Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Und so traurige Erscheinungen, wie es die jüdischen Antisemiten sind, oder Juden, die ach ihrer Abstammung und ihres Glaubens schämen, den sie daher beim ersten Hinderniß, das sich ihnen entgegcnstellt, wie ein lästig gewordenes Kleidungsstück abwerfen, solch' traurige Erscheinungen, age ich, würden lins mit der Zeit erspart bleiben. Man wende niir nicht ein, daß die von mir gewünschten Beehrungen der Zweck der geplanten jüdischen Encyclopädie sei. Der tlnterschied ist nur der, daß Encyclopädim schon ihres vielbändigen Umfangs wegen nur von wenigen begüterten Privaten gekauft werdeil löinien, sodann werden sie selbst in öffentlichen Bibliotheken, Lesehallen rc., tote ich aus jahrelanger Erfahrung an der hiesigen llniversitüts-Bibliothek in Betreff der Benutzung der katholischen Encyclopädie von Weltzer und Welte, und der protestantischen non Herzog und Plitt weiß, fast nur von Fachleuten eingesehen, während Laien sich fast nie bei ihnen Raths holen, davon ganz abgesehen, oaß die meisten Artikel in jenen fast nur „für die Leute vom Bau" geschrieben und dem Laien daher beinahe unverständlich sind. Eine fesselnd geschriebene, nicht allzu lange Broschüre dagegen regt an, erweckt beim Leser Interesse für den behatidelteu Gegenstand, jo daß man allmählich noch mehr derartige Geist und Herz erfreuende Lektüre wünscht, über das Gelesene in einer Mußestunde auch nachdcnkt und dadurch für die Sache gewonnen wird; Voraussetzung natürlich ist und bleibt, daß der Verfasser nicht plumpe Lobhudeleien der Personen und Dinge, die er behandelt, vorbringt, sondern ganz der Wahrheit gemäß berichtet und das verwirft, was vom modernen Standvnukte aus verwerflich ist, und höchstens es in Rücksicht auf Zeit und Ort zu entschuldigen sucht. Mein Vorschlag geht also dahin, daß ein mit genügenden Mitteln ausgestatteter Verein gegründet werden möge, zu dem die Mischen Gemeinden, je nach ihrem Können, einen Beitrag zu liefern Hütten, der sich die Massenverbreittmg gliter, im besten Sinne populär geschriebener Schriften über Juden und Jlldenthum zur Aufgabe niachc; solche Schriften müßten an Jllden und Christen geschickt werden, und zwar an solche, von denen man annehmen kann, daß sie einigermaßen urtheilsfähig sind, und die so lernen würden, daß auch das nachbiblische Juderithtun bis auf unsere Zeit eine Kulturmission gehabt und noch habe und weit besser sei, als es unsere Feinde, seit Apiou in Alexandrien und Tacitus in Rom bis auf Rohling und Stöcker in unserer Zeit, cs dargestellt haben und noch darstellen, und unsere Glaubensgenossen endlich die Religion ihrer Väter achtelt und liebelt lernen. Was sollen und können wir für unsere Töchter thun, wenn sie unverheirathet bleibend Von Regina Reißer. In lmserer Zeit, wo Einfachheit und Genügsamkeit immer mehr schwinden, wo die gesteigerten Lebensansprüche es dem Manne mehr und mehr erschweren, auf sicherer materieller Grundlage sich einen eigenen häuslichen Herd zu errichten, sehen wir oft die sorgenvollen Blicke nicht oder wenig begüterter Eltern auf ihren Heranwachsenden Töchtern ruhen und in stuminer, banger Frage denken: „Wie sollen, wie können wir am besten für Eure Zukunft sorgen, für den Fall, daß Euch das Loos beschieden, unverheirathet zu bleiben?" Die Liebe der Eltern und besonders der jüdischen Eltern zu ihren Kindern ist unbegrenzt; sie ist die