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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-14 · Heft 28 (14.7.1893) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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fession, die streng a» der konfessionellen Schnle festhält; von den Protestonten ist es nur der extremste Flügel, die Lutheraner, welcher eigene Schulen erhält. Die anderen religiösen Denominationen erhalten höhere Lehranstalten, sogenannte Universitäten, die bei der vollkommenen Freiheit in Bezug auf Titel, die hier zu Lande herrscht, durchaus nicht immer das sind, was der Deutsche darunter versteht, hingegen in Bezug auf den Elementarunterricht halten sie an der konfessionslosen Bolksschule fest. So ergiebt sich hier das gerade Gegentheil von den europäischen Berhültnissen. Die Volksschule ist von religiösen Einflüssen unabhängig, die Hochschule steht unter kirchlicher Herrschaft. So hal z. B. die Universität in Chicago ein Statut, wonach ihr Berwaltungsrath zumeist aus Baptisten zusammengesetzt sein muß, obwohl gerade diese Universität nach europäischem Muster gebildet ist lind sogar einen Lehrstuhl für rabbinische Litteratur errichtet hat. Die Juden haben hier natürlich noch weniger die Neigung, eine konfessionelle Scheidung in der Schule durchzuführen, als in Europa, und außer den mit Waisenhäusern verbundenen Schulen dürfte es höchstens solche geben, die praktischen Zwecken der Wohlthätigkeit dienen, wie das Hebrew teclinieal Institute (Gewerbeschule) in Chicago. Tie Katholiken betrachten die Pfarrschule als die Regel und laden sich dadurch eine schwere Last ans, die sie gern auf den Staat überwälzen möchten, und davon entstehen die heftigsten Kontroversen. Die Katholiken behaupten, es sei recht und billig, daß ihnen aus den allgemeinen Steuergeldern ein Zuschuß gelvährt werde, nachdem ihre Schulen den öffentlichen Säckel entlasten; ihre Gegner lvieder argumentiren, es bleibe ihnen unbenommen, ihre Kinder in die öffentlichen Schulen z» schicken. Ta die finanzielle Last für die Pfarrgemeinden oft sehr drückend ist, so wurde mitunter der Versuch gemacht, eine Pfarrschule au die Stadt zu übertragen unter der Bedingung, daß der Religionsunterricht in den freien Stunden ertheilt werde, doch stieß dieser Plan auf heftigen Widerstand beini amerikanischen Volke und war die Ursache einer schroffen Parteiung innerhalb der Kirche, wo Erzbischof Jreland von St. Paul die liberale Anschauung vertrat, während Erzbischof Corrigan von New-Aork die Pfarrschule saus phrase wollte und die nationale, besonders die deutsche Schule und Kirche vertheidigte, während Jreland diese, als einen Grund der Unpopularität des Katholizismus, bekämpfte. Der Papst stellte sich auf Jrelands Seite, und der apostolische Delegat Satolli, der als Vertreter des Papstes ins Land geschickt wurde, erklärte, die Pfarrschule sei wohl die richtigste Vertreterin des katholischen Bewußtseins, doch sei es nicht unzulässig, den Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen nach dein allgemeinen Unterricht ertheilen zu lassen, und endlich dürfe Jemand noch nicht aus der katholischen Kirche ausgeschlossen werden, wenn er seine Kinder in die öffentlichen Schulen schicke. Das ist ein entschiedener Sieg des Amerikanismus über den Romanismus, der individuellen Freiheit über priesterliche Autorität und das beste Zeugniß dafür, daß Katholizismus hier zu Lande doch etwas Anderes ist als da, wo er sich auf die staatliche Autorität stützen kann. Das zeigt sich auch in dem Verhältnisse der Priester zu ihren Bischöfen. Der nationale Kampf ist ein häufiger Anlaß zu solche» Zwistigkeiten, und die deutschen Priester sind begreiflicher Weise durch ihre niangelhafte Beherrschung des Englischen gegenüber den Eingeborenen und den Irländern, welch' letztere das Hauptkontingent zum Priesterstande stellen, im Nachtheile, und das führt zu häufigen Uneinigkeiten. Eine deutsche Priestervereinigung in Newark hatte selbstverständlich Beschlüsse zur Aufrechterhaltung der deutschen Schule und Kirche