Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228014--49953-3271543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
322 meinem Auqe. Ein schönes Bild tauchte auf und ein glänzender Stern, so groß wie die Sonne, die eben ins Meer gesunken, schwebte durch die Himmel und erhellte Erde und Meer mit seinem sanften dichte. Aber bald änderte sich die Szene; der Stern umrb Zur flammenden Sonne, und es ging Feuer von ihm aus, das die Anhänger des Nazareners fraß und die Römer mit ihren Adlern unb schreckbaren Waffen, unb in der Ferne sah ich das freie, gliickliche Jerusalem im goldiggrümm Glanze des Friedens, und ich hörte das Jauchzen und die Jubelpsalmen des auserwählten Volkes. Nun hob ich noch einmal das Auge empor zum Sterne, der nicht mehr Feuer flammte, der jetzt mild strahlte und ruhig am Himmel schwamm, und siehe — die Jakobsleiter war errichtet von der Erde bis zum Himmel aus Perlen und hellleuchtendem Karfunkel, und Seraphim inib Eherubim schwebten dran herab und hinan, eine wunderbare, unaussprechliche Weise zur goldenen Harfe singend, und der Stern von Zion glitt langsam herab an der Leiter, und wie er unten ankam, sank ich mit dem Antlitz zur Erde, denn ein herrlicher Jüngling stand da, eine Krone von goldenen Sternen um's Haupt, in einen königlichen Purpur gehüllt, Schwert und Herrscherslab in den Händen. Um ihn waren zwei Lichtgestalten, vor deren Glanz meine Augen erblindeten: die eine hielt die Tafeln des Gesetzes, die andere zügelte einen Wagen mit feurigen Rossen, — es war Moses und Elias. Bald verschwand die Erscheinung und ich betete den Herrn an, aber selbst int glühendsten Gebet störte mich etwas, das; ich verwirrt wurde, es war das Antlitz des Jünglings mit den Sternen um's Haupt." — Hier sehwieg der greise Rabbi unb sah auf den jungen Mann, der in andächtigem Staunen die wunderbare Erzählung Verfehlungen hatte. Starr imb unverwandt sah er ihm ins Gesicht, daß dem Jünglinge bange wurde, dann stand er auf und streckte den Arm gegen den Jüngling, indem er mit Donnerstimme ausrief: „Dein Name ist Sohn des Sterns! — Dein Antlitz und Deine Gestalt erschaute ich im heiligen Gesicht! — Tn bist berufen zum Messias und zum König von Israel!" — Als wäre ein Blitzstrahl vor ihm in den Boden gefahren, so schrak der junge Mann zusammen und ward blaß und roth rmd schaute verwirrt auf den Alten, der in seiner hehren Prophetenstellung blieb, und war lange mtfähig eines Wortes wie einer Regung. Der Alte schien sich zu freuen au dieser Erscheinung, doch nach einer Weile erhob er Arm und Stimme und rief: „Sohn des Sterns, Dein Schicksal ist entschieden; Dein Loos ist gefallen. Jetzt wird mir erst das seltsame Gefühl klar, das utich zu Dir hinzog und mich mr Dich fesselte, das mich vermochte, meine altersgraue Weisheit auf Dein junges Gemüth zu pflanzen, damit sie daselbst neu erblühe. Ich habe lange darliber gesonneit, was mich zwang, mit Dir zusamnteit zu halten und die Gesellschaft der Großen zu verschmähen, aber ich ward nicht aufgeklärt bis zur Stunde der Offenbarung. Nun, Tu Auserwählter, habe ich Dir verkündet, was mir oblag, und keitt Mensch, nur das stille Meer, mir die einsame Wüste, nur die Sonne, bereits hinter dem Oeean verschwunden, waren Zeugen meiner Verkündigmtg; im Dunkel des Abends trat Vas große Wort hervor, das bald ertönen soll von Tan bis Bersaba im hellsten Lichte vor den Dhren aller Welt. Was hast Tu mir zu entgegnen, Auserwählter des Herrn, Messias, König Israels? Bei den