfeii! gehört!) Gejohle fort. — Böckel, so schloß Stöcker, hat Ahlwardt „Fatzke" genannt, wie konnte sich Ahlwardt mit solch' einem Mann wieder befreunden? (Rufe: Haben sich wieder vertragen!) Sie denke», Fatzke schlägt sich, Fatzke verträgt sich. (Stürmischer Beifall und furchtbarer, lang andauernder Lärm. Rufe: Selber Fatzke!) Ich gönne sowohl Ahlwardt als auch Förster de» Sieg. (Rufe: Na! Na!) Nach Stöcker sprach noch Schriftsteller Willberg und Restaurateur Bodek. Letzterer sagte: Die Wahl im Neustettiner Kreise spottete jeder Beschreibung, ja sie war geradezu schmutzig. (Stürmischer Beifall und furchtbarer Lärm.) Der Hofprediger a. D. sollte sich schämen. Bei diesen Worten erhob sich ein lvahrer Höllenlärm. Eine Anzahl Leute stürmte auf Bodek zu und versuchte, ihn gewaltsain von der Tribüne zu ziehen. Dieser sllchte sich mit einem Bierseidel zu vertheidigen. Auf der Tribüne entspinnt sich eine Prügelei. Alles drängt »ach der Tribüne. Tische und Stühle krachen. In diesem Chaos schließt der Borsitzende die Versammlung. Das ist die Geschichte von Stöckers Niederlage. Der konservativ-theologische Antisemitismus ist überwunden und durch den demagogischen Antisemitismus abgelöst. Es ist kein Unterschied in den Zielen, sondern nur in den Motiven, und wenn der Reichstag Herrn Stöcker losgeworden ist, so hat er dafür die Böckel und Ahlwardt. Es sind nun drei Nuancen des Antisemitismus, mit welchen wir zu rechnen haben: Ahlwardt nennt seine Leute die Radikal-Antisemiten, Böckel bezeichnet sich als den Führer einer sozialen Reformpartei, und Stöcker hält für sich und die Seinen den Namen der Christlich-Sozialen fest. Uns kann übrigens der ganze Streit ziemlich gleichgiltig sein, denn in der Hetze gegen die Juden bleiben sie auf der ganzen Linie, von Ahlwardt bis zu Stöcker, nach wie vor einträchtig. Nur der Regierung gegenüber gehen sie verschiedene Wege. « Ein hiesiges Blatt hatte vorige Woche gemeldet, daß ein jüdischer Assessor L., der nach seinem Dienstalter und seinen Leistungen sich zu dem Anspruch auf eine Anstellung berechtigt glaubte, in einer Audienz von dem Justizminister von Schelling erfahren habe, daß dieser vorläufig nicht in der Lage sei, einen Juden als Richter anzustellen. Wir hatten diese Nachricht als unglaubwürdig nicht gebracht, denn wir wußten, daß ein preußischer Justizminister ein solches Verfahren nicht nur nicht einschlagen, sondern sogar mißbilligen würde und müsse. Wenn wir nachträglich doch die Meldung wiedergeben, so geschieht es, weil der Justizminister Anlaß genommen hat, in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ausdrücklich festzustellen, daß er eine Erklärung der erwähnten Art nicht abgegeben hat. Bekanntlich sind in der That unter dem gegenwärtigen Justizminister mehr jüdische Richter befördert und ernannt worden, als unter Herrn v. Friedberg und all' dessen Vorgänger». Das Interessanteste bei der ganzen Sache ist der Rath, den die „Krenzzeitung" aus diesem Anlaß dem Justizminister zur Umgehung des Gesetzes gegeben hat. Von einen? Verfaffungsbruch könne, meint sie, nicht die Rede sein, wenn Juden nicht mehr Richter würden. „Die ihnen gewährleistete bürgerliche Rechtsgleichheit bedeutet nur so viel, daß jeder Jude ebenso gut als jeder Christ Richter werden kann, wenn er den Voraussetzungen genügt; nicht, daß er es werden in uß. Der Landesherr kann überhaupt nicht gezwungen werden, irgend Jemandem, sei er nun Jude oder Nichtjude, ein bestimmtes Amt zu übertragen. Daraus folgt, daß auf dem Verwaltungswege manche Frage praktisch gelöst werden kann, der gesetzlich zur Zeit nicht beizukommen ist." Die „Kreuzztg." wünscht, daß die Frage der Anstellung von Juden als Richter an