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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-07 · Heft 27 (7.7.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 27 (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Beziehung, in Mecklenburg uub besonders in seinen beiden Seehandelsstädlen Rostock und Wismar von bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechten der Juden überhaupt keine Rede war. Dies brachte die patrimouialständische Landesverfassung und der in den Städten waltende Partikularismus unb Egoismus so mit sich. Die Juden nmrden in den genannten Städten nicht einmal als Einwohner geduldet, viel weiüger zum Bürgerrecht zugelassen. Sie konnten hier weder Grundstücke erwerben noch außerhalb der Jahrmärkte Handel oder Gewerbe treiben. Im Anfänge der sechziger Jahre versuchte der Rath der Stadt Rostock zwar, die damaligen Vertreter, aus Gewähltest der Kaufmannschaft und der Handwerkerzünfte in zwei Kammern bestehend, für kleine Zugeständnisse an die Juden, soweit sie mit den Landesgesetzen vereinbar erschienen, 51t gewinnen. Er drang aber mit seinein 'Antrag nicht durch, da er nur bei der Vertretung der Handwerker Zustimmung fand, dagegen die Vertretung der Kaufleute, unter Berufung auf einen fast einstimmigen Beschluß ihrer Vollmachtgeberin, der Kaufmanns-Kompagnie, den Antrag ablehnte. Noch kurz vor dem Eingreifen der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes hatte die Kaufmanns-Kompagnie sich neue Satzungen gegeben, in welcher die Bestimmung, daß Juden von der Aufnahme in die Kompagnie ausgeschlossen seien, voll Neuem einen Platz gefunden hatte. t. Hamburg, 4. Juli. In einer nationalliberalen Wählerversammlung hat Prof. Dr. Mauer in Würzburg sich zur Judenfrage geäußert. Der nationalliberale Verein hat dann beu Redner ersucht, seine Rede durch den Truck zu verbreiten. Sie ist in einer Broschüre: „Der Antiseniitismus und das deutsche Bürgerthum" erschienen. Würde der Mann erklärt haben, daß er Antisemit ist, so wäre es Zeitverschwendung und gleichzeitig Mangel an Selbstachtung, ihm zu schreiben. Er erklärt aber, daß die Bewegung in den Juden nicht das richtige Objekt treffe; ihre Fehler seien von den Christen ihnen anerzogen. Die Schilderung dieser Fehler ist aber so ungeheuerlich, so vorurtheilsvoll und gehässig, daß sie in eillem nationalliberalen Verein nicht hätte erfolgen dürfen. Mit Rücksicht hierauf hat Herr Gustav Tuch hier dem Herrn Professor am 19. Juni geschrieben, eine Erwiederung aber bisher nicht erhalten. Die Abschrift dieses Briefes lautet: „Hamburg, 19. Juni. Geehrter Herr.' Nicht im Namen deutscher Parieipolitik wende ich mich an Sie; denn hiervon wünsche ich mich fern zu halten. Dagegen erlaube ich mir, aus ethischen Gründelt diese Zeilen alt Sie 51t richten, weil ich durch die von Ihnen veröffentlichte Broschüre: „Der Antisemitismus ulld das deutsche Bürgerthum" mich dazu gedrungen fühle. Die Schrift gelangte erst jetzt in meine Hände. Sie zerfällt in zwei Haupttheile: in den militärischen und den autiseutitischen. Um Sie nun zuvörderst über meine Bestrebungen zn unterrichten, behändige ich Ihnen einliegend einen Aussatz, Sonderabdruck aus der „Zukunft", über die Art, wie ich die Militärfrage im 3inne der Gesittung unb Kultur auffasse. Ich glaube erwähnen zu sollen, daß auch in dieser Frage die Haltung der jetzigen politischen Parteien ohne Interesse für mich ist. Ich darf mich nunmehr wohl dem andern Theile Ihrer Schrift, dem antisemitischen, zuweuden. Da Sie öffentlich lehren, öffentlich reden und Ihre Reden durch den Druck verbreiten, so werden Sie sich auch vielleicht im Besitz des wissenschaftlichen Materials befinden, worauf Sie Ihre Aussprüche begründen. Dieses zu kennen, wäre aber namentlich in zwei Punkten von hoher, sittlicher Bedeutung. Daher bitte ich um gütige Antwort ans die folgenden zwei Fragen. 1. Sie erklären die Juden ganz allgemein für feige Menschen, etwa mit rühmlichen Ausnahmen für feige Geldhändler. So viel mir bekannt, giebt es auf der Erde ungefähr sieben Millionen Juden Auf welche statistische Quellen gründet sich nun Ihre Erklärung, daß diese sieben Millionen feige Menschen — keck nur in Worten und durchaus unwahr sind? 2. Sie behaupten, der Materialismus der Sozialdemokratie sei auf dem durch die jüdische Presse bearbeiteten Boden gewachsen. Bisher hatte ich nicht in den Schriften eines Moses Mendelssohn, Berthold Auerbach und Gabriel Rießer n.s. w. die Quellen des Materialismus zu erblicken vermocht. Ich war der Meinung, daß Voltaire und Rousseau, Schopenhauer und Ed. v. Hartmann viel eher als solche Quellen zu betrachten seien. Und was ganz unmittelbar das System der Sozialdemokratie anbelangt, so hielt ich dafür, dap die Legre von Marx unbedingt ihren Ursprung aus Adam Smith und Eobdeu nehmen mußte. — Judeß — Sie nöthigen mich zu unterscheiden: Nicht um die schöpferischen Ideen soll