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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-07 · Heft 27 (7.7.1893) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 27 (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 gebildeten Talente und Fähigkeiten nutzbar zu machen, zogen es vor, auf eigenen Füßen zu stehen, als daß sie sich entschlossen hätten, einem ungeliebten Manne anzugehören, und wirken seit Jahren hochgeachtet in ehrenhaftem Berufe. Man lasse nur mehr und mehr das Vorurtheil schwinden, welches noch wie ein Wahn die Mehrzahl der Eltern umfangen hält, daß nur das Lehrfach der einzig würdige Beruf für ihre Töchter sei. In großen Städten wächst die Fluth der jüdischen Privatlehrerinnen voir Jahr zu Jahr erschreckend; das Angebot ist unvergleichlich größer als der Bedarf. Erst vor wenigen Monaten wies an dieser Stelle eine gemüthimb einsichtsvolle Frau darauf hin, daß es noch viele andere nützliche und ehrenvolle Berusszweige für israelitische Töchter giebt. Das junge Mädchen wird in jedem ihm zugänglichen Berufe seine volle Weiblichkeit bewahren, wenn eine verständige Mutter ihm im Elternhause gezeigt hat, daß echte Weiblichkeit bedeutet: „Einfachheit, bescheidener, anspruchsloser Sinn, Gemüthstiefe und Gewissenhaftigkeit in der Pflichterfüllung." Unsere Töchter sollen durch Kenntnisse und eine vernünftige Erziehung, durch das Vorbild, welches ihnen die Mutter giebt, würdig für den Ernst des Lebens vorbereitet werden; ob es ihnen beschieden ist, beglückend und glücklich an der Seite eines Mannes, als seine verständige Beratherin, als treue, rastlose Mitarbeiterin im Kampfe ums Dasein zu leben und zu wirken, ob in selbstgewähltem, selbstständigem Berufe! Mag man unsere Zeit auch vielfach und oft nicht unberechtigt schmähen, es giebt noch viele junge israelitische Männer, die nicht nur ein reiches Mädchen zu ihrer Lebensgefährtin wählen, die mit offenen Augen sehen, die da sagen: „Mag dieses Mädchen auch kein Vermögen haben, es besitzt in seinem Kopfe, in seinen Händen, in seinem Gemüthe einen Schatz, ein Kapital, ich wähle es!" Es giebt noch gereifte Männer, die da junge Mädchen in reger Thätigkeit Jahre lang wirken und schaffen sahen, um ihrer Familie materiell zu Hilfe zu kommen, die da als aufopfernde treue Töchter und Schwestern sich bewährt, Männer, denen der unerbittliche Tod die theure, junge Lebensgefährtin geraubt hat und die vertrauensvoll ihr und ihrer verwaisten, liebebedürftigen Kinder Geschick in die Hände solcher Mädchen legen, die ihnen für ihre und ihrer Kinder Zukunft die beste Bürgschaft leisten. Wahrlich, die Zeiten der verbitterten alten Jungfern sind vorüber! Anch die Mädchen, die unverheirathet bleiben, brauchen ihr Leben nicht als ein verlorenes zu betrachten; die unverheiratheteu Geschwister und Tanten sind nicht selten die geliebtesten, geehrtesten Glieder, die guten, segeuspendendeu Geister, die freundlichsten Vermittlerinnen, die gesuchtesten Vertrauten, die sorgsamsten, zärtlichsten, unermüdlichsten Pflegerinnen in ihrem Familienkreise. Darum, Ihr treuen jüdischen Eltern, die Ihr nicht mit Glücksgütern gesegnet seid, sorget und banget nicht um Eurer Töchter Zukunft, anch wenn dieselben unverheirathet bleibe«!1) „Der Segen der Eltern baut den Kindern Häuser!" War es Euch auch mcht vergönnt, Euren Töchtern ei» eigenes Heim zu gründen, Ihr werdet einst ruhigen Herzens heimgehen können, Euer Segen liegt in dem Schatze von Kenntnissen, in der vortrefflichen Erziehung, welche Ihr Euren Töchtern habt angedeihen lassen, und dieser Segen erbaut ihnen in befriedigender Wirksamkeit ein Haus des Friedens! ff Vor wenigen Monaten erschien ein Buch: „Unsere jungen Mädchen und ihre Aufgaben in der Gegenwart", ivelches