gefaßt, ebenso selbstverständlich unter Betonung der Superiorität des Englischen und des Festhaltens an den politischen Verhältnissen Amerikas. Das Letztere geschah mit solchem Nachdruck, daß ein aus Preußen gebürtiger Priester erklärte, die Deutsch-Amerikaner fühlen sich glücklich, nicht mehr einem Könige dienen zu müssen, dem sie Gut und Blut zu opfern hätten; eine recht interessante Illustration zu der Theorie von dem Altar, als der besten Stütze des Thrones. Ein irländischer Priester der Diözese griff dafür den deutschen Bischof Wiggers, der sich auf den Standpunkt der deutschen Priester gestellt hatte, auf's Heftigste an, nannte ihn einen Verräther an der amerikanischen Nationalität, einen Zerstörer der Kirche u. s. w. Der Bischof citirte den rebellischen Priester vor einen Disziplinargerichtshof, gegen dessen Zusammensetzung der Angeklagte so erfolgreich opponirte, daß dem Bischof, der voraussah, daß er eine Verurtheilung seines Beleidigers nicht erzielen könne, nichts übrig blieb, als sich mit einer sehr zahmen Erklärung zu begnügen, in welcher der Angeklagte an Allem festhielt, was er behauptete, und nur bedauerte, wenn irgend etwas darin enthalten sein sollte, was den Respekt gegen den Bischof verletze; I am sorry for it. Viel bezeichnender als die erzählte Geschichte ist die des New-Vorker Priesters Dr. William Mc. Glynn, eines entschiedenen Anhängers des sozialistischen Schriftstellers Henry George, dessen Ideen von der Gemeinsamkeit alles Grundbesitzes er von seiner Kanzel verkündete. Der Erzbischof warnte den Prediger; dieser aber behauptete, im Rechte zu sei», da er gegen keine Lehre der Kirche verstoße, obwohl, wenn ich mich recht erinnere, im Syllabus Pius IX. ver Sozialismus mit sammt dem Atheismus, Pantheismus, Materialismus und Rationalismus mit Anathem belegt wird. Der renitente Priester wurde abgesetzt, sein Appell nach Rom verworfen. Darauf mietheten seine Anhänger einen Saal, wo der erkommunizirte Priester allsonntäglich Vorträge hielt und, obwohl an seiner Zugehörigkeit zum katholischen Priesterstande festhaltend, häufig sich in Angriffen auf die Hierarchie erging, die in unserer Heimath ihn höchst wahrscheinlich ins Gefüngniß gebracht hätten. Das Geringste ist, daß er von dem Egoismus der fetten Pfründenbesitzer sprach und seine Zuhörer aufforderte, sich den Papst vorznstellen, wenn er gleich anderen Sterblichen im schwarzen Anzug, dm Cylinderhut auf dem Kopf, auf dem Broadway spazieren ginge. Die schlimmeren Ausfälle kann ich hier nicht wiederholen. Und nach allen diesen Missethaten wurde William Mc. Glynn wieder in die katholische Kirche und in den Priesterstand ausgenommen, ohne daß er seinen sozialistischen Prinzipien entsagt hätte und ohne für die Beleidigung des Kirchenoberhauptes mehr als bloßes Bedauern auszudrücken. Wir sehen also, daß der Katholizismus in Amerika etwas Anderes ist, als er in Europa selbst in solchen Ländern ist, wo er die Minorität bildet. Wenn das noch weiter bewiesen zu werden braucht, mag die Anführung eines Aufsatzes von Dr. James F. Loughlin, Kanzler der Erzdiözese Philadelphia, im Mai-Hefte der Monatsschrift „Tire foruin“ genügen, worin der hochwürdige Herr sagt, daß öffentliche und Pfarrschule „zwei unabhängige, aber durchaus nicht feindselige Einrichtungen" seien. Wegen ähnlicher Anschauungen bei Anlaß der preußische» Schulvorlage hat der verstorbene Peter Reichensperger den Juden mit der Widerrufung der Emanzipation gedroht. Es scheint mir daher von besonderer Wichtigkeit, daß unsere Leser erfahren, ein katholischer Kirchenfürst habe die konfessionslose Schule — d. h. nicht etwa die Falk'sche Simultanschule, sondern eine Anstalt, von welcher jeder Religionsunterricht grundsätzlich ausgeschlossen ist, — als freundschaftlich beigeordnet, inckepenckent, bat not autagonistic der öffentlichen Schule bezeichnet. ES giebt gewiß wenige Juden in Deutschland, die in Bezug auf das Berhältniß zwischen Staat und Kirche anderer Ansicht wären als der amerikanische Prälat, der in

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