Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Volk der Juden, von den Römern in harter, unerträglicher Knechtschaft niedergedriickt, war durch die Zerstörung Jerusalems unter Titus und durch die namenlosen Gräuel jener Tage zwar seiner alten Kraft für immer beraubt, aber nicht völlig vernichtet worden. Es erkräftigte sich vielmehr auch in den Sklaveuketten allmälig wieder zu jenem stolzen Vertrauen auf seinen Werth, auf die tröstenden Verheißungen seiner heiligen Bücher; es faßte mit dem Bewußtsein der erwachenden moralischen Kraft auch das der physischen leicht wieder, und so bedrückt war es ja nicht, daß es nicht an den Heldensagen der Vorzeit sich erwärmen und befeuern konnte für die Verhältnisse der Gegenwart. Der gelehrte Wundermann, der die Hauptstütze des jüdischen Geistes war, stand an der Spitze der Unzufriedenheit. Es war der Rabbi Akiba beu Joseph, der erst vierzig Jahre Viehhirte gewesen war und dann durch viernudzwanzigjähriges Studium sich zum gelehrtesten Manne seiner Zeit erhoben hatte. Seine Vorträge, die er mit der Römer Erlaubniß, ii» ganzen Lande umherzieheud vor verschiedenen Hörerkreisen abhielt, entzündeten die Gemüther mit wunderbarer Kraft und brachten eine Stinnnung im Lande hervor, wie sie Akiba für seine Zwecke nicht besser wünschen konnte. lieber zwanzigtausend junge und alte Männer nannten sich mit Stolz seine Schüler und Alle hatte» geschworen, für ihren Lehrer zu stehen mit Gut und Blut und nichts zu wollen, was seinem Willen entgegen sei. Einen Messias hatte er ihnen versprochen, wie ihn die Juden wünschten, d. h. einen wunderbaren, erlauchten Helden, der Römertyrannei vernichtend, das alte Reich der jüdischen Könige wieder Herstellen und die goldnen Zeiten eines David und Salomo zurückrufen würde. Da der Prophet unbedingten Glauben hatte, so war allerdings jedes Gemiith entzückt über die wunderbare Botschaft, doch mit nierkwürdiger Strenge ward das große Gkheimniß, das schon Jahre lang im Volke lebte, verborgen gehalten, bis nach Akiba's Versprechen die Zeit erfüllt sein mußte, die einen neuen Stern, an Sieg und Segen reich, über Zions düstern Himmel heraufführen sollte. — Die einzelnstehende, mit niedrigem Buschwerk »nikränzte Höhe bei Gaza hieß in jener Zeit der Samsonsberg, denn hierher hatte nach der Sage der löwenstarke Samson die ehernen Thore von Gaza sammt Riegeln und Pfosten getragen, als er von den Philisterfürsten gewaltsam in der feste» Stadt zurückgehalte» wurde. Der Berg lag öde und unbewohnt; kein Jude hatte sich in seiner Nähe anbauen mögen, denn in der nahen Stadt wohnte der römische Prokurator, der mit großer Grausamkeit herrschte, und selbst der römische Wachtposten, der früher auf der Spitze des Felsens sich befunden hatte, war aufgehoben worden als unnöthig im Bereiche des starken Gaza. Es war nicht weit von Mitternacht, als eine dunkle Gestalt von der Stadt her durch die Gebüsche schlüpfte, welche den nächsten Weg zum Felsen bezeichneteu und theilweise bedeckten. Mit großer Schnelle und Gewandtheit huschte die Gestalt dahin, so daß sie bald am Fuß der Höhe ankam und nun langsam und vorsichtig mit einem Stocke umhertappte, als suche sie etwas Verborgenes. Zu einem dicke», verfaulten Baumstumpf hatte das Tappen geführt, und nun klinrmte der nächtliche Wanderer bergan in ein dichtes Gebüsch von Sadebanm, das seinen starken Harzgeruch weit durch die lauen Lüfte strömte. In diesem Gestrüpp verschwand die Gestalt; wir lassen sie uns aber nicht verschwinden, sondern folgen ihr nach und