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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-14 · Heft 28 (14.7.1893) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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Kurz darauf verließ Rabinowitsch Breslau, begab sich nach Paris und studirte dort Medizin. Auch hier wiederum entfaltete er ein großes Wissen und unermüdliche Arbeitskraft. Nachdem er die Doktorprüfung bestanden, versuchte er, sein Wissen praktisch auszuüben; namentlich besuchte er mit großem Fleiß und Erfolg Pariser Krankenhäuser. Aber mit dieser Praxis dauerte es nicht lange; sein Geist war für das praktische Leben nicht bestimmt, und so vertauschte er wiederum die Medizin mit anderen Wissenschaften; eine besondere Neigung zeigte er für die jüdische Litteratur, der er ja seine ganze Jugend gewidmet hatte. Bei der vielseitigen Bildung, die Rabinowitsch besaß, gelang ihm nunmehr ein großes Unternehmen, nämlich viele Traktate des Talmud, Kethuboth, Gittin, Keduschin, Baba kama, Baba mezia, Baba bathra ins Französische zu übersetzen und sie der ganzen gelehrten Welt zugänglich zu machen. Um aber das talmudische Studium zu erleichtern und dem Publikum den klaren Geist des Talmud, der von Vielen ohne Grund, vielmehr nur aus Unwissenheit heftig angegriffen wird, zu zeigen, begnügte sich Rabinowitsch nicht mit seiner Uebersetzung, sondern er verfaßte auch eine große allgemeine Einleitung zum Talmud. Hierauf behandelte er speziell in zwei Werken: 1. „Legislation Criminelle du Talmud“, 2. „Legislation civile du Talmud“, das Recht im Talmud. Aus diesen beiden Werken konnte die ganze gebildete Welt, wie auch diejenigen Juden, welche den Talmud nicht kennen, über die jüdische Jurisprudenz ein richtiges Urtheil gewinnen. Bei diesen Arbeiten haben ihm natürlich auch seine medizinischen Studien viel geholfen. Seine beiden klassischen Werke: 1. „La Medecine du Thalmud“, 2. „Principes Thalmudiques de Schehitah et de Trephah“, in welcher er die Medizin im Talmud eingehend behandelte, können Zeugniß davon oblegen. Auch seine andern Abhandlungen und Werke über die jüdische Geschichte bis zur Zerstörung des Tempels, über die nationale Religion der Juden, über das Judenthum und seine Zukunft rc. ec. verfolgen einzig und allein das hohe Ziel, der jüdischen Litteratur eine gleichberechtigte Stellung in der Weltlitteratur zu erkämpfen. Zugleich sorgte Rabinowitsch auch für die Erziehung der Jugend; er schrieb Lehrbücher der lateinischen, englischen, französischen, polnischen und russischen Sprache. Das russische Lehrbuch wurde im Februar 1887 von der russischen Regierung als vorzüglich anerkannt. Bei dieser mannigfaltigen Thätigkeit gehörte Rabinowitsch trotzdem nicht zu jener Klasse der Gelehrten, welche den Strömungen der Zeit fernsteheu. Mit der Judenfrage beschäftigte sich der Verstorbene sein ganzes Leben lang, und endlich glaubte er ihre Lösung in der zionistischen Idee, deren Anhänger er bis zum letzten Tage seines Lebens war, gefunden zu haben. Im Jahre 1882 sahen wir ihn auf der Generalversammlung der „Palästinenser" in Kattowitz und im Jahre 1886 in Paris an der Spitze eines zionistischen Vereins, welchem er seine beste Zeit und Kraft opferte. Was wir aber ganz besonders an dem Verstorbenen hervorheben wollen, ist dies, daß er stets der Lehre: mim nx HOfl Sx man*? DH“lp eingedenk war; nie wollte er ein öffentliches Amt bekleiden, welches ihm den Kampf ums Dasein erleichtert hätte; als armer Gelehrter, der von seinen Werken keinen materiellen