letzten Worten des Alten war der Jüngling aufgestanden und er hatte gelacht und geweint wie eilt Kind, und jetzt stürzte er ltieder zu den Füsielt des Alten und umklantllterte dessen Knie, und war vor itmerer Bewegung tätige keines Wortes lnächtig. Der Greis sah diesem leidenschaftlichen Treibelt eine Weile zu, wie es schien, mit Mißbehagen. Er hatte sich von seinen Worten einen andern Erfolg versprochen, unb er hatte sich mit all' seiner gereiften Weis heit geirrt, weil er ein jugettdlich frisches Gemüth tticht unterschieden hatte vom tiefen Verstand des Alters. Er bedeutete daher mit Unwillen den Jünglülg, sich zu mäßigen nitb seilies hohen Berufs würdig ztt zeigen. Daltn hob er ihn mit Gewalt auf unb schalt heftiger, und als der erste Sturm im Herzet: des jungen Mmtnes sich gelegt, und er Miene machte, zu redett, gebot er ihnt ganz zu schweigelt und durch stummes Nachdenken die erften Stunden seiner Erhebung zu feiern. Dieser Befehl ward befolgt unb jetzt schritt der Alte rüstig durch die dunkle Gegend dahin beiu Berge zu; ihm folgte der bestürzte Messias. (Forts, folgt. 9 Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vel>>. (Fortsetzung.) O, wie ahnnngsschwer es sich auf Bartels Brust gelegt, er I)o nach einem Sitz fassen müssen, die Mutter ist aber noch immer kerzen grade dagestaudeu. „Erratheu, Mutter, kann ich's wirklich nicht," hat er leise gefaßt „Ter Löw," erzählte Sarah, „ist gut Freund drunten in Stutt gart mit Deinem Prinzipal — und ab und an, wann ich gekommen bin in sein Haus, zu suchen verlegene Maaren, wie man sie brauchen kann für's Dorf, hat er nicht genug zu reden gewußt, ivie sie Dicl loben lind bernhmen. Und ich Hab gehabt meine stillen Gedanken lang schon. Lobt ihn mir nur, er ist mein Sohn — und ich bn seine Mutier, Hab ich mir gesagt. Und kein End hat's genommen immer ärger ist's damit geworden, wie sie Dich gepriesen haben. Wo Du einmal ein Schwiegersohn würdst in einem guten Geschäft hat letzthin der Löw gemeint, da könnt Einer unbesorgt sein. Barnch. das ist nicht aus meinem Sinn gekommen. Und ich bin heut vor den alten Löw getreten in meinem weißen Wittwenhaar und Hab gefragt: Rüben Löw, da ist mein Barnch — und dort ist Dein Veilchen. —" Es ist wie ein ächzender Laut gewesen, der eine Sekunde Sarah's Rede unterbrochen hat. „Ja, hat der Löw gesagt, da sind sie freilich! Ich bin ein Wittib, Hab ich weiter geredet, aber aus gutem Hans und mein Sohn ist ein Braver. Willst Du Deine Tochter mir zur Söhnerin geben? Sie hat Geld und mein Barnch hat den Verstand. Und der alte Löw hat gelacht und genickt und das Veilchen ist verschämt geivorden, denn ich Hab ihin Dein Bild gezeigt und Wohlgefallen hast Dll ihm — und der Rüben Löw und ich sind einig geworden. Und das ist, warum ich sagen kann, ich bring Dein Glück mit mir in diese» beiden dürren Händen." Aber kein Wort hat Bartel erst zu sagen gewußt, Lea sind ein paar Thränen über die Wangen geronnen. „Runs" hat die alte Jüdin dann gefragt. „Bist stumm geworden vor lauter Freud?" Da hat der Sohn den Kopf geschüttelt. „Nicht vor Freud, Mutter!" Sarah hat das überhört. „Der alte Löw tritt vom Geschäft zurück, er ist müde und hat genug und Du kommst in das schöne Hans und bist der Herr über die Waare», und das Veilchen wird Dir eine gute Frau sein." „Mutter," hat Bartel gesprochen und seine Stimme ist wieder fest geworden, „hast Du auch wohl bedacht, daß Du zwei Menschen miteinander verbinden willst, die sich noch nie gesehn haben?"