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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-14 · Heft 28 (14.7.1893) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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330 Kraft unserer Kirche danken, bitten wir ihn, doch wieder einen russischen oder französischen Mezentius rms zu senden, damit er sie belebe, indem er auf den gesunden Körper „den Leichnam des Kirchenstaates" anflicke." Ob der Autor ein Amerikaner oder ein Engländer ist, weiß ich nicht. Ich entnahm diese Ausführung der New-Iorker „Tribüne." Ich verhehle mir so wenig wie der Leser, daß die Logik des Herrn ein großes Loch hat, denn wenn auch der Katholizismus auf der durch den unfehlbaren Papst reprüsentirten Autorität der Kirche und nicht ans einer unfehlbaren Bibel beruht, so ruht die unfehlbare Autorität des Papstes doch auf der biblischen Tradition, daß Jesus dem Petrus die Gewalt verliehen habe. Wenn die unbarmherzige Bibelkritik in diesem Berichte eine Tendenzschrift des Judenchristenthums, wie in dein Berichte des Johannesevangelium, welches seinem Helden den Vorrang vor Petrus giebt, eine Tendenz des Heidenchristenthuins entdeckt, so ist nicht nur der todte Bibelbnchstabe, sondern auch der lebendige Kirchenglaube erschüttert. Doch sei dem, wie ihm wolle; auch in der Inkonsequenz müsse» wir dem Manne alle Hochachtung für seine Unabhängigkeit und Ehrlichkeit zollen, und für uns sollen wir aus dem Beispiele der auf rein autoritativer Basis errichteten Kirche lernen, daß Freiheit nur gefährlich werde» kann, wenn sie unterdrückt wird, und wir tvollen den Dr. Loughlin citiren, wenn inan unser Streben nach voller Gleichberechtigung ein Streben nach Jndenherrschaft nennt: „Was i» freiheitlicher Atmosphäre nicht gedeihen kann, muß untergehen." Schließlich mag diese Besprechung der Stellung zur Bibelkritik auf katholischer Seite uns zur Besprechung der heißesten religiösen Kämpfe führen, die gegenwärtig ans amerikanischem Boden ausgefochten werden, zum Kampfe über de» Jnspirationsbegriff, der sich innerhalb der Presbyterianerkirche, der alten Festung des kalvinistischen Offenbarungsglaubens, abspielt. Das soll mit seinen Beziehungen zum Judenthum den Inhalt meines nächsten Artikels bilden. U Mas Brbellesen. Von Leopold Katz, Lehrer in Ratibor. Ans der Tagesordnung der am 11. Mai cr. in Gleiwitz abgehaltenen Versammlung des oberschlesischen Rabbinerverbandes befand sich ein Antrag: „Der Verband möge der Frage näher treten, in wie weit das Verständniß und die Kenntniß der Bibel in den höheren Schulen durch „Bibellesen" gefördert werden könne." Der Antrag wurde einer Kommission zur späteren Berichterstattung überwiesen. Wie aus dem Anträge ersichtlich, wird sich die beauftragte Kommission nur mit den höheren Schulen zu beschäftigen haben. So sei es mir verstatret, über „das Bibellesen in der Volksschule" Betrachtungen anzustellen. Der 17. Abschnitt der „Allgemeinen Bestiinmungen vom 15. Oktober 1872" über die Volksschule lautet: „In den biblischen Geschichtsunterricht der Oberstufe fügt sich die Erklärung zusammenhängender Schriftabschnitte ans den prophetischen und den poetischen Büchern des alten (!) Testamentes. Das Maß des in diesem Unterrichte zu behandelnden Stoffes und die Auswahl desselben ist je nach den Verhältnissen der einzelnen Schulen in dem Lehrplan desselben zu bestimmen." In unseren jüdischen Schulen haben wir bis heute noch keinen