bemerken, wie sie in eine Schlucht hinabkriecht, die schräge hinlaufend, sich immer mehr erweitert und endlich in eine geräumige unterirdische Höhle führt. Sie ist schwach erhellt von einem Lichtstrahl, der von unten heraufdringt, und die Gestalt nähert sich dem Lichte, so daß wir ohne Weiteres den Alten erkennen, der mit dem Jünglinge am Meere gesessen und der kein Andrer ist, als der Rabbi Akiba den Joseph, das Haupt und die Seele der Diaspora. Eine große Bretterthür schob Akiba nach einigem Zögern zur Seite und jetzt glänzte helles Fackellicht aus einem noch größern Gewölbe, das angesüllt war von lauter vermummten Münuergestalten. Sie saßen und standen in einzelnen Gruppen ziemlich unbeweglich, und nichts war an ihnen zu unterscheiden, als finstere, gespannte Gesichter und melancholische Blicke, denn lange schwarze Mäntel verhüllten sie vom Hinterhaupt an bis auf die Zehen. Wie der Alte eintrat, erhob sich die Versammlung und neigte die Häupter unter dem leisen Rufe: Sei gegrüßt, Rabbi! Krone der Frommen! König der Gelehrten! Schild Israels! Akiba war an eine große, natürliche Felsensäule dicht unter eine Fackel getreten, so daß sein starres Gesicht grell beleuchtet wurde. Er hob den Arm und ries: „Die Helden Israels wohnen in Klüften und Tiefen der Erde und hüten das freie Wort vor den Gewaltigen der Erde, aber der Herr spricht: ehe der dritte Tag ins Meer sinkt, und ehe zum drittenmal der Abendstern niedergeht, ist für Israel ein Stern aufgegangen, flammend wie die Sonne, zur Vernichtung der Heiden und Ketzer und zum Glück und Ruhme für Jeschurums heilige Rechte. Der Messias ist gefunden; in Niedrigkeit ist er geboren, dunkel ist seine Abkunft, aber ein Haupt ist er größer als alles Volk, königlichen Blicks, priesterlicher Würdigkeit, ohne Fehl des Leibes, an Geist ein Enakskind, groß in Fülle und Schönheit wie Saul in den Tagen der Gnade!" Die Männer standen lautlos, als der Alte die erschütternden und erquickenden Worte gesprochen, dann aber regten sie sich und jubelten laut und stürzten nieder und einander in die Arme, daß es anzusehen war, als sei der Tollwahn in die vorher so düstere und stumme Gesellschaft gefahren. Zeige uns den Wohnort des Messias, des Sternes von Zion! riefen sodann viele Stimmen; sage uns das, ehrwürdiger Rabbi, damit wir hineilen und es kund thun, daß ganz Israel herbeiströme zum Kampf und Sieg gegen die Heiden! Akiba schüttelte düster sein Haupt und machte ein Zeichen, das zur Ruhe mahnte. „Wollt Ihr freveln gegen den Rathschluß des Herrn?" fragte er vorwurfsvoll, „damit die Heiden Gewalt über Euch hätten und die Hoffnung Israels zu Schanden würde wegen Eurer Sünde? Drei Tage müssen erst vorübergehen, ehe der Messias Euch zum Siege führen darf. Die Mauern von Gaza wird er überwältigen und die Heiden in der Veste vernichten durch eine kühne List, die mir der Herr geoffenbart, denn im ersten Siegeskampfe soll Keiner von Euch gemundet werden durch die Schwerter und Speere der Feinde. Ihr fragt, wo der Messias wohne? Ich antworte: an allen Orten, denn der Herr Zebaoth hat ihm Allgegenwart verliehen. Ich will dies Euch beweisen, damit Ihr Glauben habt, und der Messias wird in diesem Augenblick erscheinen, doch Keiner rede ihn an und Niemand nahe sich ihm, wenn er nicht Augenblicks Todes verbleichen will, denn der Stern von Zion ist ein stummes, fressendes Feuer bis zur Zeit der Verheißung." Bei diesen Worten schlug er mit der Eisenspitze seines Stabes an den dunklen Winkel der Felsenwand hinter der Säule, daß cs