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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-21 · Heft 29 (21.7.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Ausnahme finden sotten, trotzdem das betreffende Gesetz ganz unverfassungsmäßig ist. Ein anderes rumänisches Gesetz verbietet die Anstellung von Juden in Hospitälern und gestattet ihnen nicht, Apotheker zu sein. Thatsächlich werden keine jüdischen Kranken in die Hospitäler ausgenommen. Nicht ohne Besorgniß kann man auf die Entwickelung in Griechenland schauen. Dagegen zeigen sich der türkische Sultan und der Schah von Persien tolerant. Auch der Sultan von Marokko hat einen Beamten, welcher sich Grausamkeiten gegen Juden zu Schulden kommen ließ, energisch zur Strafe gezogen. Der Berein erkannte dankbar die segensreiche Verwendung des britischen auswärtigen Amtes an. „An einem Sonntage ließ Lord Roseberrp, einige Stunden nachdem er vom Verein auf die drohende Gefahr in Teheran aufmerksam gemacht worden war, an den britischen Gesandten telegraphiren und verhinderte auf diese Weise eine Erneute gegen die Juden in Hamadan." — „Unter allen ominösen Zeichen des Uebelwollens gegen die Juden am Ende des 19. Jahrhunderts giebt es ein Departement, dessen Arbeit das beste Gegenmittel gegen den Antisemitisnrus liefert — die Erziehung der jüdischen Kinder." Nachdem der Ober-Rabbiner Dr. Adler dem anwesenden Baron Hirsch für seinen beispiellosen Opfermuth gedankt hatte, erklärte dieser, er wisse sehr wohl, daß es unmöglich sei, 6,000,000 Menschen aus einem Lande zu führen. Aber er wolle .Kolonien von etwa 10,000 russischen Flüchtlingen gründen, urn zu zeigen, daß die Juden sehr wohl nützliche Bürger sein könnten. Bulgarien. r. Sofia, 12. Juli. Aus Wrazza langte vor wenigen Tagen die briefliche Mittheilung an, daß die muthnmßliche Mörderin des Mädchens aufgehängt gefunden wurde. Die Aufregung über diesen mysteriösen Vorfall hat sich zwar noch nicht an die Oberfläche gewagt. Wer aber kann dafür haften, daß die Judenfeinde diesen neuen mysteriösen Fall so ohne die üblichen Kraftäußerungen hinnehmen werden. Als fernstehender Beurtheiler der dortigen Zustände scheint uns abermals ein antisemitisches Opfer im Spiele zu sein, dazu geschaffen, um die Wuth der Wrazzaer gegen die Juden in Beständigkeit zu erhalten, die Verwickelung des Falles, der bald zum Austrag hätte gelangen sollen, um ein noch verwickelteres Faktum zu steigern und so die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Thätern ab- und den Juden zuzulenken. Die Vermuthuug, daß die betreffende Frau von ihren eigenen Freunden in ein besseres Jenseits befördert sein möchte, ist nicht ausgeschlossen, weil die Erhängte seit einiger Zeit Spuren von Gewissensbissen gezeigt über den Mord eines ihrer nächsten Verwandten, welcher Umstand die Helfershelfer in üble Laune versetzen mußte. Aber auch eine andere Version bekommt man zu hören, welche zumeist aus jenen Kreisen stammt, in denen der Haß gegen die Juden von jeher gepflegt ward — die Version nämlich: Die Alte habe sich aus Reue und Furcht vor Entdeckung das Leben genommen. Das hiesige jüdische Komitee, welches von der Gemeindeversammlung mit der Führung dieser Angelegenheit betraut wurde, hielt kürzlich eine Sitzung ab und beschloß, eine Deputation an den Minister zu senden, um seine Meinung und sein Verhalten in dieser neuen Affaire zu vernehmen. Freilich haben wir auf dem Ministerposten keinen juridischen Fachmann, sondern einen Apotheker, welchem derartige Rechtssachen eine terra iueoAvita sind, dem also das zielbewußte, fachmännische Auftreten eines Justizministers ganz abgeht und der somit der gefährdeten Lage der Juden keinen Sukkurs bringen kann. Trotz alledem wird dieses Faktum dazu beitragen, daß einmal eme ernste Entscheidung herbeigeführt und Licht in die Finsterniß der antisemitischen Minirarbeit gebracht wird. Lange genug leiden schon die unschuldig angeklagten drei Familien unter dem Banne des Untersuchungsgerichtes. Von Nah und Fern. Herr St Ctrl Paasch ist am 15. d. M. in Leipzig nebst seinem Begleiter, dem Wärter der Charitö in Berlin, als er sich zurück nach Berlin begeben wollte, auf Veranlassung der Berliner Behörde verhaftet worden. — Bei der Reichstagsnachwahl in Hofgeismar-Rinteln wurden für Buttlar (konf.) 3121, für Dr. König-Witten (Antisemit) 4419 Stimmen abgegeben. Mithin ist eine Stichwabl erforderlich. — In Neustettin ist Professor Förster anscheinend mit großer Majorität gewählt worden. Zwar steht das Ergebniß aus einer Reihe von Bezirken noch aus, doch kann Stöcker den Vorsprung seines Gegners (3736 gegen 690 Stiuunen) nicht mehr einholen. — Die Antisemiten haben im Reichstag diesmal nur einen schwachen Vorstoß