Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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332 mächtig widerhallte, und erschreckt drängten die Vordersten der Männer zurück nach dem Hintergründe der Höhle, fürchtend, eine schauerliche Erscheinung aus der Wand treten zu sehe». Und wirklich rasselte es hinter der Säule wie ein riesiges Kriegsheer und aus einer dunklen Spalte drängte sich eine hohe Gestalt von wunderlichem Aussehen, die nur einen Schritt gegen die Säule that und dann reglos stehen blieb. Ein langer Mantel von lyrischem Purpur, mit köstlichen Stickereien bedeckt, umfloß einen Jüngling von ungewöhnlicher Körperlänge und bildschönem, feuerrothglühendem Gesichte, in welchem das schwarze Auge einen eigenthümlich milden Strahl hatte. Das schwarzgelockte Haupt war mit einer Art hoher Tiara von weißglänzender Farbe bedeckt, um deren unteren Rand ein schmaler Goldreif lief, mit zwölf goldenen Sternen und blothrothen Edelsteinen dazwischen besetzt. So sah die riesenhafte Messiasgestalt aus, vor der die Männer in heiliger Furcht ans die Knie sanken, denn nicht sowohl das Zepter in der Linken als vielmehr das lange blitzende Schwert in der Rechten schien anzndeute», das; der neue Stern Zions auch mittelst irdischer Waffen sich Gehorsam werde zu verschaffen wissen. Nur Akiba schien keine Furcht zu habe», ivenigstens sah er mit eigner herzhafter Freude an der Gestalt des Jünglings empor, denn es war Niemand anders, als jener junge Mann, den er am Meere einige Stunden vorher zum Messias ernannt. Einige Minuten verblieb der Jüngling in der vorhin bezeichneten Stellung, und die knieenden Männer wagten nicht aufznblicken und kaum zu athinen. Endlich neigte der Gekrönte wie in königlicher Huld das Haupt und machte den lange» Schritt zurück ins Dunkel der Säule, worauf er des Baldigsten mit großem Geräusch tvieder in der Spalte verschwand. „Erhebet Euch!" rief jetzt der Rabbi, „der Stern von Zion war gnädig; bleibet fest im Gehorsam; dieser wird Euch beglücken und Euch groß und glücklich machen vor der Welt. Noch viel muß gethan werden, ehe der große Augenblick eintritt, der Israel die Verheißungen erfüllt, tvelche es seit Jahrtausenden getragen im blutende», schmerzerfüllten Buse». Tie Hilfe des Herrn wird mit uns sein, aber wir müssen auch unsere Kraft aufbieten; dem Trägen und Feiglinge ist kein Beistand von oben bescheert. In heißen Kümpfen haben unsere Vorfahren ihr Erbtheil den stärksten, tapfersten Riesenvölkern entreißen müssen und Jahrhunderte lang hat das Schwert nie ganz geruht. Da wurde Israel gottlos und ungehorsam; es duldete Ketzer und Heiden; und die Heiden, damals ein Volk, dem die ganze Welt nicht zu widerstehen vermochte, überwanden selbst das entartete Israel erst nach Greueln und Blutbädern, uüe sie die Geschichte nie gesehen. Jerusalem, die heilige Goltesstadt, liegt wüst seit jenem Tage; römische Pflugscharen sind darüber gefahren; kein Rechtgläubiger wohnt in dem Trümmerhaufen. Aber seht Euch die heutigen Römer an, das Häufchen entnervter, verwilderter Hunde ohne Kriegskunst und Erfahrung, gran geworden und fett in den feindliche» Standlagern Judäas! Ist erst Gaza in unserer Gewalt, dann steht ganz Israel an einem Tage auf gegen die Tyrannen und Alle fallen unter den Dolchen der Sieger, und ihre Anhänger werden »ach ihnen vertilgt von der heiligen Erde Kanaans. Dann mag der Imperator in seiner Roma vor Grimm wülhe» und toben und seine Horden senden; der Stern von Zion leuchtet und der römische Adler schmilzt in der fürchterlichen &lutt)." Hier schwieg er und wandte sich nach der dunklen Höhle, durch die er