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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-14 · Heft 28 (14.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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57. Jahrgang. Mr. 28. Allgemeine Berlin, 14. Inli 1893. eitung Oes Audeiilbums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redaeteur: Gustav KarpeLes. Begründet von Nalibiner Dr Ludwig Philippson-Konn Verlags-Crpedition: L erlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel; Die Situation des Antisemitismus in Hessen. Von 1k. Steinhardt. — Dr. Israel Michael Rabinowitsch. — Briefe aus Amerika. Interkonfessionelle Verhältnisse. Von Dr. G. Deutsch in Cincinnati. — Das 'übellesen. Von Leopold Kat;. — Feuilleton; Hagar. Eine schwäbische ' orkgeschichte von E. Vely. (Fortsetzung) — Von unseren Friedhöfen. Von :)l Friedeberg. — Karlsbader Plaudereien. I. Von G. K. — Literarische Ritiheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ranzig. Kölligsberg i. Pr.. Aus der Provinz Posen. Strelitz. Lindheim. Wien. Prag. Lemberg. Krakau. Bern. London. New-Bork. — Bon Nah nnd Fern. — Miseetten. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Wie Situation. Berlin, 10. Juli. Der Reichstag ist eröffnet und die Thronrede znr Eröffnnng destelben )«t im Herzen eines jeden deutschen Patrioten einen freudigen Widerhall geweckt. Die hohe Fürsorge für die innere und äußere Kräftigung ves Reiches hat von Neuem das Vertrauen gestärkt. Die Form, n die ein Weiser des Talmuds die Lehre von der Ehrfurcht gegen oen Landesvater in seinen Staatssorgen und Geschäften einkleidet, mag etwas orientalisch überschwänglich klingen, im Wesen der Sache liegt aber eine hohe, beherzigenswerthe Wahrheit: „Eine Unmenge Dinte, Federn und Papier, eine Unmenge Schreiber müßtest Du mfbieten," spricht er, „um die Tiefen eines wahrhaft königlichen Herzens zu ermessen und zu beschreiben, denn also heißt es in der Zchrift: Wie an Höhe der Himmel und an Tiefe die Erde, o ist unerforschlich der Könige Herz." Diesen Eindruck mußten die machtvollen königlichen Worte der Thronrede überall Hervorrufen. Zie umfassen hohe und schwerwiegende Aufgaben der Regierung, der Landes- und Reichsvertretung; sie umspannen weite Gebiete der Thätigkeit zur Wohlfahrt des Vaterlandes. Alle die großen materiellen und geistigen Mittel und Hebel einer kräftigen Förderung der wirthschaftlichen Zustände, alle Maßnahmen zu gedeihlichen, friedlichen Reformen und Organisationen nach Innen nnd Außen fanden ihre volle Würdigung und gerechte Berücksichtigung. Es ist ein Ideal- und Musterstaat gezeichnet, der sich in der vollen Kraft der ringenden und strebenden Selbstverwirklichung vor unseren Augen erhebt. Um so mehr muß es das Herz eines jeden ernsten Staatsbürgers, eines jeden ehrlichen, deutschen Patrioten aufs Tiefste betrüben, wenn diese von Neuem so herrlich und vielverheißend eingeleitete Harmonie der Kräfte und Ziele durch die verfassungswidrigen Bestrebungen der antisemitische» Fraktion, die einige Tage lang ja sogar das „Zünglein an der Waage" bildete, gestört wird. Nicht sowohl, daß sie Unheil wider uns brüten, daß sie ihre alten Reden im Reichstag wieder hersagen werden, schreckt und betrübt uns, denn „ist der Ewige mit mir, so furcht' ich nichts, was kann ein Mensch mir thun. Was toben die Völker, sinnen Eitles die Nationen wider den Ewigen und seinen Gesalbten! Der im Himmel thront, lacht darob, der Ewige spottet ihrer. Dann aber redet er zu ihnen in seinem Zorne, in seinem Grimme schreckt er sie." Aber auch alle Wohlgesinnten und Friedfertigen im Lande klagen darüber, daß Männer von solchem sittlichen Kaliber, deren defekter Charakter offenkundig ist, als politische Sittenrichter der Regierung nnd des Judenthums sich aufwerfen. Was nnd wer ihnen dazu wohl den Muth, vielmehr das Mandat giebts Ehrliche politische Ueberzengnug kann es unmöglich sein, denn ehrliche politische Ueberzeugung kann mit den sittlichen Grundrechten des Staates nicht divergiren; religiöse Ueberzeugung kann noch weniger bei einer Partei herrschen, die in ihrer Verblendung schon soweit gekommen, daß Versammlungen derselben den Stifter des Christenthums verleugneten, aus dem einfachen Grunde, weil er ein — Semit gewesen! Es blieben also nur noch Kategorien übrig, wie: ungerechtes Vorurtheil, Mißleitung, böser Wille, wirthschaftlich und moralisch verkrachte Existenz mit all den dunklen Interessen, die in deren Gefolgschaft immer zu finden sind. Auf so schwankem Moorboden kann der sittlich zerborstene Ban des Antisemitismus nicht mehr lange Bestand haben. Hoffen wir, das; die durch die Thronrede über dem neuen Reichstag entfaltete Fahne des Rechts und der kraftvollen Staatsautoritüt den weisen Berathern des Volkswohls den Muth und die Kraft verleihen wird, den antisemitischen lieber- und Angriffen wirksamst entgegenzutreten. Denn „die Nation", so sprach der Monarch in der Thronrede, „die Nation ehrt alle Diejenigen, welche für das Werk der Einigung Gut und Blut eingesetzt und das Vaterland einem politischen und wirthschaftlichen Aufschwung zugeführt haben."

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