Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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317 fast gar feint Zromberg im : von König vie Frankeni Tode; die einen Antrug enburger war ichstage. T r acobi käinpslt )es deutschr» tschen Reichest er mehrere Vicepräsideü! t Königsberg eter und ii»t ür die Rechte Rechts ur ii smal in de» Deutschland» i der einheüit. Morgen , opferte ihr : Vorlage da it zu nehmen, Mitarbeiter! Einheit unb Mitglied und durch seinen flndenken a;- )e durch den : besteht eine ersprießlicl» t den Lesern :t Gedächtnis! wurde, dag Münzrefori n das er seit Männer sin er Judenhen bescheidener igrüßt, wenn eten. Heme lichen Leben s ist daher cischeu Leben «en, gewöhn idank ernten, ein Undani, ten ausgehl, n wieder d ändigung an wegen auL!s stets zun; in Männern iß ausgeübr, r öffentlichen jaraktere be Wer religiöse Indifferentismus im Iudenthum. Von Dr, I. Babad, Bibliotheks-Kustos in Greifswald. Fast in jeder Nummer dieses Blattes findet sich da und dort eie Klage, daß unser inodernes Jndenthum jedes Stammesgefühl verloren habe, nichts wisse und auch nichts wissen wolle von seiner glorreichen Vergangenheit, vor Allem aber gleichgiltig sei gegen die ■ rligion seiner Väter, die um materieller Vortheile willen mit einer räderen zu vertauschen jenes sich nicht das geringste Gewissen mache. Liegt dieser Klage, wie sich leider nicht leugnen läßt, und wie eie Taufstatistik der letzten Jahre zur Genüge zeigt, ein berechtigter .gern zu Grunde, und soll der jüdische Jndifierentismus keineswegs »schuldigt oder gar in Schutz genoinmen werden, so darf man doch . äst vergessen, daß die Gleichgiltigkeit in religiösen Dinge» nicht etwa »ezifisch jüdisch, sondern die Signatur unserer Zeit ist. Auch über »isere christlichen Mitbürger hört man, nicht blos von theologischer - eite — denn Theologen haben immer gegen die „sündige Menschheit" »eifert — sondern von denkenden Laien über religiösen Jndifferen- :ismus klagen. So sagt, um nur Einiges anznführen, der bekannte englische »atnrforscher und theologisirende Schriftsteller Drummond, in der »inleitung zur Schrift „Pax yobiscum“: „Wir wissen wohl gar nicht, ,»e sehr unser religiöses Leben aus Redensarten besteht, wie sehr das, >as wir unser Christenthum nennen, nur ein Widerhall unseres »blichen Wortschatzes ist, ein frommes Gerede mit gar wenig Inhalt » unserem Haben und Sein." Man denke: Sv etwas wird den, äußerlich wenigstens, frommen und scheinheiligen Engländern vorgeworfen. Aber noch weit ungünstiger sind in dieser Beziehung die Veraltnisse in Deutschland. In einem Aussatze über „die Behandlung ■»4 Lebens Jesu in den höheren Lehranstalten" beginnt ein Schul- »um (Jahrbücher f. klnss. Philol. u. Pädag., 1892, II., S. 173) »in Thema mit folgenden Worten: „Die seit Jahrzehnten gemachte Beobachtung, daß Schüler unserer höheren Lehranstalten, wenn sie 'er Zucht derselben entwachsen sind, sehr häufig Gleichgiltigkeit, ja »gar Abneigung gegen religiöse Dinge zeigen, daß also die religiöse »ildung in dem späteren Leben sich nicht nachhaltig erweist, hat zu rüsten Bedenken Veranlassung gegeben." Und in einer Besprechung aer jetzt viel genannten „ethischen Bewegung" heißt es im „Volkswohl, Irgan des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen. Öerausg. von V. Böhmert" (1892 Nr. 41, S. 179): „Man stößt aber mcht nur in den unteren und mittleren, sondern auch in den höheren st lassen und unter den Gebildeten der Nation auf eine ungewöhnliche Gleichgiltigkeit gegen Kirche und Religion." Doch kann man eigentlich von religiöser Gleichgiltigkeit seitens unserer Glaubensgenossen wohl nur von den in Westeuropa wohnenden iprechen, wo eben, wie gesagt, die christliche Bevölkerrmg auf dem- »Iben Standpunkte steht, während in Osteuropa, wie in Polen und Rußland, wo die katholische resp. die orthodoxe Kirche im Leben der vesammtheit wie des Einzelnen eine bedeutende Rolle spielt, auch von jüdischem Jndifferentismus in religiösen Dingen, nur ganz vereinzelte Fälle ausgenommen, kaum die Rede sein dürfte. Hat ja gerade in den genannten Ländern, wie männiglich bekannt ist, vor ungefähr hundert Jahren der Chassidismus mit allen