Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Minister von Feilitzsch erklärte ihn in der Sitzung vom 6. Mai 1892 als eine Autorität auf diesem Gebiete. Durch sein Wirken im Gesetzgebungsausschusse hat sich der mit umfassenden Kenntnissen der Rechtswissenschaft üusgestattete Abgeordnete ein Denkmal gesetzt. Oesterreich - Ungarn. i. Wien, 18. Juli. Wie weit die Verirrungen des Antisemitismus gehen, zeigt recht deutlich eine hiesige Korrespondenz der Berliner „Täglichen Rundschau" (Nr. 160), in der die wahrhaft philanthropischen Anichten und Bestrebungen des Barons Hirsch für die Hebung der Juden u Galizien in wahrhaft nichtswürdiger Weise herabgesetzt werden. Da ,eißt es u. A.: „Zu Ende des Jahres 1889 hat der vielgenannte Baron virsch, der Erfinder des Türkenloosschwindels, der viele Tausende kleiner Aute um ihre Ersparnisse gebracht, jenem internationalen Spekulanten iber mehr als 100 Millionen Mark eingetragen hat, einen Theil derselben, und zwar 12 Millionen Frcs, zur Errichtung jüdischer Schulen u Galizien hergegeben. Leider hat die österreichische Regierung diese Stiftung genehmigt, während die russische Regierung eine gleiche Stiftung iü die russischen Juden in Höhe von 50 Millionen Frcs zurückwies. 'Lach den; neuesten Bericht der galizischen Stiftung werden 20 Schulen, ^gründet von der Alliance Jsraclite Universelle (vielleicht gar wie im Orient mit französischer Unterrichtssprache?), unterstützt. Von 4000 Schülern sollen angeblich 354 zu Handwerkern in die Lehre gegeben vorden sein. Da indessen jüdische Meister nicht vorhanden, die christlichen Meister aber hohes Lehrgeld für die schwierige Anlernling jüdischer Lehrlinge verlangen, so will man besondere jüdische Musterwerkstätten inrichten, um jüdische Handwerker zu schaffen. In Wahrheit dienen die Schulen der Alliance Jsraölite Universelle und des Barons Hirsch einzig ind allein der Mobilisirung der galizischen Juden, welche — leidlich «orgebildet — fortan in größerer Zahl als bisher nach Deutschland und Frankreich auswandern dürften, uni dort — wie so Viele voll ihnen — hr Glück zu machen." So viel Worte, so viel Lügen. Die „Alliance" iat absolut nichts mit dieser Stiftung, überhaupt nichts mit Galizien u thun. Der einzige Zweck dieser Stiftung ist, die galizischen Juden! u gebildeten Menschen, zu tüchtigen Handwerkern unb Ackerbauern zu j nachm. Es ist natürlich, daß das nicht in den Kram unserer und ihrer Antisemiten paßt. * Budapest, 18. Juli. Dr. Ignaz W. Bak, emeritirter Rabbiner ind Redakteur des „Ungarischen Israelit", ist am 4. d. M. nach 17ägigem Leiden an Gehirnerschütterung, die er sich gelegentlich eines unglücklichen Falles zugezogen, gestorben und hat eine Wittwe und sechs unversorgte Kinder hilflos zurückgelassen. Bak erreichte das Alter von 71 Jahren. Frühzeitig von seinem frommen und gelehrten Vater, Josef Eliezar Bak, Rabbinatsbeisitzer in Szegedin, angehalten, berechtigte der reichveranlagte Knabe zu den schönsten Erwartungell. In der That hatte Vak, welcher zu den Füßen großer Meister gesessen, sich einen Schatz jüdischer Gelehrsamkeit angeeignet, den er als Rabbiner verwerthen wollte. Seine Rabbinerlaufbahn hatte jedoch nicht den erhofften Erfolg, und als er derselben entsagte, gründete er vor 20 Jahrenden „Ungarischen Israelit", welcher stets muthig und unerschrocken die Gebrechen der Zeit geißelte, aber seinem Herausgeber abermals den verhofften Erfolg versagte! So war Baks Leben ein unausgesetztes schweres Ringen mit dem Mißgeschick, unb erst der Tod befreite ihn von seinem Leid. Die Pester israelitische Religionsgemeinde entsendete in das Trauerhaus den Tempelchor mit dem Kantor Stern. Der Gemeinde-Preoiger, Rabbiner Dr. M. Kayserling, lvidlnete dem Verklärtell einen Nachruf, welcher darin ausklang, daß der Tod „sühnerld und versöhnend" wirkt. Unsere „Chewra Kadifcha" wies > der Leiche in der Reihe, in welcher das Grab des k. ung. Staars-Sekretärs vorn — welcher ein Freund und Gesilmungsgenosse Baks gewesen — sich befindet, einen Ehrenplatz an. * Krakau, 12. Juli. Die Rede, welche Graf Stanislaus Tarnowski, der Präsident der Krakauer Akademie der Wissenschaften, auf dem Katholiken-Kongreß gehalten, enthielt folgenden Passus, der besonderes Aufsehen erregte: „Abgesehen von den inneren Gefahren droht bei uns dem Katholizismus eine äußere, nämlich eine nicht aus unserem Blute und unserer Natur entstanunende Gefahr. Wir sind dasjenige Land auf dem Erdboden, welches die stärkste jüdische Bevölkerung zählt. In unserem Jahrhundert und in unserem Staate, woselbst der Glaubensunterschied keinen