Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-21 · Heft 29 (21.7.1893) · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228016--49989-3271581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

340 nicht zu Gunsten der besonderen Methodik für die jüdischen Fächer beschnitten werden. Diese sei so unbändig groß, um nicht in wenigen Stunden im Wesentlichen vermittelt werden zu können. Gegen 8 Uhr wird die Debatte und, nachdem die Tagesordnung für den zweiten Kouferenztag festgestellt war, die Sitzung geschlossen. Um 9 Uhr vereinigten sich die Konferenzmitglieder wieder in: Versammlungslokal. Bei einem Glase Bier hörte man die von Herrn Seminardirektor Dr. Kroner in liebenswürdiger Weise veranstalteten musikalischen und humoristischen Vorträge der Schüler des Seminars, die vielen Beifall fanden. Zweite Sitzung, Mittwoch, den 24. Juni, Vorm. 8 Uhr. Um 8 Uhr begab sich die Versammlung in das neue Seminargebäude und besichtigte unter Leitung des Herrn Dr. Kroner mit großem Interesse die Rämnlichkeiten und Lehrmittel des Seminars. — Großen Beifall erregten die Einrichtungen für den Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau, sowie die ausgestellten Erzeugnisse in Holz und Pappe. Nach beendigter Besichtigung, die etwa eine Stunde währte, hielt Herr Lehrer Selig-Emden eine Lehrprobe im Gebetübersetzen in Ver> bindung mit Religionslehre auf der Mittelstufe der Seminarschule. Herr Selig behandelte das Gebetstück „ahaba rablm“. Die Schüler haben einen Siddur ohne Übersetzung in Händen. - Selig nennt das durchzunehmende Gebetstück, fragt, wo es stehe, welches Gebet vorangehe und welches folge, und wann es gebetet werde. Sodann läßt er das Gebetstück aufschlagen. Hierauf liest er dasselbe langsam und deutlich mit genauer Betonung aus dem Kroner'schen Uebersetzungsbuche vor. Nachdem diese summarische Vorlesung beendet, wird das Stück in einzelne Theile zerlegt. Der erste Theil wird ebenfalls vorgelesen unterbesonderer Hervorhebungder Hauptpunkte. Der Inhalt wird abgefragt, und die Schüler haben ü)n mit anderen Worten wiederzugeben. — Dann lesen die Schüler den betreffenden Theil aus dem Siddur laut und deutlich vor. Die einzelnen Wörter werden übersetzt und grammatisch zerlegt, Nachdem dieses geschehen, wird der ganze Theil zusammengesaßt. Ebenso wird mit den übrigen Theilen verfahren. Zum Schluß Zusammenfassung und Besprechung des ganzen Gebetstücks und Uebersetzung. Nach Entlassung der Schüler hielt Herr Selig einen kurzen Vortrag über die von ihm eingeschlagene Methode. Dieser Vortrag, der von dem heiligen Eifer und tiefsittlichen Ernste des Referenten zeugte, wurde sehr beifällig ausgenommen. In: Wesentlichen führte Herr Selig aus: Das Uebersetzen der Gebete ist ein Hauptmittel zur Bildung eines religiös-sittlichen Charakters, ist also an und für sich Religionsunterricht. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es beim Uebersetzen der Gebete besonderer Vorkehrung, da das mechanische, fast bewußtlose Vor- und Nachübersetzen sehr leicht den Erfolg haben könnte, die Schüler an Gedankenlosigkeit zu gewöhnen. Diese Gefahr ist bei den andern religiösen Disziplinen nicht so sehr vorhanden, da deren Inhalt schon von selbst Nachdenken und Aufmerksamkeit erfordert. 'Auch das Einüben der Vokabeln, wodurch ja das Uebersetzen selbst sehr erleichtert und ein Fortschreiten sehr gefördert wird, giebt für sich noch keine Gewähr, daß das religiös-sittliche Ziel erreicht wird. Man sieht dies ja an den Erwachsenen, die vielfach es offen aussprechen: „Wir verstehen die Gebete nicht", obwohl sie Uebersetzen gelernt haben. Das ist betrübend. Dadurch wird der Jndifferentismus großgezogen, die herrlichsten Gebete verfehlen ihre Wirkung, der ganze Gottesdienst wird zum leeren Mechanismus. Dadurch werden auch Bestrebungen gezeitigt, die darauf hinlaufen, das hebräische Gebet überhaupt abzuschaffen. Der naive Standpunkt: man möge nur beten, Gott verstehe schon das Gebetete, läßt sich heute nicht mehr geltend machen. Referent ist im Weiteren der Ansicht, daß man die Lehrsätze und