Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
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Ein anderer, ein hoher Reichsbeamter und früherer Universitätslehrer, der wegen seines Glaubens nur mit Mühe seine jetzige Stellung zu erlangen im Staude war, hat es für gut befunden, wenigstens seine Kinder, „da sie doch keine Jude» mehr wären", Christen tverde» zu lassen, damit ihnen wenigstens ihr Glaube bei der Karriere nicht hinderlich wäre. Hub so könnte ich eine Menge anderer derartiger Beispiele anführen, um zu zeigen, daß nicht etwa die Ueberzeuguug von dem Borzuge der fremde» Religion vor der angestammten den Uebertritt zur erster» bei den Allermeisten, wenn nicht bei Allen, veranlaßt habe, sondern die Gleichgiltigkeit gegen jede Religion überhaupt und der Mangel an Ehrfurcht vor dem Glauben und dem frommen Lebenswandel der Ahnen und Urahnen. Und dabei sind und bleiben die Apostaten in den Augen ihrer neuen „Glaubensgenossen", sobald sie sich irgend Etwas haben zu Schulden konnnen lasse», und wäre es auch das Geringste, „Juden" — ich hätte beinahe gesagt, ganz im talmudischeu Sinne: sin biOS?1 KtsrfiP wie mir diejenigen zugcben werden, die solche Verhältnisse kennen, in denen Vollblutchristen Kollegen von getauften Juden sind oder „Judenstänunliugeu", um im antisemitische» Jargon zu sprechen. Doch sei dem, wie ihn, wolle, die Thatsache steht fest und ist nicht wegzubringen, daß der religiöse Jndisserentismus im nüttel- und westeuropäischen Judenthum weit verbreitet ist, und daß daher die Gefahr nahe liegt, daß noch mehr von ihm abbröckelte/ wenn nicht diesem Prozeß auf irgend welche Weise vorgcbeugt würde. Die Frage ist nur, wie das geschehen soll. Es sind in dieser Hinsicht viele Vorschläge gemacht worden. Unter Anderem schlug man als Heilmittel vor, das so sehr vernachlässigte Studium des Hebräischen zu heben; ja, man ging soweit, wie z. B. der Herausgeber der jüdischen Encyclopädie Herr I. Singer in Paris in der „Allgemeinen Zeitung" einmal gemeint hat, von jedem uutcrstiitzungsbcdürftigeu jüdischen Studenten zu verlangen, er müsse ein Zeugniß beibringe», daß er auch alttestamentliche Collegia neben seinen Fachstudien mit Erfolg gehört habe. Rur schade, daß ein derartiges Verlangen auf einer völligen Unkenntnis; akademischer Verhältnisse — wenigstens dentscher — beruhen kann. Wie soll beim besten Willen der Mediziner, der den größten Theil des Tages auf dem Präparirboden, oder in vorgerückten Semestern in der Klinik, oder der Chemiker im Laboratorium, und der Jurist endlich im Colleg bald über diese und jene juristische oder natioualökononüsche Materie sinnen muß, die Zeit hcruehmcn — wenn er nicht sein Fachstudium vernachlässigen will — mit noch theologische Vorlesungen zu hören, da beide schon in der Zeit kollidireu, und da in alle» vier Fakultäten die Hauptcollegia zu ein und derselben Zeit gelesen werden. Ganz abgesehen davon, daß aas, was der christliche Theolvg auf der Universität bei noch so eifrigem Colleghören an hebräischer Kenntnis; erwirbt, äußerst gering ist, da bekanntlich der deutsche Professor vor lmiter Einleitung zum betreffenden Schriftsteller und der Erörterung aller möglichen kritischen, exegetischen und historischen Fragen zur eigentlichen Uebersetzung und Erklärung desselben wenig oder gar keine Zeit behält. Ich will aber gar nicht in Abrede stellen, daß es höchst wünschenswerth wäre, wenn jeder, wenigstens gebildete Jude die Sprache seiner Religionsbücher und vor Allem seiner Gebete verstünde, und ich bedauere von Herzen den, der den Jesajas oder den Hiob oder die Psalmen nicht im llrtext zu lesen und ihre Herz und Geist erhebenden Schönheiten nicht zu würdige» versteht, da jede, »och so gute Ucbersetzung nichts weiter ist, als, wie ein geistreicher Mann einmal sagte, gleich der Kehrseite der Tapete. Aber, wie die Verhältnisse einmal liegen, d. h. da der moderne Jude mit Recht vor Allem an der Bildung