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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-21 · Heft 29 (21.7.1893) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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348 der hier im Kreise seiner Landsleute die Helle Empörung gegen mich predigt. Ein junger Herr — wie soll ich ihn beschreiben: ein polnisches Gigerl, ein Tandy aus Czortkov, ein Stutzer, der die Peies kokett gedreht hat und dessen langer Rock ganz ausgezeichnet sitzt, während die schwarze Mütze sogar etwas schief auf dem Haupte liegt. Ja, ich habe ihn sogar im Verdacht, daß er die Peies — parfnmirt hat! Von Bart und Taschentuch möchte ich dies mit aller Bestimmtheit behaupten. Der Mann hat allerdings ein gutes Recht, mir zu zürnen. Und von ihm kann mau wohl mit dem Dichter sagen: Ach, wie ist es hocherfreulich. Solchen Jüngling noch zu finden. Jetzt in einer Zeit, wo täglich Mehr und mehr die Bessern schwinden! Ich widerrufe schließlich auch Alles, was ich gegen den „guten Juden" von Hussyatm geschrieben habe. Ach, mau sollte eigentlich gegen Niemanden in dieser Erdenwelt was schreiben. Denn wir sind allzumal Sünder und schwache Geschöpfe. Keiner fühlt diese irdische Hinfälligkeit mehr als der armselige Kurgast, der um sechs Uhr aufgestanden, vier Becher Mühlbrmm getrunken — uub nun noch eine Stunde vor dem Frühstück laufen soll. Nein, man soll gegen Niemanden schreiben! Ich habe es mir heute fest vorgenommen, als ich in der eben geschilderten! „schwachen Stunde" am Brunnen den Chassidim-Rabbi traf. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst, seine Augen blickten noch trauriger als gestern. Es lag so viel Wehmuch und Resignation in diesem Ausdruck, so viel verhaltener Jammer; eine ganze, große zweitausendjährige Leidensgeschichte spricht aus diesem vergeistigten Antlitz zu mir. Nein, gegen den Mann will ich nicht schreiben. Und nun ist meine Stunde um. Ich eile in den nahen Stadt- Park, um mein leiblich Theil zu stärken. Bevor ich das Frühstück erhalte, greife ich zur Zeitung, die da auf dem Tische liegt. Mein erster Blick fallt auf das Telegrannn: „Die Stadt Hussyatin in Galizien ist abgebrannt, die Synagoge, das Lehrhaus, viele Wohnungen der Juden sind ein Raub der Flammen geworden." Seine Suite wird, wenn sie diese Hiobspost erfährt, von Neuern „den Kuck des Rabbi" bewundern, der heute am Brunnen gar so traurig war — sei es, ich will gegen den Mann nicht mehr schreiben und widerrufe Alles, was ich gegen ihn gesagt habe. 0. K. U Sprerhsaal. Briefen i. Westpr., 10. Juli. Unsere Nachbar-Gemeinde Nehden i. Westpr. beabsichtigt, einen Kultusbeamten anzustellen. Da sie jedoch nicht im Stande ist, allein trotz der grüßten Anstrengungen einen solchen zu besolden, so hat sie sich in Verbindung gesetzt mit drei jüdischen Fleischern in unserer Gemeinde, die seit einiger Zeit unbotmäßig sich benommen haben und deswegen sogar gerichtlich bestraft wurden. Der Gemeinde Rehden wurde vor einiger Zeit seitens unseres Vorstandes das Anerbieten gemacht, gegen ein sehr mäßiges Entgelt sich einmal in der Woche unseren kommen zu lassen, worauf die Rehdener jedoch nicht eingingen, indem sie sich selbst diesen kleinen Betrag zu zahlen außer Stande erklärten. wollen sie mit den Friedensstörern in unserer Mitte gemeinsame Sache machen. Dies dürste genügen, um die betreffende Gemeinde zu charakterisiren. Wir glauben, daß kein Beamter sich wird bereit finden lassen, ein derartiges auf Stiftung von Unfrieden hinzielendes Engagement anzunehmen. Wir warnen hiermit auch öffe nt l ich vor lieber nah me dieser Stelle, da wir Mittel und Wege genug haben, dem Betreffenden sein trauriges Handwerk zu legen. Ebenso richten wir die Bitte an die