Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Hände von sich — nicht hinter ihr ist eine Gespenstergestalt, dicht vor ihr taucht sie auf. „O, o!" staninielt sie, da antwortet ihr ein heiseres Lachen. „Was verschrickst denn so, Schwadercr Dirn, 's ist nur ein alter Bekannter, der will Dir sein Grüß Gott sagen." „Grüß Gott, Peter — Du bist's!" „Kein Anderer!" lacht der Bursch, „der Abend ist wohlig, Eins kann gut lang außen sitzen, meinst nit? Und i spazier erst gern umher. Aber warum bist nit drinnen, ist lang schon, daß Dein Schatz warten thut. Verwöhnt hast's nit, Dein Holzmännle." - „Hab' Geschäft gehabt im Säble drüben!" „Freilich, Geschäft!" Sein rauhes Sachen thut dem Dörtle weh. „Die Judenleut, gelt, die können mehr als Andre. Brunnen thun's vergiften und kleine Kinder schlachten. — Du brauchst Dich aber nit zu fürchten, mit säubern Dirnen gehn's ganz fromm um, und sagen lassen Hab' ich mir, da in dem Garten wüchs ihnen in die Hand, was sie zum Geschäft brauchen — guck auch, daher hast wohl Nadeln und Klüsen geholt." Nun ist's heraus, er weiß um ihr Geheimniß, um ihre Zusammenkünfte mit dem Bartel, der Peter Aigle — und sie fühlt zugleich, daß er ihr Todfeind ist und sie nicht schonen wird. Völlig hilflos steht sie vor ihm da. „Nun?" fragt er höhnisch, „hast ja eine lange Zeit heut' mit mir, sonst bist immer gar schnell weggestrebt von dem Peter Aigle." Sie faltet die Hände und sagt mit zitternder Stimme: „Peter, wenn i auch nur müßt', was i Dir gethan Hab', daß Du mich so grimmig verfolge» thust und so arg verschreckst!" „Das weißt nit? Und womit thu i Dich auch Hetzen?" ruft er. „Mein Lieb' hast nit gewollt, Dirn, obgleich i so närrisch nach Dir gewesen bi», daß man mich gerad hätt' cinsperren können —" „0, hör auf!" „Sonst hören's die Mädel nit ungern, daß man sic mag — mit Dir ist's freilich anders! Oder täusch' i mi? Hörst's nur nit von Jedermann gern?" „Peter, Dn bist einer —," sie kann nicht weiter reden und faßt in der Todesangst nach seiner Hand und drückt sie. „Was?" ruft er, „das Händel da, was ich halt, ist dem Dörtle seins? Ei, Mädele, verthu' Dich nit — mit selbigen Fingern hier Hab' ich dem Tanzelesjuden eins zwischen die Rippen gegeben." Sie läßt ihn los, sie fühlt, dem seinem Haß gegenüber ist alles Flehen vergeblich. XII. Am folgenden Morgen schaut die alte Magd ganz erstaunt von ihren Milchzubern auf. Man ist's nicht gewöhnt, das Dörtle so früh wach zu sehe»; Jugend schläft gern. „Ei, gnck auch!" „Ja, 's ist so ein arg schöner Morgen," sagt Dörtle, „und hat's mich^nit länger mehr im Bett gelitten. Und weil mir nun gerad etwas einfällt, Binele, thätst mir ein Sieb?" Sie setzt den Zuber mit einem Ruck hin. „0 Dirn, Dn, Du kannst nun einmal Alles von mir begehren, i thli's gern, 's ist gewiß!" „Geh auch und hol ans dem Lädle drüben, was ich vergessen Hab, sollst ein Dank dafür haben," sagt Dörtle sanft und Binele wundert sich darüber, ist doch sonst die Art vom Dörtle anders, herrisch genug. Sie eilt und kommt bald wieder und findet das Mädchen noch auf dem gleichen Flecke. Wie sie ihr das Blindlein einhändigt, fällt ihr ans, wie bleich die Dirn ansschaut. (Forts, folgt.) V Non unseren Friedhöfen. Von M. Friedeberg. Tief wurzelt in unserem Stamme die Ehrfurcht vor der Majeiiat des