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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-21 · Heft 29 (21.7.1893) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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342 darum, ob man dem betreffenden Buche göttlichen Ursprung zuerkannte, oder nicht. War ein Buch als der Ausfluß menschlicher Weisheit angesehen, dann konnte es allerdings als lehrreich und moralisch in den Kanon eingereiht worden sein; das Attribut der Heiligkeit kam ihm jedoch mit der Kanonicität zn. Dies war eben der Fall beim Buche „Kohelet". Man betrachtete es blos als Produkt „Salomouscher Weisheit", das aber nicht einer „göttlichen Inspiration" entsprang. Jedenfalls erhellt ans den angeführten Stellen, daß der Talmud in „Kohelet" die eigentliche biblische Heiligkeit vermißt hatte, und de» Geist, der die ganze heilige Schrift durchzieht, nicht wieder erkannt. Aber auch die Kirchenväter waren von den Betrachtungen und Lehren dieses eigenartigen Buches nicht gerade sehr erbaut. Schon diese Thatsache ist besonders auffallend, daß sich im Neuen Testament kein einzige-Z Citat ans „Kohelet" findet. In den ersten christlichen Jahrhunderten hat dieses Buch von den Kirchenfürsten keine besonders glimpfliche Behandlung erfahren. Im 4. und 5. Jahrhundert traten sogar der Bischof Philastrius von Brescia und Theodoras von Mopsuestia mit sehr scharfer Kritik gegen dieses Buch auf, und auf dem fünften ökumenischen Konzil (553) verflieg man sich soweit, daß man darüber das Berdammungsurtheil anssprach. Im weitern Verlaufe des Mittelalters, wo sich die Kirche überhaupt ziemlich wenig mit rein akademischen Fragen befaßt, wird auch über Kohelet wenig oder gar nichts gehandelt. Die Juden hatten indessen vollends daran vergessen, das; im Talmud und Midrasch so gewichtige Zweifel gegen das Buch erhoben wurden, und schon die Thatsache, daß es einmal zmn Kanon gehört, genügt, um ihm gleich den übrigen heiligen Büchern die allerhöchste und völlig unbestreitbare Autorität zuzuerkenncn. Von christlicher Seite gewann das Buch „Kohelet" erst durch Luther die vollste Anerkennung. An Luther schließt sich eine große Reihe christlicher Exegeten an, und „Kohelet" wurde von da an ein Lieblingsgegenstand exegetischer Forscher. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist zu uns eine große Anzahl von mehr oder minder werthvollen Arbeiten oder einzelne» Urtheilen über Kohelet herüber gekommen. Spinozcsi) z. B. lobt sehr die Weisheit des Verfassers, die, nach ihm, den prophetischen Geist, der in den anderen alttestamentlichen Büchern herrscht, ersetzt; er erhebt jedoch Einspruch gegen seine Lebensanschauung: „(jnod oinnia forlunae bona morlalibus vana esse docuit.“ Herd er 2) meint darüber: „Kein Buch ist mir aus dem Alterthum bekannt, das die Summe des menschlichen Lebens, seine Abwechslungen und Richtigkeiten in Geschäften, Entwürfen, Spekulationen und Vergnügen, zugleich mit dem, >vas einzig in ihm wahr, dauernd, fortgehend, wachsend, lohnend ist, reicher, eindrücklicher, kürzer beschriebe, als dieses." Herder war es auch, der die ganz wunderliche Behauptung aufstellte — der ja auch Mendelssohn anhing —, daß Kohelet ein Dialog sei, und zwar zwischen einem grübelnden Forscher, als Schüler, und einem aufgeweckten, lebhaften Manne, der hier die Rolle eines Lehrers spielt. Seit dieser Zeit sind Werke über Kohelet in ungeheurer Anzahl gewachsen, ohne daß es irgendwie zu einer klaren Verständigung über die Grundidee der Koheletschen Weltweisheit gekommen wäre. Daß aber die Koheletsche Grnndanschauung noch nicht zutreffend angegeben wurde, ist ja auch in der Natur dieser Anschauung begründet. Tie Theologen, aus deren Reihen sich die Ausleger dieses Buches rekrutiren, konnten nicht die richtige Ansicht aufkommen lassen, daß der Pessimismus das ganze Buch, selbst in seinen scheinbar optimistische» Wendungen und