Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 Der Antisemitismus in Aeffen. Von M. Steinhardt in Magdeburg. I. In einer Reihe trefflicher Artikel hat vor einiger Zeit Herr Dr. Rülf-Memel in diesem geschützte» Blatte die Entstehung und das Wachsthum des Antisemitismus in Hessen beleuchtet. Inzwischen ist das Volk an die Wahlurne berufe» worden und das Resultat der Reichstagswahlen zeigt entschieden einen weiteren Fortschritt des Antisemitismus in dieser Provinz. Wenn auch in de» früher schon antisemitisch vertreten gewesenen Wahlkreisen ei» kleiner Rückgang der Stimmen zu verzeichnen ist — hat doch Böckel selbst in seiner Domäne Marbtirg. in der er zweimal mit großer Majorität gewählt wurde, dieses mal erst in der Stichwahl gesiegt —, so hat doch der Antisemitismus seinen Besitzstand behauptet und zwei, oder je nachdem man de» konservativ-antisemitischen Mischmaschkandidaten Professor Hüpeden-Kaffel hinzuzählt, drei neue Wahlkreise erobert. Es ist begreiflich, daß angesichts dieser Wahlerfolge in vielen auch sonst nicht gerade ängstlichen Gemüther», insbesondere alißerhalb Hessens, sich bange Besorgniß um die Zukunft geltend macht. Nun, so ernst die Zeiten auch sein mögen, und so gefährlich es auch wäre, sich in ein falsches Sicherheitsgefüht einzuwiegen, Grund zu wirklicher Besorgniß ist in Hessen für absehbare Zeit nicht vorhanden. Ein Ferienaufenthalt in meiner Heimath, einem soeben von den Antisemiten eroberten Wahlkreise, ließ mich diese Stimmung in unzweideutigster Weise erkennen. Der hessische Bauer ist trotz seines antisemitischen Wahlzettels nicht judenfeindlich, sondern lebt, von ganz unwesentlichen Ausnahmefällen abgesehen, mit den jüdischen Nachbarn auf gutenr Fuße und tritt zu demselben vor wie nach gern in geschäftliche Beziehungen. Nie und nimmer würde er, das ist meine feste Ueberzeugung, die ich gewonnen habe, dafür stimmen, daß die Inden unter ein Ausnahmegesetz gestellt, oder gar dem höchsten Ideal der Antisemiten entsprechend, nach russischem Muster des Landes verwiesen würden. Einzig und allein die prekäre wirthschaftliche Lage ist es, die ihm den antisemitischen Stimmzettel in die Hand drückt. Die Ungeheuern Lasten, die auf dem Volke ruhen, die durch die moderne Kultur, die bis zu einem gewissen Grade sich auch auf die hessischen Dörfer erstreckt, bedingten erhöhten Ausgaben, und wiederum die durch die allgemeine schlechte wirthschaftliche Lage, mehrmals auch durch Mißernten, hervorgerufenen verringerten Einnahmen haben die sonst bedürfnißloseu, bescheidenen hessischen Bauern in die Reihen der Unzufriedenen getrieben. Die konservative Partei, die in Hessen dominirte, hat daselbst gründlich abgewirthschaftet, sie ist unpopulär geworden; ist doch beispielsweise der Wahlkreis Schmalkalden nur deshalb von den Antisemiten erobert worden, weil ihr Kandidat mit einem ganz unbeliebten konservativen Kandidaten in die Stichwahl kam, für den mit Entschiedenheit einzutreten die entscheidenden Parteien sich nicht aufraffen konnten. Eine andere Partei — wir kommen darauf noch ausführlicher zurück — ist in Hessen nicht organisirt, und da zeigten sich denn den hessischen Bauern die Antisemiten als die wahren Volkserretter und Volksbeglücker. Man muß es den Antisemiten lassen, sie verstehen die Agitation wie keine andere Partei, selbst die Sozialisten nicht ausgenommen. Zahlreiche Wauderredner, die aus der Parteikasse bezahlt werden, inachen die kleine Provinz unsicher. Selbst ans den kleinsten Dörfern halten sie ihre Versammlungen ab, in denen sie im Allgemeinen ihre wahren und letzten Ziele sehr wohl