Todes. „Oeffne uns die Pforte und laß uns einziehen doch deine Thore, o Gott!" Das Judenthum kokettirt auf den Gräbm, nicht mit den Schatten der Vergänglichkeit und treibt keinen Todteakult us auf seinen Gottesäckern. Schweigend, ernst, ohne Flitt u tand steht Grabstein an Grabstein, zumeist in würdiger Einfachheit, — und die Sprache unserer Grabschriften ist schlicht und kurz, muß auch frei von sentimentaler Ueberschwänglichkeit, die allerdings i„ dieser Stelle wohl verziehen werden darf. — In Zeiten innerer Zerklüftung im Leben des Einzelnen wie der Gesammtheit ist der Friedl oi für das Seelenleben mehr als sonst ei» Ort wie das Gotteshai;, an dem wir in der Vergangenheit, an den Gräbern der Männer der Vorzeit Trost und Kraft für die Stürme des Tages suchen und finden. Führet die Kleinmüthigen, welche ihren Kindern und Kindr:- kindern nicht wehren, die sich verzagt durch den Abfall eine gesicheur Zukunft erkaufen wollen, hinaus auf den „guten Ort" und loul sie vom „Hanse der Ewigkeit" Kraft mitnehmen für die Kämpfe da Zukunft! Dort ruhen Diejenigen, welche unsagbar Schlimmer; und Schwereres für ihren Glauben erduldet! Die drei Friedhö'c der jüdischen Gemeinde zu Berlin, der älteste in der GroßenHaiuburger Straße, wo Moses Mendelssohns Grabstätte ist, der zwcnr in der Schönhauser Allee und jetzt die Begräbnißstätte in dem Voroa Weißensee, zeigen uns, daß die Erbschaft der Geschlechter Israel auf ihrer Glaubenstreue beruht, und gewähren uns einen mächtig,n kulturgeschichtlichen Einblick in die Entwicklung der Berliner Hauplgemeinde. Nur darum mögen heute, wo Menschenzungen Uebl>; auf Uebles gegen uns häufen, die Steine für uns reden; ai; jeder Grabschrift mögen wenige Worte genügen. Dein Zwecke unser i Skizze entsprechend haben wir nur deutsche Grabschriften ausgewähl:. Die hebräischen Inschriften hat der langjährige Hüter des Friedhoi; in der Hamburger Straße, der selige Lands Hut, gesammelt mn'i herausgegeben. Von der Mazewah des seligen Rabbinatsverweser; I. I. Oettinger sei nur der bezeichnende Spruch mitgelheilt: "iD'ibr mnxi Dr. Michael Sachs' (geb. zu Großglogau 11. Ellnl 5568, gest. z > Berlin 24. Schebat5624) Grab ziert das Prophetenwort aus Maleach , welches die Pflichten des geistlichen Standes in so ernster Weise bzeichnet, daß es noch heute nur dem Würdigsten nachgesagt werden kann, jenes herrliche Wort: „Lehre der Wahrheit war in seinem Muiide, un > Falsch ward nicht gefunden auf seinen Lippen, i >. Frieben und Redlichkeit wandelte er vor Gott." Es ist bezeichnend, daß auch für die Grabstätte seines Freunde. Moritz Veit (geb. 13. September 1808, gest. 5. Februar 1864,. jenes Streiters im Kampfe um die Emanzipation, ein Priefterwor; gewählt ward. Wir lesen die Worte: „Sein Tagewerk war Dienst der Wahrheit." und darunter: „Wer ersteigt den Berg desHerrn? Der reinerHänd und lauteren Herzens ist. der dem Nichtigen seine @eeU nicht zugewendet, der Recht geübt und Wahrheit geredet in seinem Herzen, in dessen Augen das Verächtliche gering war und der die Gottesfürchtigen geehrt." Ein schlichter Stein kündet, daß unter ihm der Mathematiker Meyer Hirsch (dessen Lehrbuch der Arithmetik noch heute in vielen Gymnasien in Hebung ist) die letzte Ruhestätte gefunden. Er starb am 11. Februar 1851 im Alter von 80 Jahren: