Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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315 Au den Mahlen. Berlin, 4. Juli. Abgesehen von de» wenigen Nachwahlen ist der Wahlkampf nun Ende und das Resultat fordert zu ernster Prüfung auf. Gerade;sv Jude» haben die Pflicht, dem diesmaligen Ergebnis; eine sorg- - llige Aufmerksamkeit zu widmen. Wie wir auch zu den politischen : avteie» stehen mögen, die Thatsache trifft uns als Juden, daß in >» neuen Reichstag 17 Abgeordnete sitzen, die speziell als; ffere Feinde gewählt sind; gewählt sind mit dem Auftrag, unsere > »atsbürgerliche Gleichheit zu schmälern. Wir müssen eingestehen, daß .fe Thatsache ein Wachsen unserer Feinde bedeutet, denn im auf- , »osten Reichstag saßen nur Ü antisemitische Abgeordnete; aber bei einer / nancre» Prüfung der abgegebenen Stinimen zeigt sich bald, daß v Erfolg unserer Gegner nicht so erschreckend ist, als es scheint. Die Zahl der abgegebenen antisemitischen Stimmen beträgt etwa »,000, nicht, wie die Tagesblätter irrthümlich meldeten, eine halbe allion. Im ersten Wahlgang wurden überhaupt nur drei antiuitifdje Abgeordnete gewühlt, die anderen verdanken ihren Erfolg :r der Ilnterstützung anderer Parteien, die oft in den seltsamsten Mitioncn sich zeigte. In Sachsen einigten sich alle Parteien, um t Antisemiten in den Stichwahlen zu helfe» gegen die Sozialnotraten, in Hcsien fanden sie sogar die Unterstützung der Jrei- .nigen gegen die Nationalliberale», nachdem die dort aufgestellten utbibaten der „freisinnigen Volkspartei" unterlegen waren?) Drei Centre» hat die antisemitische Betvegung, das hat sich sinal gezeigt, in Berlin, in Sachsen und in Hessen. In Berlin haben unsere Feinde keine Erfolge zu verzeichnen; haben mir den Sozialdemokraten die Wege geebnet; ihre eigenen limmen haben die Zahl der bei früheren Wahlen abgegebenen noch »cht erreicht. Die von Berlin aus betriebene Agitation hat in den nachbarten Kreisen ebenfalls keine Gewinne erzielt; nur Ahlwardt , aber dieser auch gleich doppelt gewühlt. Jndeß er hat nicht mit ndcnhaß diesmal seine Erfolge erzielt; er dankt sie einfach dem /»sprechen an seine Wühler, „würde er gewühlt, dann kostete der chnaps statt 10 Pfg. nur noch 1 Pfg. das Glas." Nun ist er mahlt, jetzt verlangen seine Leute den billigen Schnaps, und da sie » nicht bekommen, lassen sie sich, wie in Neustettin, zu Ausschrei- »ngen Hinreißen. Ahlwardt aber, der Schützling der Konservativen, cklärt, nicht die Inden allein, vielmehr „die Juden und die unter" beuten das Volk ans, und er hetzt so trefflich gegen beide, 0; im dunkelsten Hinterpommern, in ihrer sichersten Burg, die »oßgrundbesitzer besiegt werden. Das ist die Nemesis, und wir mnm in den Erfolgen Ahlwardts keinen Grund zur Besorgnis; erniien, so lange er nur die Konservativen besiegt. Das zweite Nest unserer Feinde ist Sachsen. Die Konservativen »ichscns, die das Schächtvcrbot erwirkt und im vorigen Reichstag n Antrag gegen die ausländischen Inden gestellt, sind von der »ürfcren Tonart verdrängt worden; der Gewinn der Antisemiten »spricht genau dem Verlust der Konservativen, wir aber sehen auch »er keinen Grund zu besonderer Trauer. Nicht unsere Feinde sind ihlrcicher geworden, sie haben nur das Aushängeschild gewechselt, nd wir glauben: offene Feinde sind am leichtesten zu bekämpfen. Die interessanteste Gruppe der antisemitischen Wahlerfolge ist in »essen. Hier hatten sie 5 Sitze, und man sollte glauben, daß in eueu 5 Kreisen ihre Herrschaft um so sicherer hätte werden müssen. Beit gefehlt; die Stimmen unserer Feinde sind in den fünf -»kreisen um 4000 znrückgegangen, von 30,408 auf 26,470/ also um l 1 Prozent, und wenn sie trotzdem wiedergewühlt wurden, so dankten 0 Vergl. die Korrespondenz Berlin im „Gemeindeboten". sie dies, wie die in Hessen neu gewonnenen drei Sitze, eben der eigenthümlichen Konstellation, die der „Freisinnigen Volkspartei" die Antisemiten besser erscheinen ließ als die Nationalliberalen. Man kann aus den diesmaligen Wahlen aber noch eine lveiterc überaus wichtige Thatsache lernen. Die eifrige Abwehrthätigkeit, die an vielen Stellen gegen die Antisemiten geübt wurde, hat überall Erfolge bei den Wahlen gezeitigt oder doch mindestens in den betreffenden Gegenden die Ausbreitung des Antisemitismus verhindert. So ist in Hessen der Stimmenrückgang n u r der aufklürenden Thätigkeit der Abwehrvereine in Frankfurt und Marburg zu danken. Die von den Judenfeinden am heftigsten bestürmte Provinz Hannover hat sich trotz der unzähligen Versammlungen der Antisemiten, trotz aller Anstrengungen von Leuß, Danneil, Liebermann u. s. w. beinahe seuchenfrei gehalten, einfach weil in fast jeder Versammlung, die Jene abhielten, ihnen ein Gegner, Jude oder Christ, entgegentrat und ihre Lügen entlarvte, weil jedem Flugblatt der Antisemiten das entsprechende Gegenflugblatt nachgesandt wurde rc. Mit diesen Erfolgen der Abwehr vergleiche man die Situation in Sachsen, wo unsere Glaubensgenossen schon entmuthigt sich der Gegenwehr enthielten, oder in Hamburg-Altona, das, dank der Indolenz der dortigen Juden, ein Anschwellen der antisemitischen Stimmen von 335 im Jahre 1890 auf 10,810 zeigt. Nur eines Vergleichs zwischen Hannover und Hamburg bedarf es, um die Erfolge energischer Gegenwehr von unserer Seite genügend würdigen zu können. So dürfen wir uns denn resumiren: Gewiß ist die Zahl unserer Feinde gewachsen, aber nicht in dem beängstigenden Maße, wie es erst den Anschein hatte, und da wir jetzt wissen, daß Gegenwehr hilft, und bei den Wahlen gesehen haben, wo unsere gefährlichsten Feinde sind, dürfen wir hoffen, daß es energischer, zielbewußter Abwehrthätigkeit, an der sich freilich alle Juden und besonders ihre geistigen Führer, Rabbiner und Lehrer, betheiligen müsse», gelingen wird, den Stroni des Antisemitismus einzudammeu und ihm in jahrelanger, emsiger Arbeit seine Zuflüsse abzugraben. 9 Me jüdischen Parlamentarier in Neutschland. Von Sigmund Henmann in Fürth. Die Reichstagswahlen sind nunmehr vollzogen. 16 Antisemiten ziehen in den deutschen Reichstag ein. Drei sind doppelt gewählt. Als erster Antisemit erschien in demselben Stöcker 1885, er gelangte 1885, 1887 und 1890 mit Hilfe der Nationalliberalen hinein. Als zweiter im Bunde folgte Böckel 1887, ihm folgten 1890 Zimmermann, Lieberman», Pickenbach, Werner und 1892 Ahlwardt. Wie wenig antisemitisch die politischen Parteien vor 1885 waren, ergiebt ein Rückblick auf die Zeit von 1848—1885. Das bewegte Jahr 1848 ermöglichte den Juden den Eintritt in die parlamentarische» Körperschaften. Verschiedene Länder machten 1848 von diesem Rechte Gebrauch, so wählte Braunschiveig 1, Anhalt 1, Bayern 2, Preußen mehrere jüdische Abgeordnete. Später kamen andere Staaten nach, und wir führen in Folgendem die Namen der jüdischen Parlamentarier in alphabetischer Reihenfolge auf, fügen den Beruf bei und bezeichnen den Eiuzelstaat, in welchem die Wahl erfolgte. Sie geschah in das deutsche Parlament, das Zollparlament, de» deutschen Reichstag, das preußische Herrenhaus und in die Landtage der Einzelstaaten.