und Kultur seiner Zeit Theil haben will, die allein schon de» ganzen Menschen in Anspruch nehme», wird der Wunsch, des er auch das Hebräische so beherrsche, wie es bei unseren Glaubemgenossen in Polen und Rußland meist der Fall ist, im wahrst, Sinne des Wortes ein frommer bleiben. Ein anderer Vorschlag, der in diesem Blatte öfter gemacht wurde um das Interesse der Juden für ihre Religion und ihre Geschick ,, zu wecken, ist: Litteratur-Vereine zu gründen. Letztere setzen abu voraus, daß man überhaupt weiß, daß es eine Litteratur fließt. Und wie viele moderne Inden haben auch nur die leiseste Ahnung ve„ einer jüdischen Litteratur, außer der Bibel? Scho» deswegen nickt, lveil sie in einer ihnen unverständlichen Sprache verfaßt ist. Diesen Hebet will mau nun abhelfen, und ein jüdischer und ein christlich/! Gelehrter, der Rabbiner Winter und der Professor Wünsche, flebui seit einiger Zeit im Verein mit mehreren namhaften jüdischen E lehrten eine Anthologie heraus aus der jüdischen Litteratur seit A/ schluß des Kanons, „daß auch der Laie", lvie es im Prospekt heir, „sich mit dem vertraut mache, was die jüdische Litteratur hervo gebracht hat." Ob das aber viele Laien unter Juden: Kaufleul Aerzte, Juristen, Schriftsteller ec., thun werden, wage ich zu b zweifeln, schon aus dem einfachen Grunde, weil die genannte:! Menschenkategorien es vorziehen werde», in ihren Mußestunden fia mit modernen Tagesfragen zu beschäftigen oder an leichter Lektii: sich zu ergötzen, als sich in eine Welt zu versetzen, der sie längst ein fremdet sind. Oder irre ich? Es soll mich freuen, wenn das de Fall ist und ich eines Besseren belehrt werde. Die Frage ist nun, sollte dem Uebelstandc, d. h. dem unleugba vorhandenen Jndisserentismus gerade unter gebildeten Juden gm nicht abzuhelfen sein? Ich glaube doch. Nur nicht auf dem vor geschlagenen Wege, sondern in ganz anderer Art und Weise: Kürzlick hat ein jiidischer Lehrer in der „Allgem. Zeitung des Judenthums in schlichten Worten erzählt, wie er bei seinen Schülern das Interest für den jüdische» Religionsunterricht dadurch zu wecken wußte, dir er ihnen gewisse Partiee» aus der jüdischen Geschichte vortrug, disie fesselten, und die auch die Eltern der Schüler herbeilockteu, s daß er hoffen durfte, künftig seinen Zuhörern auch die Hauptlehre: der jüdischen Religion darlegen zu können. Und hier, glaube ich, ist eben der Hebel auzusetzen; nicht b(o mündlich, im Schulunterricht der Jugend, sondern auch schriftlich, d. h. durch Massenverbreitung guter, von namhaften jüdischen Gelehrte: und Schriftstellern — an denen es uns doch, Gott sei Dank, »ich. mangelt—verfaßter Schriften, sind die Laien, zu denen doch der größte Theil der modernen Inden gehört, zu belehren, so über die Helden hafte Geschichte ihrer Ahnen im Alterthum und im Mittelalter, wi sie trotz aller Noth und Drangsale von allen alten Völker», di längst untergegaugen sind, sich erhalten haben; wie sie allen Versuchungen zum Trotz, mitten unter einer fast noch heidnisch gesinnte: Bevölkerung den Gedanken an einen einzigen, unpersönlichen rein geistigen Gott hochgehalten haben; wie die ganze eivilisirte Mensch' heit das Höchste und Heiligste im Staate und in der Gesellschaft das Sittengesetz dem Judenthum verdankt; daß der oben augedeuteü jüdische Gottesgedauke, wie er seit Maimonides in den dreizehi Glaubensartikeln und noch früher fixirt ist, der ist, dem sich die ncnreformatorische Bewegung auf christlicher Seite nähert, und das schon darin allein Beweis genug liegt, daß wir unter den Kultum Völkern wohl eine Mission haben. Daß dieses und Aehnliches, wie eine gemeinfaßliche, in gefälliger Form gehaltene Darstellung über den Talmud, ohne jede Schönfärberei, und über die litterarischeu Leistungen der Juden im Mittelalter, von denen doch die wenigsten unter unseren Glaubensgenossen auch nur eine leise Ahnung haben weit mehr beitragen würden, Interesse für seinen Stamm und die