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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-21 · Heft 29 (21.7.1893) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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344 * dickwanstigen Römer!" sagte sie mit Ingrimm. „Doch der ist zn ledern zum Holofernes, und ich bin keine Mörderin. Du weißt doch, was der Römer an mir gethan, und wie ich ihm Leben und Sicherheit verdanke. Du kennst den Aufruhr der jüdischen Besatzung von Askalon, der ein großes Schauspiel von Blut und Flammen gab. Verstoßen aus dem Vaterhause wegen einer That des Ungehorsams, einsam und dem Wahnwitze nahe, knieete ich am Boden des Wachthauses, das die Römer angezündet, und woraus die jüdischen Krieger entflohen waren, zwischen brennenden, herabschmetternden Balken; innen drohte mir der Feuertod, außen Schmach und Tod durch die wüthenden, zügellosen Kriegsknechte, ich sank trostlos und verzweiselnd zusammen, da standen zwei feindliche Männer bei mir, Einer war der Proknrator. Sie waren Beide unschön und mir ein Greuel, aber der Prokurator sprach tröstend: „Tochter Israels, ich rette Dich, wirst Du dankbar sein dafür?" — Ich sagte Ja und sank ohnmächtig in seine Arme, und als ich erwachte, lag ich hier, wo ich jetzt liege, und mein Retter stand vor mir mit liebeflehendem Blick. Der Römer war vor drei Jahren noch rüstig und in den strahlenden Waffen von leidlichem Aussehen; aus Liebe nicht, aber aus Dankbarkeit that ich nach seinem Begehr; aber ich gab ihm nicht meine Seele, die gehörte einem Andern, einem armen Jünglinge, dem ich von Kindheit auf zugethan war. Der Römer mochte fühlen, daß ich ihm nicht zugethan war und mit Unlust die Pflicht der Dankbarkeit erfüllte. Er entfernte sich nun von mir, suchte andere Zerstreuung, kam durch Schwelgerei und schlechte Gesellschaft fast um seinen geringen Verstand und ward mir immer verächtlicher. Doch hat er mir nie Etwas fehlen lassen, was die äußern Bedürfnisse anbetrifft, und nie habe ich mich über rohe Behandlung beklagen dürfen. Ich bin nun ziemlich unabhängig und beachte ihn nicht; ich bin ihm nicht gram, kann ihn aber auch nicht lieben und nicht achten; das weiß er recht gut, und darum vermeidet er mich. Ich komme mir vor, wie das todte Meer, in dem nichts Lebendiges aufkommt und besteht; fällt aber einst wieder Feuer hinein, wie zur Zeit seiner Entstehung, so dürfte es grauenhaft lebendig werden." Bei diesen Worten hatte Thirza sich erhitzt, ihr Auge blitzte, ihre Wangen glühten, der volle Busen wogte auf und nieder, doch lag etwas so Wildes in ihrem Wesen, daß man sich dieser Veränderung nicht freuen konnte. Es war eine Verachtung und ein Hohn über die edelgebildete Gestalt gegossen, woraus ganz deutlich hervorging, daß sie sich an diese morschen Stützen klammerte, um nicht ganz in den Abgrund der Verzweiflung zu stürzen. Elieser sprang auf von seinem Polster, und sein scharfer Blick schien das Weib durchbohren zu wollen. „Du zartes Gemüth," sagte er mit leisem Sarkasmus, „scheue Dich nicht, Deine Ketten zu brechen und Deinen Käfig zu sprengen, wenn auch die Trümmer davon mit tödtender Gewalt an das Haupt Deines Tyrannen fliegen sollten, oder besser gesagt: scheue Dich nicht, Dein Inneres mir zu enthüllen, denn ich verdiene Dein Vertrauen; meine Brust trägt Geheimnisse, schwer wie das Gebirge von Ephraim. Du erwähntest eines Jünglings von Askalon, dem Du das Herz geschenkt; was meinst Du, Thirza, wenn dieser Jüngling berufen wäre auf den neuerrichteten Thron Israels, und wenn er durch mich zu