berufenen Vertreter des Gotteswortes, au die Herren Rabb inen, jedes Ersuchen der Gemeinde Rehden um Prüfung eines solchen anzustellenden Beamten abzulehnen und so der Weiterverbreitung vor Zwietracht vorzubeugen. Zur Zeichnung der betreffenden Fleischer diene auch die Mittheilung, daß dieselben unseren langbewährten Beamten Herrn S. Blaustein verfolgten, blos, weil er mit seinem religiössittlichen Gefühl es nicht vereinbaren konnte nö’HD für zu erklären; selbst vor Denunziationen bei der Staatsanwaltschaft, die natürlich abgewiesen wurden, haben sie nicht zurückgeschreckt. Wir hoffen sicherlich, daß dieser Appell nicht ungehört verhallen wird, und daß Keiner sich zu solch frevelhaftem Thun bereit finden wird. rbii? wr *6 biw mxts’i Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. Dr. S. Epp enstein, Rabbiner. Verehrliche Redaktion! Ich fühle mich veranlaßt, mein Befremden über den Abdruck des „von hochachtbarer Seite" ergangenen Schreibens de dato 28. Juni 1893, betreffend die Stellungnahme der freisinnigen Volkspartei zu den antisemitischen Kandidaturen, auszudrücken. Als langjähriger Leser Ihres geschätzten Organs hat es mich stets mit Befriedigung erfüllt, daß Ihre Zeitschrift gerade mit Bezug auf die allgemeine Politik die Tendenz, „ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse" zu sein, stets zu wahren gewußt hat. Wenn in der Hitze des Wahlgefechts und bei der Erregung, welche die Spaltung der deutschfreisinnigen Partei, besonders innerhalb der freisinnigen Vereinigung, hervorgerufen hat, allerlei politischer Zank durch die Tagespresse geht, so läßt sich das entschuldigen; aber daß die so und so oft widerlegte Behauptung in dem Schreiben „von hochachtbarer Seite" durch den Abdruck in Nr. 27 eine weitere Verbreitung erhält, hat mich unangenehm berührt. Die Stellung der freisinnigen Volkspartei zum Antisemitismus müßte doch dem Schreiber jenes Briefes auch ohne die Berichtigungen der „Freisinnigen Zeitung" bekannt sein. Der Zufall hat mir beim Durchsuchen meiner Zeitungsbeläge den Torso einer Nummer der „Freisinnigen Zeitung" vom 2. d. Mts. in die Hände gespielt. Darin wird klipp und klar das mir nicht einen Augenblick zweifelhaft gewesene Verhalten der „Centralleitung der freisinnigen Volkspartei" kundgegeben. Hoffentlich wird Ihr geschätztes Blatt auch in Zukunft in politicis diejenige Richtschnur inne halten, durch die es bisher in so ausgezeichneter Weise das jüdische Interesse so wirksam vertreten hat. Mit vorzüglicher Hochachtung Berlin, den 10. Juli. A, R. Verehrter Herr Redakteur! Hat mich die Einsendung des Herrn Dr. Stern in Nr. 27 überrascht, so hat mich die des Herrn Dr. Flaschner in Nr. 28 geradezu verduzt. Ich hatte auf die Frage des Herrn Dr. Stern, ob die ihm aufstoßenden Hexameter in der Bibel Absicht oder Zufall ihre Entstehung verdanken, sehr verständlich geantwortet, daß ich als Quartaner auch Hexameter und Pentameter gefunden zu haben glaubte, daß dieselben aber ebenso wenig korrekt seien als die des Herrn Dr. S. Das war doch deutlich gesprochen! Herr Dr. Flaschner hatte also keinen Anlaß, mich über die Bedeutung der von mir angeführten Verse zu belehren, namentlich da nicht nur der Betonung nach, die Herr Stern nicht als Grundlage seines Skandirens genommen hatte, sondern auch der Längen- und Kürzenbestimmung nach in beiderlei Distichen grobe Verstöße enthalten sind. Indem ich noch Herrn Dr. Stern gegenüber konstatire, daß es nicht schawe, sondern uschawe int betr. Verse heißt, nehme ich von dieser Polemik definitiv Abschied. Oe gustibus non est disputandum. Ergebenst Prag, 14. Juli 1893. Rabb. Dr. A. Kisch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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