das Verfahren der allgemeinen Didaktik auch auf den hebräischen Unterricht anwenden müsse. Es gebe keine konfessionelle Methodik. Er verweist auf die in dem Uebersetzungsbuche von Tr. Kroner angegebenen methodischen Winke, mit denen sein Verfahren im Großen und Ganzen übereinstimme. Nach beendigtem Vortrage begab sich die Versammlung wieder in das Versammlungslokal. In der Debatte fand Herr Selig vielen Widerspruch. Stern-Hildesheim ist der Ansicht, daß diese Methode es nicht möglich mache, quantitativ das zu erzielen, was nöthig und erforderlich sei. Diese Methode sei allenfalls in einer mittleren Gymnasialklasst, nicht aber auf der Mittelstufe einer Volksschule am Platze. Er erhell die Forderung, daß aus didaktischen Gründender systematische Religionsunterricht für sich bestehen bleibe und nicht in den Unterricht im Uebersetzen aufgehe. Roßkam-Diepholz meint, daß die gehörte Lektion mehr ein Vortrag als ein Unterricht gewesen sei. Auf die Antworten der Kinder sti zu wenig eingegangen, die Herbart'schen Stufen seien nicht konsequent durchgeführt. Neuß-Neustadt-Gödens ist derselben Ansicht und bemängelt die Auffassung des behandelten Gebetstückes. Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky verspricht sich von der ein geschlagenen Methode wenig Nutzen und neigt sich der Ansicht des Herr i Stern zrl. Rabbiner Dr. Jacob hat manches an der Disziplin auszusetzen Die körperliche Haltung der Schüler sei nicht straff genug gewesen. Herr Tr. Kroner erinnert zur Entschuldigung des Herrn Seli daran, daß die Schüler eine Stunde unbeschäftigt gesessen, da sei ein' straffe Haltung Glicht so leicht herzustellen. Uebrigens sei eine Befangen heit vor einer fremden Klasse, deren Standpunkt dem Lehrer unbekanni. und unter so vielen kritischen Augen wohl zu entschuldigen. Da Thesen nicht allfgestellt waren, so wurde die Debatte gegen 2 Uh Mittags geschlossen. Bei dem nunmehr stattgefundenen gemeinschaftlichen Mittagsmahl herrschte eine gemüthliche und gehobene Stimmung, die in vielen ernster und heiteren Trinksprüchen ihren Ausdruck fand. Nach beendigtem Mittagsmahle fanden die „freien Besprechungen' statt, die manches Wichtige und Anregende boten. Es wurde beschlossen, die nächste Konferenz am ersten und zweiter Pfingsttage zu Hannover abzuhalten. Referate übernahmen: 1. Herr Reuß-Neustadt-Gödens: Probelektion: „Vaterlandsliebe/ 2. Herr Spanier- Stolzenau: Probelektion über ein Thema am der Naturkunde. 3. Herr Meyer - Gronau: Vortrag über die Geschichte des jüdischer Unterrichts. Nachdem die Versammlung dem Vorstande für seine Mühewaltung gedankt, wurde die Sitzung vom Vorsitzenden gegen 4 Uhr geschlossen mit dem Wunsche: „Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahre!" Die Schriftführer: L. Weinberg-Bodenfelde. E. Speyer-Hannover U Briese aus Rußland. i. Warschau, 7. Juli. Die Noth unter den fünszigtausend Juden, denen der letzte Ukas des „Selbstherrschers aller Renssen" bekanntlich die Ausweisung und mithin auch zumeist den Ruin ihrer Existenzen brachte, ist sehr groß. Was Wunder, das; die so Bedrückten schaarenweise auswandern wollen, nach England, nach Amerika, nach dein Lande der Freiheit, wo sic nicht mehr zu befiirchten haben, daß das Vermögen, das sie sich durch jahrelangen Fleiß und Arbeit erworben, ihnen wieder plötzlich durch ein Machtwort eines Despoten entrissen werden kann. Und so wandern sie denn; „hinaus nur ...!" das ist der Gedanke, der sie beseelt! — Wohin? — Sie wissen es selbst nicht. — Ohne die nöthigen Mittel, ohne Reisepaß für's Ausland, solgt die jammernde Wittwe dem planlos wandernden Sohne, die liebende Mutter mit dem noch nicht entwöhnten Kinde dem gebrochenen, ziellos irrenden Gatten ... Nichts vermag sie zurückzuhalten, nicht einmal die Gewißheit, daß sie auf dem nicht geebneten Wege nicht weiter kommen können. Hamburgs Thore und Hamburgs Hafen sind schon längst für russische Auswanderer geschlossen. Seit dem 17. v. M. ist ihnen durch Regierungserlaß auch der Weg über Rotterdam benommen, und so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.