auch jüdischen Eltern und Töchtern warm empfohlen werden kann. * Juden und Salzburger. Von Dr. I. Aronius. Wie bekannt, wurden 1732 die Salzburger Protestanten ihre? Glaubens wegen unter schtveren Bedrückungen aus ihrer Heimatt Vertrieben. Die meisten von ihnen fanden Zuflucht beim König von Preußen, der ihnen besonders in Ostpreußen Wohnsitze anwies und ihnen die Mittel gewährte, sich eine neue Existenz zu gründen Auf der langen Reise wurden die armen Ausgewiesenen, denen es oft am Nothwendigsten fehlte, von ihren Glaubensgenossen mit hingebender Liebe unterstützt, wie es in Goethes „Hermann und Dorothea" rmvergleichlich geschildert ist. Weniger bekannt ist es jedoch, daß auch die Juden sich der Flüchtigen annahmen und sie nach Kräften unterstützten. Kein Wunder; wußte doch Niemand so gut wie die Juden, zumal in Deutschland, was es hieß, des Glaubens wegen verfolgt zu werden. Auch erinnerte sie das Ereigniß lebhaft an den Auszug aus Aegppten und die Leiden, die ihre Vorfahren dabei ausgestanden hatten. In der sehr ausführlichen Darstellung, welche Göcking schon 1734 den Schicksalen der Salzburger gewidmet hat, wird über die Juden Folgendes berichtet. Göcking faßt seinen Bericht dahin zusammen, daß die Juden den Salzburgern an vielen Orten Liebe erwiesen, fast an keinem einzigen aber ihnen das geringste Leid angethan haben. Er weiß nur zwei Fälle zu berichten, in denen Juden den Salzburgern Schaden zugefügt haben. In Neustadt-Eberswalde wollte einer beim Geldwechseln zu viel Aufgeld nehmen. In Halle wollte einer einen Salzburger bestehlen, wurde gefaßt und schwer bestraft. Ein Anderer bemerkte, wie ein Salzburger ein neues, blankes Achtgroscheustück, das er geschenkt bekommen, erfreut besah, ohne seinen Werth zu kennen. Nicht aus böser Absicht, sondern blos, um zu sehen, wie sich der Salzburger wohl verhalten würde, riß ihm der Jude das Geldstück aus der Hand. Jener blieb ganz ruhig und sagte dann endlich: „Das vergebe Dir Gott, daß Du mir den Groschen nimmst." Darauf gab ihm der Jude nicht nur sein Geldstück, sondern schenkte ihm noch mehr. Die erste Begegnung zwischen Juden und Salzburgern fand in dem katholischen Dorfe Klein-Nördlingen statt. Dort hatten die Einwohner die Eimer vom Brunnen abgenommen. Die Juden aber, die ihren besonderen Brunnen hatten, führten die Salzburger zu diesem und gaben ihnen außerdem Bier und Brod und nach ihrem geringen Vermögen auch noch Geld. Die Juden in Gunzenhausen waren selbst blutarm, brachten aber doch zwei Reichsthaler zusammen. In Harburg (in Baiern) beschenkten sie sie nicht nur, sondern beherbergten sie auch. Aehnliches geschah in Hildesheim, Weimar, Frankfurt a. O. In Regensburg erbot sich ein Jude Salomo«, zwanzig Salzburger auf seine Kosten zu verpflegen. Der Rath gab ihm nur zwölf, diese verpflegte er auf's Beste und beschenkte sie reichlich. Zu Halberstadt sammelten sie 36 Thaler, und Alles in Allem gaben sie nach und nach beinahe 150 Thaler. Besonders aber rühmt Göcking von ihnen, daß sie aus freien Stücken in der Synagoge ausrufen ließen, der solle verflucht sein, der den geringsten Profit an diesen Leuten juche. In Nauen stand eine Jüdin auf der Straße und theilte den Vorbeiziehenden Gaben aus. Ein kranker Mann lehnte ihre Spende ab, weil es ihm, wie er später erzählte, geschienen, daß die Frau ärmer sei als er, und das Geld »öthiger brauche. In Berlin sammelten die Juden 33 Thaler 8 Groschen am Tage nach der Ankunft des ersten Trupps Salzburger, nachdem sie ihnen schon bei ihrem Einzuge Vieles zugeworfen. Die Frauen schenkten 204% Ellen Leinwand mit der Bitte, daß bei der Austheilung auch die Aeltesten und Aermsten nicht vergessen werden möchten. Ein

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