Dir spräche: Thirza von Kalirrhoö, verlaß den Tyrannen, der Dein Volk mit Skorpionen peitscht und Dich im Kerker der Schande hält; thue das, was mein Samuel Dir sagt; werde mein Weib und Israels Königin!" — Ein lauter Schrei unterbrach die Rede des Mannes, er kam von dem überraschten und erschütterten Weibe, das sich wie konvulsivisch auf de»t Bett hernmwälzte. Lautjnmmernd suchte die Sklavin das Nebel der Herrin zu beseitigen und wandte sich dann an den Alten, der mit gleichgiltiger Miene und untergeschlagenen Armen dastand, ihr Beistandzu leisten, der aber rührte sich nicht. Thirza erhob sich endlich mit verstörtem Blick, sprang aus dem Bett und schritt hin zum wundersamen Freiwerber, der mit sichtlichem Wohlgefallen ihre edle Gestalt, auf die der volle Glanz der Ampel fiel, beschaute. „Redest Du Wahrheit, Mann," stieß sie bebend hervor, „oder kommst Du, mich zu verderben durch grauenhafte, höllische Lüge, vom bösen Engel Samael selbst bereitet? Den Thron Israels sollte er aufrichten und theilen mit mir? — O Herz, brich nicht bei diesem Gedanken, und verkohle nicht in der Gluth, die in Dir wogt! — Den Tyrannen um solchen Preis wegwerfen? — Was ist leichter, als das? — Aber ihn verderben, wie Du zu fordern scheinst, Mann, das mache Du selbst ab; Du bist von Eisen; ich bin ein schwaches Weib, das vor dem Hämmern der eigenen Pulse erschrickt." „Ich sprach Wahrheit beim lebendigen Gott!" rief feierlich Elieser, „und man verlangt von Dir nicht mehr, als Du leisten kannst. Aber den ersten Schritt mußt Du thun in unserer heiligen Sache, weil Du die Erste Deines Geschlechtes werden sollst in Israel. Du bekommst keinen Mordbefehl, keine gefährlichen Aufträge zur Gewinnung von Bundesgenossen; etwas Kinderleichtes liegt Dir ob, das den Kämpfern Israels nutzbar ist in der Gewinnung dieser Feste und in der Vernichtung der Heiden; denn Gaza muß die erste Frucht unserer Siege sein, und entgeht uns diese, so ist Alles verloren." „Rede, sprich!" rief Thirza glühend vor Ungeduld und Erwartung, „was soll ich thun, um ihn zn gewinnen, ihn, den mein Gedanke umfaßt mit wahnsinniger Inbrunst. Soll ich die Hand sei», die das mono mene tekel upharsin an die Wand des Tyrannen malt?" „Ich will's Dir heimlich vertrauen, Thirza von Kalirrhoö," sagte mit leiserer und plötzlich weicher Stimme der Alte, und er zog das Weib in ein Nebengemach. Die Sklavin blieb versteinert zurück und lauschte auf die Zwiesprache der Beiden. (Forts, folgt.) U Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) „Du auch, i sollt meinen, in Deinem Magen wär's nit zurecht — i Hab ein Sästle, schon an die drei Jahr steht's, wenn Du das auch brauchen möchtst." „Nein, Binele, behalt's nur — ein Sästle thut's nit. Aber beten magst für mich!" Binele schlägt die dürren Hände zusammen. „Ei, Du mein Herrgott, das ihn i ja jede Nacht." „Du betst für mich?" fragt Dörtle und richtet die großen, blauen Augen erstaunt auf das häßliche, fahle Gesicht. „Ja, warum thust denn das eigentlich?" Da wird die alte Magd roth, wie in Feuer getaucht, das sieht Dörtle zum ersten Mal, und dann stammelt sie: „Ja, warum? Das weiß i selbst nit, wahrhaftig nit!" Und packt ihren Zuber und läuft davon, daß die Milch von allen Seiten spritzt. Dann kommt der Schneider feierlich auf den Hof gezogen, ein kleiner Bnb schleppt ihn: sein Felleisen. Er heißt darum der „Geigerles", weil er der Bruder vom blinden Lotter ist. Lang und hager ist er, so daß er in kleinen Häusern sich bücken muß, in die Thür zu kommen.

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