es sich! handeln, sondern um die Verbreitung der Gedanken durch die Presse.! Die jüdische Presse trage „zur Hälfte" die Schuld an der Nücksichts-! losigkeit in Glaubenssachen. Welche ztwerlässige Statistik besitzen Sie > nun über die Betheiligung der Juden an der Presse, — und ferner: über! die Unehrenhaftigkeit und Unwahrheit der in der Presse wirkenden Juden?! Vielleicht gestattet Ihr Ehrgefühl, Ihr Anstand, Ihr wissenschaftliches! Gewissen, mir die der Wahrheit entsprechende Antwort zu ertheilen. Mit > gebührender Hochachtung Ihr ergebener Gustav Tuch." z * Wvtfcttbiittel, 30. Juni. Am 21. b. M. wurde hier die neue j Spnagoge eingeweiht. Zu dieser Feier hatten sich außer der vollzähligen! hiesigen Gemeinde auch die Vertreter des Stadtmagistrats, die Stadtverordneten, die Direktoren des Herzogs. Lehrersemimars und der städtischen Realschule, auswärtige Kuratoren der Samsonschule, viele geladene Bürger aus unserer Stadt und die am Bau betheiligt gewesenen Handwerker vordem stattlichen Gotteshause versammelt. Der Festakt begann mit einer Ansprache des Herrn Kreismaurermeisters Tauer, welcher den vergoldeten Schlüssel der Tempelthür dem Vorsteher des Synagogenvorstandes, Herrn Bernhard Cohn, überreichte, welcher den Schlüssel auf einem seidenen Kissen seiner Tochter, Fräulein Cilli Cohn, einhändigte. Letztere sprach zunächst einen hübschen Prolog. Hierauf nahm Herr Landesrabbiner Dr. Rülf den Schlüssel in Empfang und öffnete die Tempelpforte, durch welche nunmehr die Festversammlung die Synagoge betrat. Die Damen nahmen auf der Empore, die Herren im unteren Raume Platz. Der Chorgesang: „Wie lieblich sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen,! Israel", in hebräischer Sprache von den Samsonschülern unter Begleitung! von Instrumentalmusik der Lindenbergschen Kapelle gesungen, bildete den! Beginn des Festgottesdienstes. Nach weiterem Gesänge des Vorbeters j folgte die Einholung der Thora-Rollen, welche vom Rabbiner, dem Vor-! beter intb den Gemeiude-Aeltesren unter Chorgesang durch das Gotteshaus! getragen und sodann in die heilige Lade eingehoben wurden. Der Rabbiner j weihte hierauf die heilige Lade und den Altar unter Gebet ein und hielt! sodann nach abermaligem Gesänge des Chores die Weiherede. Dieselbe zeichnete sich durch Gedankenreichthum und religiöse Empfindung aus und behandelte das Wesen und den Segen des wahren Gottesdienstes, der nicht allein in der Andacht im Tempel bestehe, sondern sich auch durch die Thaten des Menschen im Leben, in der Nächstenliebe kundgeben müsse. An die Weiherede schloß sich der Gesang der Beethovenschen Hymne: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Hierauf folgte das vom Rabbiner gesprochene Gebet fiir Kaiser und Reich sowie der in hebräischer und deutscher Sprache gesprochene Segen. Mit einem Hallclujahgesange wurde die erhebende Feier beendet. Nachmittags fand ein Festessen der Gemeindemitglieder, der Behörden und der Erbauer der Synagoge statt.! * Köln, 2. Juli. Das „Israelitische Asyl für Kranke j unb Altersschwache", welches soeben seinen Rechenschaftsbericht für j die Jahre 1888—1892 zur Versendung bringt, ist ein wahrhaftes Muster-! institut, das nach den Grundsätzen der Humanität werkthätige Menschenj liebe übt, die jeden Stand, jedes Bekenntniß umfaßt, die interkonfessionell j ist, wie das menschliche Elend. Die Entwickelung des Instituts hat große j Fortschritte gemacht. Ein schön eingerichteter Neubau konnte in Benutzung! genommen und dadurch den vielen Aufnahmegesuchen Kranker und Alters-; schwacher mehr als bisher entsprochen werden. Zugleich wurden die j hygienischen Einrichtungen, besonders durch Anlage einer Centralheizung j verbessert und die Anstalt zur Verpflegung jeder 3trt körperlich Kranker ausgerüstet Dementsprechend stieg die Zahl der verpflegten Kranken von 06 i. I. 1887 auf 100 i I. 1892, die Zahl der Altersschwachen von 20 auf 39. Im letzten Sommer wurde ein Nachbarhaus erworben unb mit der Anstalt in Verbindung gesetzt, was die Aufnahme von 05 Pfleglingen ermöglichte. Jnsgesammt wurden in den Berichtsjahren 003 Kranke (337 jüdische, 326 christliche) verpflegt und in der Poliklinik mcl)t weniger als 5355 Personen behandelt! Die Zahl der Einzelkonsultationeu hat mehr als 20,000 betragen. Die ärztliche Oberleitung übt mit bewahrter Hingebung Herr Dr. V. Auerbach, dem fünf Aerzte zur Seite stehen. Die Einnahmen sind von 20,901.50 M. i. I. 1888 auf 13,874.01 M. i. I. 1892 zurückgegangen, dagegen die Ausgaben von 19,805.04 M. auf 52,181.05 M gestiegen. Zum ersten Mal seit Bestehen der Anstalt zeigt die Abrechnung die bedenkliche Thatsache, daß in den letzten zwei Jahren nicht nur die gesammten Einnahmen verbraucht, sondern auch noch das Kapitalvermögen angegriffen werden mußte. Es wäre zu wünschen, daß die zuversichtliche Erwartung, der die Verwaltung

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