edelste, treueste Liebe auf Erden, weil sie die selbstloseste ist; sie fordert nichts, sie giebt nur; kein Opfer ist jüdischen Eltern zu groß, keine Entbehrung zu hart, keine Mühe zn schwer für ihre Kinder; ihr Herzbltit würden sie tropfenweise freudig dahin geben, könnten sie mit demselben das Glück und das Wohlergehen ihrer Kinder erringen! Sorget Euch nicht tim die Zukunft Eurer Töchter, Ihr treuen, aufopfernden Eltern, aber folget der Mahnung der Zeit, die da gebieterisch fordert, den Mädchen eine gründliche Ausbildtntg ztt geben; alle Fähigkeiten des Geistes und Gemüthes, jedes Talent, das sich zeigt, sollen und müssen beachtet, ansgebildet werden. Fort mit dem Dilettantismus! Was unsere Mädchen lernen, sollen sie auch gründlich lernen, nicht von Diesent und Jenem ein bischen naschen! Wir sprechen von Ueberbürdung der Knaben uitd freuen uns, daß die Schulreform dieselben zu entlasten bestrebt ist; meines Erachtens nach sind die Mädchen bei Weitem mehr überbürdet, und zwar durch das Dilettiren in den verschiedenen Fächern lernen die Mädchen bei Weitem mehr in verhältnißmäßig kurzer Zeit als die Knaben. Während wir froh aufathmen, wenn unsere Knaben nach treuer Pflichterfüllung sich draußen im Freien herumtummeln können, verkürzen wir unsern Töchtern die karge Mußezeit durch vorwiegeitd sitzende Beschäftigung bei feinen Handarbeiten oder Klavierübungen. Wahrlich, unserer ohnehin zur Bleichsucht neigenden weiblichen Jugend frommt dies wenig; möchte man lieber bedacht sein, daß der Körper sich durch Bewegung in Gottes freier Natur, durch gymnastische Hebungen kräftige, auf daß der gesunde Geist unserer Töchter auch in einem gesunden Körper wohne! Neben dein Wahlspruche „liebet Alles die Pflicht"') müßte jede verständige Mutter ihrer juitgen Tochter noch zwei andere bcherzigenswerthe Sprüche mit auf den Lebensweg geben, und ztvar: „Lehre uns unsere Tage zählen, daß wir weisen Herzens werden", dahin zu bethätigen, daß sie die Zeit ihres Daseins ausnutze, lernend unb strebend, und wie weiland Kaiser Wilhelm I. „nie Zeit habe, müde zu sein!" Die Grundpfeiler weiblichen segensreicheit Walteus und Wirkens sind: in nimmermüder Thätigkeit, wo es auch sei, zu Nutz und Froinmeit der Umgebung den Platz richtig auszufüllen, an welchen sie die Vorsehung gestellt hat. Wo eine besondere Anlage, ein ansgesprocheites Talent vorhanden, eine Neigung in der Seele des jungen Mädchens sich regt, Kräfte und Fähigkeiten zu üben und auszubilden, tun dieselben dereinst verwerthen zu können, verabsäume mait keineswegs, diesem Wunsche und Drange Folge zu leisten; denn nicht nur das juitge Mädchen, sondern auch die Witttve, — da in unserer Zeit es so manchem sorgsamen Hausvater unmöglich wird, die Zukunft seiner Familie zu sichern, — werden alsdann gegen die Wechselfälle des Lebens gefeit sein, können in Zeiten der Nvth für sich und ihre Familie zum Segen ihre Fähigkeiten verwerthen. Ich kannte eine wohlhabende, jüdische Familie, ein kinderreiches Haus; die Töchter hatten je nach Veranlagung eine vorzügliche Ausbildung genossen, waren an Lebensgenuß jeder Art ge- und verwöhnt. Durch verschiedeite Unglückssiillc brach der Wohlstand des Hauses zusammen, die Eltern starben kurz nach einander; nun das Leben sie rauh anpackte, stichten die Töchter ihre sorgfältig aus- ') Von der im August 1892 verstorbeueu Sophie Verena erschieit vor ca. 20 Jahren ein Ronian unter obigem Titel.