geeigneter Stelle in diesein Sinne erwogen werde. Sie wird aber mit diesem Wunsche wohl wenig Glück haben. Neuerdings meldet übrigens dasselbe Blatt, das die erste Nachricht gebracht, wie es sagt, auf Grund zuverlässiger Informationen, daß seit mehreren Wochen im Kammergerichtsbezirk das Prinzip durchgeführt sei, keine jüdischen Richter mehr anzustellen. Den gegentheiligen Vorschlägen des Kammergerichts-Präsidenten Drenkmann sei vom Justizministerium keine Folge gegeben worden, Hoffentlich folgt auch dieser Allarmnachricht recht bald ein kräftiges Deinenti nach. r Um mit ettvas Erfreulicherem zu schließen, wollen wir hier endlich noch der Thatsache gedenken, daß Ludwig Bamberg er in der abgelaufenen Woche unter allgemeiner Theilnahme seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert hat. Theodor Mommsen widmete ihm einen höchst interessanten Festartikel in der „Nation", zahlreiche Handelskammern und Vereine sandten Adressen. Bambergers Ansichten über den Antisemitismus charakterisirt Emil Schiff in einem Artikel der „Neuen Freieil Presie" folgendermaßen: Jil seiner Gedenkrede auf Lasker sagte Bamberger am 28. Januar 1884: „Unter dem, was ihn drückte, darf nicht verschwiegen werden jener eigenthümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat, und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismlis des Glaubens verträgt, eineil »elien Fanatismus für das Bedürfnis; der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungen schmerzlich empfunden, so ivar es, weil er sie empfand als einen Fleck auf den? Ehrenschilde der ganzen Nation. Das Bitterste davon hat er wohl schiverlich empfunden, denn seine Seele war so edel geartet, daß er für das Element von Gemeinheit, das in dieser Bewegung liegt, ilicht die ganze Empfindung hatte." Nun, Llldivig Bainberger ist nicht schlechter geartet als Lasker, aber in dem dnrchdringenden Scharfblicke seiner Menschenkenntniß, und da ihm die Naivetät Lasters nicht weniger als gänzlich abging, war es ihm nicht versagt, die ganze Gemeinheit dieser Bewegung zu empfinden. Seiner Erwiderung „Deutschthum und Jndenthum", die er 1880 in Gottschalls Revue „Unsere Zeit" gegen Treitschke erscheinen ließ, merkt inan es an, wie ihm das Herz geblutet hat, überhaupt zu solcher Ablvehr die Feder ansetzen zu müssen. Er gab zu, daß die Antipathien, denen Herr v. Treitschke seine Stimine lieh, weiter verbreitet seieil, „als gerade oft die gebildeten Inden ahnen, deren eigenes Gefühl über diesen Punkt sie so lange täuscht, bis persönliche Erfahrungen oder allgemeine Erscheinungen sie wieder daran erinnern, daß sie selbst zwar mit alleil Fasern an Deutschland hängen, daß aber nicht alle gebildeteir Deutschen christlicher Abstammung diese Empfindung ihnen erwiedern. Und manch Einer, der sich zwar nicht für einen guten Christen, aber für einen guten Deutschen hält, wird von Ehr- und Pflichtgefühl hinabgezogen in das Kampfgebiet, dem er im Bewußtsein seiner inneren Freiheit und iin Glauben an sein verjüngtes Vaterland für immer den Rücken zu kehren gehofft, allerdings vorerst wieder einmal vergebens gehofft hatte." Lange schien es, als hätte die schmerzliche Bitterkeit dieser Worte bei Bamberger, an dessen vornehme Höhe die pöbelhafte Niedrigkeit antisemitischer Angriffe sich selten heranwagte, einem kühlen kritische» Hinwegsehen über eine zeitliche Verirrung der Nation Platz gemacht. Aber die traurige Empfindung, daß diese sittliche Entartung auch einen ansehnlichen Theil der Volkskreise ergriffen hatte, mit denen Bamberger einst an der Einigung des Vaterlandes zusammen gearbeitet, nagte auch an dieser starken Natur und wirkte mitbestinmieiid auf seinen Entschluß, sich zlirückzuzieheu.