Raum für diesen werthvolle» Unterrichtsgegenstand. Daß er von Werth, ja von unschützbarem Werth ist, beweist neben Anderem der Umstand, daß ihn die „Allgemeinen Bestimmungen" fordern. Daß ihn selbst die jüdischen Schulen, die Staatsschulen sind, nicht in ihren Lehrplan ausgenommen, hat seinen Grund darin, daß die Regierungen gestatten (z. B. in Heffen-Naffau), die für die christlichen Schulen festgesetzten Bibellesestunden in den jüdischen Schulen auf „Hebräisch" zu verwenden. Dieses Privilegium ist zu beklagen für die jüdischen Schulen, die sich nun mit den wenigen Stunden, die ans das Hebräische fallen, begnügen. Aber auch in dem Lehrplan der öffentlichen Schulen in der Provinz Posen, wo nach beendigtem Nachmittagsunterricht das Hebräische in täglich zwei Stunden gepflegt wird, sucht man vergebens nach „Bibellesen". Hier werden die vorgeschriebcnen Religionsstunden nur mit Bibel und Katechismus ausgefüllt, weil nun einmal das bedauerliche Privilegium besteht. An Simultan- und Religionsschnlcn ist es nicht anders. Wenn man aber, wie in der Jetztzeit, von allen Kanzeln hört, die Bibel sei ein Buch mit sieben Siegeln geworden, man suche nicht mehr im Worte Gottes, nein, im Romane Erbauung, Stärkung, Trost, dann muß man sich unwillkürlich an die Brust klopfen und ausrufen: ebotossi: auch an mir liegt die Schuld. Wie sollen die Erwachsenen nach der Bibel greifen, wenn sie den Kindern nicht zu einem lieben Buche gemacht worden! Die Kunst, in der man nicht unterwiesen, die kann inan eben nicht; was man können will, das muß geübt werden. Soll die Bibel hinfort nicht mehr als Zierbuch unter den Klassikern hinter Glas, hinter Schloß und Riegel stehen, oder auf dem Salontisch als unantastbar liegen, soll sie in allen Lebenslagen gleich der Tageslektüre zu einem trauten Freund geniacht werden, dann müssen wir vor Allein die Jugend gewöhnen, sie kennen zu lernen. Das kann nni so leichter geschehen, als wir in der Auerbachschen Bibel ein Kompendium besitzen, in dem alle dem kindlichen Geiste nicht angepaßten Stellen ausgeschieden sind. Will man dem Bibellesen keine besondere Stunde widmen, so beachte man wenigsteiis den zweiten Satz des 17. Artikels der „Allgemeinen Bestimmungen": daß man das Maß und die Auswahl je nach den Verhältnissen der einzelnen Schulen bestimme. Gelegenheit, dem Bibellesen eine Heimstätte zu schaffen, bietet sowohl die biblische Geschichtswie die Religionsstuude. In der ersten lassen sich häufig genug Parallelstellen heranziehen. Da ist es gewiß von besonderem Werthe, daß man diese an ihrer Stelle Nachlesen läßt. Oder man hat aus einer biblischen Erzählung eine Nutzanwendung gezogen; da weise man darauf hin, wie z. B. David in diesem oder jenem Psalm, Salomo in den Sprüchen den gleiche» Gedanken ausgesprochen. So stellt man einen geistigen Zusammenhang der einzelnen Bücher her und läßt die Bibel als ein Buch erkennen, das von einem Geiste, dem Geiste der höchsten Moral, getragen wird. Als solches vom Kinde erkannt und mit seinem Inhalte (nicht nur mit den Namen der biblischen Bücher, die leider in manchen Schulen bei dem Kapitel: „Eintheilung der heiligen Schrift" gedanken- und darum total nutzlos in ihrer Reihenfolge hernntermemorirt werden) bekannt, wird es auch vom Erwachsenen in den Wechselfällen des Lebens mit Verständniß und infolge dessen mit Lust und Liebe zu schönem Erfolge zur Hand genommen werden. U

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