Unterschied in den bürgerlichen Rechten begründet, wächst dieser Bruchtheil der Bevölkerung augenscheinlich an Wohlstand, Einflllß und Uebergewicht. Es verhilft ihm dazu die angeborene mehrfache Befähigung, Rührigkeit und Sparsamkeit. Allein in diesem unserem Jahrhundert, zu dessen Merkmalen ein allseitiger Kampf wider das Christenthum gehört, ist das einst auserwählte und zur Versöhnung berufene Volk schon der Natur der Sache nach, schon durch die Logik, durch seinen Glauben nothwendig auf den Kampf angewiesen. Bei uns können die Juden durch ihre große Zahl, durch ihre stete und unvermeidliche Berührung mit allen Schichten der Gesellschaft diese Angelegenheit drohender und schwerer gestalten als anderwärts. Wie sie lösen? Vielleicht wird dies die Zeit zu Stande bringen! Heute sehen und wissen wir nur, wie die Lösung nicht erfolgen soll. In Frankreich, Deutschland, zum Theil sogar in Oesterreich, beginnt die Bevölkerung, erschreckt durch den Reichthum und den zunehmenden Einfluß der Juden, diese zu hassen. Merkwürdig! Dieselben Länder und Gesellschaften, welche als die Ersten glaubten und verkündeten, daß die Auffassung der Beziehungen des Menschen zu Gott keinen Unterschied zwischen den Menschen bilden könne, dieselben, welche zuerst in das Leben den Grundsatz einführten, daß das Recht und der Staat mit Gott nichts zu thun haben und dieser nichts mit ihnen, dieselben mußten, kaum das; sie den auf der Konfession, auf dem Glauben an Christus den Herrn beruhenden Unterschied zwischen Juden und Christen aufhoben, lebhaft den Unterschied des Blutes empfinden und zugleich den Juden alseinen Menschen andern Stammes Haffen. Es hat dies eine abgenützte Bezeichnung: Man hört und liest überall vom Antisemitismus Dieser ist grundsätzlich schlecht und praktisch gefährlich, schlecht, weil er nuchristlich, ungerecht und unbarmherzig ist. Es geht nicht an, den Nächsten deswegen zu hassen, weil ihn Gott als denjenigen erschaffen hat, der er ist, und nicht so, wie mich. Sehr gefährlich könnte dieser sogenannte Antisemitismus in der Folge werden, da Niemand weiß und vorhersehen kann, wo er Halt machen und wohin die aufgehetzten und entflarnmten Gehässigkeiten eines Bruchtheiles der Bevölkerung gegen die anderen gelangen werden; bei uns namentlich, wo die Juden, im ganzen Lande verbreitet, mit der Landbevölkerung vermischt sind und ihr jetzt schon zur Last fallen, könnte diese Gefahrgrößer sein als anderwärts. Gott bewahre uns vor dem Antisemitismus! Was aber sollen wir machen? Sollen wir uns verschlingen, materiell depoffediren, moralisch und gesellschaftlich beherrschen lassen? Es ist dies eine jener Angelegenheiten, in welchen die Gesellschaft sich selbst helfen muß und helfen kann. Auf welche Weise? Mit denselbeu ehrlichen, rechtlichen und würdigen Mitteln, mit welchen sie sich zu helfen begann. Die Beschränkung der Trunksucht und des Wuchers hat schon sichtliche und handgreiflich gute Folgen. Die christlichen Läden und Handelsgesellschaften, obwohl so jung, zeigen ebenfalls bereits gute Folgen. Wenn der Jude, geschickter als wir, früher zu unserem Schaden jene Erleichterungen, welche er in unseren heutigen Gesetzen findet, ausgenützt hat, so stehen diese Rechte auch uns zur Verfügung. Auch wir können diesen Weg betreten. Wir schlagen diesen nun ein, indem wir Läden errichten, Handelsgesellschaften und Handwerkervereine gründen. Auf diesem Wege ist zwar langsam, aber sicher jenes Gleichgewicht der finanziellen Mittel zu erzielen, an welchem es uns heute mangelt." Großbritannien. * London, 15. Juli. Die Anglo-Jewish Association hielt gestern in den Central Synagogue Chambers unter dem Vorsitze Sir Julian Goldsmid's ihre 22. Jahresversammlung ab. In dem Jahresbericht heißt es, daß sich im vergangenen Jahre ein Wachsendes Antisemitismus in Mittel-Europa geltend machte, welcher das Loos der Juden in Oesterreich und Deutschland verbitterte und ihren Fortschritt hinderte. Was Rußland anbetrifft, so weist nichts darauf hin, daß die dortige Verfolgung aufgegeben wird. „Zum Unglück lehrt die Erfahrung, daß äußere Einmischung nichts oder wenig nützt beim Zaren und seinen Rathgebern, und die gesittete Welt kann nur hoffen, daß sie von selbst eine humanere Politik beginnen. Nur für diejenigen, welche sich der russischen Verfolgung entziehen, ist Hoffnung auf Hilfe vorhanden, und dieser Aufgabe haben sich Baron Hirsch, das russisch-jüdische Komitee in England und andere ähnliche Vereine im Auslande unterzogen." Sir Julian beklagte, daß in Rumänien die Kinder der jüdischen Bewohner nicht mehr in den Schulen!! Mi