seinen Auswüchsen so tiefe Wurzeln schlagen und immer weiter und weiter sich unter den Juden ansbreiten können, daß er fast unausrottbar zu sein scheint. Ja noch mehr: Finden sich doch bis ans den heutigen Tag in der ganzen europäischen Judenheit die kabbalistische Weltanschauung und der aus ihr hervorgehende krasseste Aberglaube, die unserer modernen Kultur und Wissenschaft geradezu Hohn sprechen, nirgends so verbreitet, als gerade unter den Juden in Osteuropa! Und der Grund dieser Erscheinung ist eben der, daß dort auch die Nichtjuden dem Glauben nicht blos, sondern auch einem finstern, wahrhaft mittelalterlichen Aberglauben ergeben sind. Der Vorgang ist übrigens ganz derselbe, wie er bereits im dreizehnten Jahrhundert in dem bekannten „Buch der Frommen" geschildert wird (8 1106): „Das Verhalten der Juden," heißt es da, „richtet sich in den meisten Fällen nach dem der Christen." (S. Güdemann, Geschichte des Erziehungsweseus und der Kultur der Juden in Frankreich und Deutschland. Wien 1880. S. 187.) Wer die in der „Allg. Zeitg. d. Jdth." kürzlich erschienenen „Briefe aus Amerika" van Dr. G. Deutsch in Cincinnati aufmerksam gelesen hat, daß unter Anderem — ich wähle eilt beliebiges Beispiel — „die Revivals, ein protestaulisch-pietistische Einrichtung, die darauf hinausgeht, eine religiöse Verzückung bei den Theilnehinern hervorzubringen, auch ins Jüdische übersetzt werden" (s. „Allgem. Zeitg." 1892 Nr. 39 S. 463), und wie überhaupt dort das Judenthum nach amerikanisch-christlichem Muster zugestutzt wird, der wird finden, daß auch heute, ja noch in höherem Maße als früher, weil die Berührungen zwischen den Bekenner» der beiden Religionen weit stärker sind als im Mittelalter — das Verhalten der Juden sich richtet nach dem der Christen, in Bezug ans den Glauben sowohl, wie auf den Unglauben oder den Jndifferentismus. Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß letzterer, so lange der Staat einen, wenn auch noch so leisen religiösen Zwang seinen nichtjüdischen Uuterthanen gegenüber ansübt, indem er z. B. den nicht anstellt oder im Amte nicht befördert, der sich nicht kirchlich trauen oder seine Kinder nicht taufen läßt, was thatsüchlich vorgekommen ist und noch vorkommt, — lange nicht in dem Maße dem Christenthum Abbruch thun kann, als der jüdische Jndifferentismus dem Judenthum. Wie viele unserer Stammesgenossen gehen zum Christenthum über, nicht aus Ueberzeugung, nicht, ich möchte sagen, aus einem inneren Herzensbedürfnis; — „noch nie hat ein Jude aus Ueberzeugung sich taufen lassen," hat einmal nicht etwa ein rechtgläubiger, eifriger Jude, sondern der bekannte frühere Missionar, der Parteigänger Stöckers, Pastor de le Roi, einem mir bekannten evangelischen Professor der Theologie gesagt — sondern weil ihnen jede positive Religion, vollends Synagoge und Kirche von Herzen gleichgiltig sind, weil alles religiöse Gefühl bei ihnen erstorben ist, und ihnen mehr daran liegt, »in jeden Preis Karriere zu machen, als Charakterfestigkeit zu zeigen, da sie nicht die geringste Pietät für den Glauben ihrer Ahnen haben, die ohne Scheu das Leben selbst in tausend und abertausend Fällen ihrer religiösen Ueberzeugung zum Opfer gebracht haben. Andere hinwiederum, „sogenannte Juden", nehmen wohl selbst Anstand, die Fahnenflucht zu ergreife», wie Gutzkow im „lind Acosta" nur zu wahr die Annahme der Taufe jttdischerseits bezeichnet, führen aber ihre Kinder, um ihnen jedes Hindernis; auf ihrem Lebenswege zu beseitigen, der Kirche zu, ohne z» bedenken/ daß schon ihre Enkel nicht blos sich ihrer jüdischen Großeltern schämen, sondern die schlimmsten Antisemiten werde» würden, was ich mehr als ein Mal im Leben zu beobachten (Gelegenheit hatte. Leider sind diese Uebcrlüuser gerade unter gebildeten und gelehrten Inden, d. h. in allgemeinen Wissenschaften, deren Kenntnisse aber in der jüdischen Geschichte und Litteratur gleich Null sind, am meisten zu finden. So kenne ich einen namhaften Naturforscher jüdischer Abstammung, der vor Kurzem von einer kleinen Universität nach einer großen versetzt, nichts Eiligeres zu ihn» hatte, als auf dem Wege zur letzteren sich und seine ganze Familie taufen zu lassen.