zu verbergen wissen; immer wieder wird von ihnen die Verbefferung der wirthschaftlichen Verhältnisse betont und dabei werden natürlich die Juden als Gegner derselben hingestellt. Wie der Wolf im Schafspelz wissen sie in dieser Weise die Bauern zu fange», von deren Naivität am besten die Thatsache zeugt, daß ein Jude im Wahlkreise Marburg von den Bauern die größten Vorwürfe bekam, lveil er in der Stichwahl für den Kandidaten des Bundes der Landwirthe eingetreten und nicht dem Volksmanne Böckelseine Stimme gegeben habe. Diese Wanderredner-Agitation wird unterstützt von nach Millionen zählenden Flugblättern, die seit einem Jahrzehnt und länger in Hessen verbreitet worden sind; sie wird ferner unterstützt von zwei in Kassel und Marburg erscheinenden Tageszeitungen, und ganz besonders noch durch zwei von geistlicher Seite in Kassel herausgegebene Sonntagsblätter. Diese in allen Dörfern gegen ein geringes Entgelt vertheilten Blätter wirken um so gefährlicher, als sie nach Stöckerschem Vorbilde sich in das Gewand der Religion, des Christenthums, hülle». Der hessische Bauer verfügt noch immer über ein gutes Stück religiösen Fanatismus. In kirchlich-konservativer Weise auf den Schulen erzogen, erblickt er heute noch wie im finstern Mittelalter im Juden de» Sprößling jenes Stammes, der ihm seinen Heiland gekreuzigt, und ist gerade darum dem Antisemitismus, der sich ihm unter kirchlicher Flagge nähert, ganz besonders zugängig. Aus diesen Andeutungen ergiebt sich, daß nur verschiedene Zufälligkeiten, keineswegs thatsächlich vorhandene Abneigung oder gar Feindschaft gegen die Juden den Antisemiten ihre Erfolge haben erringen helfen, und in einem zweiten Artikel werde ich nachzuweisen mich bemühen, wie nach meiner Ansicht der Antisemitismus in Hessen wiederum mit Erfolg zu bekämpfen sein wird. Dr. Israel Michael Rabinowitsch. In demselben Jahre, in welchem Grätz und Cassel das Licht der Welt erblickt haben, »vurde auch Dr. Israel Michael Rabinowitsch geboren. Während aber Grätz und Cassel in einem Lande, wo die Bildung tvenigstens einem Jeden frei steht, geboren wurden, wurde Rabinowitsch vom Schicksal nach Rußland verschlagen, wo er in' Horodez, Bezirk Kobrin, geboren und erzogen wurde; dort genoß er auch seine erste Bildung, selbstverständlich die jüdische; denn von allgemeiner Bildung kounte bei den Juden in Rußland zu jener Zeit kaum noch die Rede sein. Wie alle andern jüdischen Jünglinge, besuchte auch Rabinowitsch das „Cheder" und studirte den Talmud mit großem Fleiß. Sei» Vater, der Rabbiner in verschiedenen Gemeinden Rußlands war, begeisterte den Knaben für die heilige Lehre. Nach der Sitte des Landes verheirathete sich Rabinowitsch auf Verlangen der Eltern in frühem Alter; aber auch dieser Schritt konnte ihn vom Talmudstudium nicht abhalten. Bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre setzte er dieses einseitige Studium ununterbrochen fort, und dank seinem Fleiße gelang es ihm, bis dahin zweimal den ganzen Talmud gründlich durchzugehen. Sein Vater sah in ihm eine jüdische Größe und hoffte, seinen Sohn bald als einen berühmten Rabbiner an der Spitze einer hervorragenden Gemeinde zu sehen. Aber da trat plötzlich eine Krisis ein: Rabinowitsch verließ Frau uud Eltern und begab sich zuerst nach Brody, um andere Nahrung, die ihm früher ganz fremd war, für seinen Geist zu suchen; das einseitige Studium des Talmuds konnte ihn nun nicht mehr befriedigen. Mit der größten Geduld begann er jetzt das deutsche ABC zu lernen, und ein ganzes Jahr hat er nur mit den Vorbereitungen zu thun gehabt. Kaum hatte er aber die ersten