gekommen war; die Männer aber blieben zurück, von den verschiedenartigsten, tvunderbarsten Empfindungen durchdrungen. (Fortsetzung folgt.) U Sagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Be ly. (Fortsetzung.) XI. Sogar der Bäuerin fällt es auf, wie bleich Dörtle die nächsten Tage nach dem Versuch herumgeht, sie hängt den Kopf tief auf die Brust, den sie sonst so behend zu drehen gewußt hat. Arg lästig benimmt sich der Schatz Christophle nicht, es ist auch viel Arbeit draußen, und wenn er im Dämmerlicht kommt und Feinen guten Abend geboten hat, so setzt er sich, wo er eben Platz findet, und raucht mächtig aus seiner bunten Pfeife. Ist Gabriel aufgelegt zum Schwatzen, so hört er dem andächtig zu, und so hat Der's auch am liebsten, Keiner spricht ihm mundgerechter, als er sich selber. Das Dörtle geht aus und ein, und wenn es völlig dunkelt, so ist's auch wohl lang verschwunden. Niemand forscht ihr nach, obwohl sie immer ihre Schritte nach demselben Platze lenkt — dem Gärtchen drüben, wo in der Bohnenlaube Jemand ihrer harrt. Hand in Hand sitzt das Paar dort nebeneinander und schaut zu Mond und Sternen auf, der Bartel stellt allerhand unbeantwortbare Fragen weltschmerzlicher Natur an die Gestirne dort oben und Dörtle hört nur auf den Klang seiner Stimme oder fängt einen Blick aus seinen schwermüthigen Augen auf und hat sich ein Wort angewöhnt, das sie immer wiederholt: „Warum läßt denn der Herrgott zu, daß Zwei einander gut sind und können doch nit Zusammenkommen?" Und auch dadurch kann sie nicht finden, daß sie erst einen solchen bitteren Haß auf de» Bartel gehabt hat und hinterher eine solch grausame Liebe. Sie haben sich einen Plan gemacht, die Beiden, dem wollen sie folgen. So lang das Dörtle nur der Schatz ist vom Christophle, will sie daher kommen und den Bartel sehen, in allen Ehren wollen sie niiteinander dasitzen und über ihr Herzeleid reden. Wenn aber der Hochzeitstag von dem blonden Mädel kommt, dann soll's geschieden sein, da wird sie geloben, eine treue Hausfrau zu sein — und Bartel will in die weite Welt hinaus, in welcher Richtung weiß er noch nicht, ist ihm auch gleichgiltig, denn er schwört in schwungvollen Worten, daß er all sein Glück begraben will in dem stillen Dorf an der Glems. Im kleinen Haus kümmert man sich auch nicht um das, was der Bartel treibt. Frau Sarah ist der festen Ueberzeugung, daß ihr Baruch in Stuttgart sein Herz an eine Christin gehängt hat, und wenn er nur nicht daran denkt, jetzt, wo er genesen, nach dort zurückzukehren, so ist's ihr schon recht. In Ditzingen droht ihm keine Gefahr, und sie ist eine energische Frau und kennt sein gutes, kindlich warm fühlendes Herz und hofft darauf, daß er endlich ein Einsehen haben und zu seiner Pflicht zurückkehren wird. Sie redet einstweilen kein Wort mit ihm und liest viel in ihrem Gebetbuch. Lea ist noch um etwas bleicher und stiller wie sonst und betrachtet den Bruder mit wehmuthsvollen und die Mutter mit sorgenschweren Blicken. Frau Sarah kann nicht schreiben, aber Lea hat ihr einen Brief abfassen müssen, dessen Inhalt sie bestimmt hat an Rüben Löw in Weil der Stadt, worin sie von einer Krankheit redet und klagt, die ihren Baruch befallen habe, was ihn an seinem Besuch gehindert. Sie hofft aber auf seine baldige Genesung und dann soll eitel Freud und Lust sein. „Weißt," hat sie sich dabei der Tochter gegenüber verantwortet, „weißt, eine richtige Krankheit ist's auch, die hat ihm Herz und Sinnen befallen! Gelogen ist's nicht — und genesen wird er auch schon. Der Herr zählt die Thränen einer armen Wittib, und wenn's Maß voll geweint ist, da gebietet er sein Halt."