gewagt. Gegen die Bemerkung Bebel's, daß die von den Antisemiten vorgeschlagene Wehrsteuer die Aermeren treffen würde, erklärt, Liebermann v. Sonnenberg: „Die ärmere Bevölkerung trägt ihn Militärlast vollkommen, eine Wehrsteuer soll die Reichen treffen, sie soll eine Judensteuer werden, da die Juden nur ein Viertel Rekruten im Verhältniß zu ihrer Zahl stellen." Selbstverständlich steht diese dreiste Behauptung auf derselben Höhe wie alle andere antisemitischen Behauptungen. — Der antisemitische Rechtsanwalt Hertwig ist in seiner Eigenschaft als Reserve-Offizier vom Kriegsgericht wegen Verweigerung des Gehorsams zu drei Monaten Festungshaft verurtheilt worden. Hertwig war von dem Bezirkskommando zur Berichterstattung über die Breslauer Spielaffaire aufgefordert worden, ließ die Aufforderung aber unbeantwortet. — Professor Dr. Moritz Pasch in Gießen ist für 1893/94 zum Rektor maguificus der dortigen Universität erwählt worden. — Am 16. d. M. fand in Elberfeld ein deutsch-sozialer Parteitag für Rheinland und Westfalen statt. Dr. König aus Witten und Dr. Tousdorpf aus Düsseldorf werden reden. -- Der antisemitische Hauptagitator in Oberhausen, Lehrer Mayr, ist ins Ausland geflohen, um einer ihm wegen eines schwere,, Sittlichkeitsverbrechens drohenden Verhaftung zu entgehen. — Vor der Strafkammer des Darmstädter Landgerichts hatte sich der Redakteur und Verleger T heis der inzwischen eingegangenen antisemitischen Zeitschrift „Der Landwirth und Bienenzüchter" wegen Beschimpfung der jüdischen Religion auf Grund des 8 366 des Strafgesetzbuches zu verantworten. Theis hatte einigeStellen aus dem „antisemitischenKatechismus" zum Abdruck gebracht und kritisirt. Professor Dr. Strack erklärte als Gutachter, die inkriminirten Stellen seien dem Schulchan aruch entnommen, zum Theil wohl formell anstößig, jedoch vollständig aus dem Zusammenhang herausgerissen und müßten deshalb zur irrigen Auffassung führen; der Inhalt des antisemitischen Katechismus zeige eine vollkommene Unkenntniß des Talmuds u. s. w. Auf Grund dieses Gutachtens gelangte das Gericht zu der Ansicht, daß Theis, obwohl er die ihm zttr Last gelegte Strafthat begangen und zugestanden, weil ihm die nöthige Einsicht zur Beurtheilung der Frage, ob der Abdruck strafbar sei oder nicht, gefehlt habe, von Strafe und Kosten freizusprechen sei. — Der israelitische Kultus in Frankreich ist im Budget für 1894 mit folgenden Ziffern verzeichnet: Für die Funktionäre des Kultus 133,533 Frcs. Zuschuß, für das israelitische Seminar 22,000 Frcs. Zuschuß, für die Erziehungsanstalten 58,884 Frcs. — James Darme steter hat den großen Preis des Institut de France erhalten; er verdankt diese Auszeichnung einer Uebertragung des Zend-Avesta, von einem geschichtlichen uno philologischen Kommentar begleitet, die in den Schriften des Must' Gilinet zum Abdruck kam. Zuerkannt wurde Darmesteter der Preis aus Beschluß der ^.eackeirne ües mscriptions, der für dieses Mal das Reckp der Preisvergebung zustand. James Darmesteter, ein Bruder be* Romanisten Arstne Darmesteter (1849 zu Chateau - Salins in Lothringen geboren), machte seine Studien in Paris. In seiner Sonderwissenschaft, dem vergleichenden Studium der Sprachen und Religionen, hatte er Michel Breal und Bergaigne zu Lehrern. Sein litterarisches Schaffen ist sehr umfangreich und vielseitig. - Der Sultan hat dem Großrabbiner Moses Levi in Konftantinopei die goldene und silberne Medaille des Jmtiaz-Ordens verliehen und beide Auszeichnungen „als Zeichen seiner besonderen Werthschätzung" perfönlid. überreicht. — Im neuesten Erlasse der Pforte heißt es ausdrücklich, daß den jüdischen Einwanderern der Erwerb von Grund und Boden verboten bleibt. Dagegen steht derselbe fortab den ansässigen Juden frei, wenn sie dieser ihre Ansässigkeit durch beglaubigte Zeugnisse Nachweisen Die fremden Unterthanen müssen einen Revers unterschreiben, daß sie sich, wenn sie ihren unbeweglichen Besitz an jüdische Einwanderer vermiethen i oder verpachten, was nicht gestattet ist, für diesen Fall der türkischen j Gerichtsbarkeit unterwerfen. — Auf eine Anfrage des Generalgouver! neurs von Irkutsk hat der dirigirende Senat sich dahin geäußert, daß in Sibirien nur deportirte und zur Anstedlung gerichtlich verurtheilte Juden wohnen dürfen, desgleichen deren Frauen und Kinder. — Die jüdische Gemeinde in Auckland (Neu-Seeland) hat beschlossen, eine neue Synagoge zu erbauen, deren Kosten sich auf 3000 L. (ca. 63,000 Mk.) belaufen sollen. Die Gemeinde besitzt zu diesem Zwecke bereits einen Fond von 1630 L. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. i Verantwortlich für dre Redaktion-. Mar Bauchwitz in Berlin.

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