Nutzen gezogen hat, lebte er in Paris bis zum Jahre 1890 ganz allein in einem kleinen, dürftig möblirten Zimmer, wo die Bücher den größten Platz eingenommen haben, und dort, in diesem dürftig beleuchteten Zimmer, sind die meiste» Werke des Mannes entstauden. Im Jahre 1890 unternahm Rabinowitsch eine Reise nach seiner Heimath Rußland, wo er mit großen Ehren empfangen wurde; kurz darauf übersiedelte er nach London, wo er jetzt nach einer schweren Krankheit gestorben ist. Sein Name aber wird in seinen Schöpfungen fortleben. M-z. E—t. 9 Briefe aus Amerika. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. Interkonfessionelle Verhältnisse. Prophezeien ist eine bedenkliche Sache, denn die Zukunft bringt gar zu oft Ueberraschungen. Die Länder der polnischen Krone, in welchen die Inden, in Westeuropa verfolgt, eine gastliche Zufluchtsstätte fanden, sind heute der Schauplatz mittelalterlicher Rohheit, und in Rom. dem Sitze des letzten europäischen Ghetto, war ein Jude Minister. So mißlich nun auch Prophezeiungen sind, so läßt sich das Eine doch sagen, daß, wenn religiöse Intoleranz einst in Amerika Einfluß auf die Gesetzgebung erlangen sollte, wird sie sich gegen den Katholizismus kehren. Die Anzeichen sind schon heute vorhanden. Ausgetretene Priester und Nonnen durchziehen das Land, und die Vorträge, welche sie gegen den Katholizismus halten, finden große Auditorien; eine Gesellschaft zum Schutze amerikanischer Einrichtungen hat sich gebildet, welche die Tendenz verfolgt, Katholiken bei allen Wahlen zu bekämpfen; ein Katholik begegnet großen Schlvierigkeiten in seiner politischen Karriere, und ivas bezeichnender als Alles ist, das Kirchenregiment ist außerordentlich milde gegen renitente Priester und stellt sich bei jeder Gelegenheit emphatisch auf den Boden amerikanisch-nationaler Institutionen. Wie groß die Furcht vor dem Wachsthum der katholischen Kirche ist, geht aus dem Umstande hervor, daß Staatssekretär Blaine, der mehrere Male als Präsidentschaftskandidat vorgeschlagen und einmal nominirt war, daran scheiterte, daß man in ihm, dem katholisch getauften Sohne einer katholischen Mutter, obwohl er sich offiziell zur presbyterianischen Kirche bekannte, einen heimlichen Katholiken vermuthete. Man erwartete auch immer, von seinem offenen Uebertritte zum Katholizismus zu höre», denn kurz vor seinem Tode wurde Kardinal Gibbons von Baltimore an sein Bett berufen und über den Zweck dieses Besuches Schweigen bewahrt, aber offiziell blieb Blaine Protestant und wurde als solcher bestattet. Er hat, wie es scheint, auch nach seinem Tode sich der Unpopularität nicht aussetzen wollen. Hier zu Lande bekennen die Katholiken sich wenigstens nach außen zu dem Prinzipe der religiösen Gleichberechtigung, und es mag als bezeichnend gelten, daß die amerikanischen Erzbischöfe aus Anlaß einer Konferenz, welche sie im vorigen Jahre in New-Iork hielten, den dortigen Rabbiner Dr. Gottheil zu ihrem Empfangsabende einluden. In ihrer Presse hingegen pflegt man europäische Reminiscenzen zu finden. Da wird alles Uebel in der Welt von den Juden hergeleitet oder in echt jesuitischer Weise die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden als natürliche Konsequenz der Trennung von Staat und Kirche bezeichnet; aber, heißt es dann weiter, sollten wir nicht fragen, ob Staat und Kirche getrennt werden dürfen? Der gegenwärtige Kernpunkt der katholischen Frage ist das Prinzip der öffentlichen Schule; die Katholiken sind die einzige Kon-

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