Gedanken, durchs zieht, weil sie es doch dann nicht in Einklang hätten bringen können mit den übrigen durchaus optimistischen und eudämonistischen Büchern des Kanon. Fromme Christen, wie z. B. Keil, Delitzsch, betreibe, die Auslegung des Buches „Kohelet" geradezu tendenziös. So be müht sich Delitzsch, an diesem Buche zu zeigen, daß zu jener gel die jüdische Religion den liefern Geistern nicht mehr ausreichen und nicht auf eigenen Füßen stehen konnte; die Krücke, der dieselbe bedurfte sollte ihr in dem später auftauchenden Christenthum geboten werden „Das ganze Buch ist greisenhaft, ei» Erzeugniß des im Altern und Ersterben begriffenen alten Bundes", meint Franz Delitzsch?) Allen von einem senilen Geiste zeugt das Buch „Kohelet" am allerwenigsten Alan mag die Ansichten des Kohelet billigen oder nicht, das muß man einmal zugeben, daß sie auf einen Denker zurückblicken lassen, der mit einem außerordentlich tiefen und klaren Verstand den Dingen auf den Grund sieht. Die Lebensfähigkeit und sozusagen jugendliche Frische der Gedanken sind weder mit ihrem Optimismus gegeben, noch verschwinden sie mit ihrem Pessimismus. Das muß man jedock festhalten, daß in diesem Buche ein Geist oblvaltet, der von dem in, ganzen Alten Testament herrschenden grundverschieden ist, ja sogar diesem direkt zuwiderläuft, wenn auch der Verfaffer, als Jude, stellenweise dem Einflüsse biblischer Lehren unterliegt. Noch merkwürdiger als die Behaupümg Delitzsch's ist die Renans. Dieser will in Kohelet den Urtypus des heutigen jüdischen Börsenfürsten erkennen, „der mit völligem Behagen alle Freuden deS Lebens ausschlürft, indem er sie alle für eitel erklärt". Nun, eine Uebertragnng der modernsten Erscheinungen ans uralte Zeiten ist allerdings an und für sich sehr geistreich, allein von wissenschaftlichem Gesichtspunkte aus betrachtet, mindestens unrichtig. Außerdem ist es durchaus unerfindlich, wie man bei dieser feierlichen, ja bitter-ernsten Stinnnimg, die das ganze Buch durchzieht, etwas von „Blasirtheit" entdecken kann. Noch auffallender ist es, daß auch Eduard von Hartmann das Buch für „ein Brevier des allermodernsten Materialismus und der äußersten Blasirtheit" erklärt. Hartmann war gerade der berufene Mann, den wahren Kern dieses Gedanken- und Empfindungen- Komplexes anfzudecken, denn dieser Kern besteht ja eben in einer pessimistischen Lebensanschauung, die doch im Gedankenkreise Hartmanns im Mittelpunkte zn stehen kommt. Um nun aber die Gedanken, die uns in Kohelet in so entschiedener, wenn auch nicht ganz klarer Weise geboten werden, richtig zu erfassen, ist es nöthig, sich von vornherein zu gestehen, daß wir es hier mit einem Buche zu thun haben, das nicht nur in seinen Ausführungen und Lehren, sondern sogar in seinen Voraussetzungen, von den altbiblischen Grundsätzen entschieden abweicht. Diese Voraussetzung ist uns schon im ersten Verse, gleichsam im Proömium, mit den Worten gegeben: „Eitelkeit der Eitelkeiten, sprach Kohelet, Nichtigkeit der Nichtigkeiten, Alles ist eitel!" So hat das biblische Judenthum durchaus nicht die Welt und das Leben beurtheilt. Die Welt als ein „Jammerthal" anzusehen, ist wohl den Kindern der modernen Civilisation sehr geläufig, dem biblische» Judenthum jedoch war dieser Begriff völlig fremd. Diesem in eudämonistischen Lehren erzogenen Judenthum war ein glückliches, selbstzufriedenes, freilich den Satzungen der Schrift entsprechendes Genießen der Lebensgüter der ausschließliche Zweck des ganzen Lebens. Die Bibel läßt sogar Gott nach jedem Schöpfungsakte sein Werk beschauen und konstatiren, daß es „gut", d. h. den Lebenszwecken dienlich sei. Das Buch „Hiob", das auch die Unglückseligkeit des menschlichen i) Franz Delitzsch, Biblischer Kommentar über die poetischen Bücher der Bibel. Spinoza, Trakt, theol.-polit. •) Herder, Briefe das Studium der Tbeologie betreffend.

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