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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Antisemiten aus dem Wahlkampf gehen. In der Wahlperiode erfuhr man übrigens, daß auch in der Stadt Crone an der Brahe eine Abtheilung des Norddeutschen Antisemitenverbandes besteht; bisher hatte kein Croner von der Existenz eines solchen eine Ahnung. In die ^Bewegung für die Stichwahl, die hier zwischen dem Polen und dem Konservativen stattfindet, wurden zum ersten Male einzelne Konfessionen hineingezogen. So verwerflich eine derartige Visitation schon an sich ist, wird sie aber doch geradezu unerlaubt, wenn sie in eine Nöthigung ausartet. Und das war hier der Fall. Das „Bromberger Tageblatt" schrieb nämlich, daß hier sofort eine antisemitische Bewegung eingeleitet werden würde, wenn die Juden Faltenthal wählten. Diese verwerfliche V(gitationsmethode bedarf keines Kommentars. * Beuthen CV-3., 20. Juni. Heute steht die Bürgerschaft Beuthens an der Gruft eines verdienten Mannes, der mit seltener Hingebung und Aufopferung an der Entwickelung unserer Stadt ein ganzes Menschenalter hindurch thätig gewesen ist. Der Ehrenbürger Herr Joseph Richter hat in dem ehrenvollen Alter von fast 91 Jahren die müden Augen geschlossen. Die letzten Jahre seines langen Lebens hat er in Anbetracht seines hohen Alters in mehr stiller Zurückgezogenheit gelebt, nachdem er zuvor ein halbes Jahrhundert hindurch eines der rührigsten Mitglieder unseres Stadtverordneten-Kollegiums, lange Jahre hindurch aber sein Borsteher gewesen ist. 5 Jahrzehnte seines Lebens dem Dienste der öffentlichen Wohlfahrt weihen, im schlichten bürgerlichen Gewände, in selbstlosester Opferwilligkeit, das ist bisher nur wenig Sterblichen vergönnt gewesen. Herr Joseph Richter hat sich damit aber nicht nur den aufrichtigen Dank der Stadt, sondern vor Allem auch die wiederholte Anerkennung von Allerhöchster Stelle geerntet. Die anspruchlose bürgerliche Brust zierten zwei Orden, der Königliche Kronenorden und der Rothe Adlerorden, und die Stadt hat dem nun Verblichenen schon vor Jahren mit der höchsten Auszeichnung gedankt, welche für echte Bürgertugend verliehen werden kann: mit der Ernennung zum Ehrenbürger. Was die hiesige Synagogen-Gemeinde an dem Heimgegangenen verliert, davon hat bei der Beisetzungsfeier die ganze Gemeinde einnmthig Zeugniß abgelegt. * Arnowalde, 20. Juni. Wie wir hören, hat der Neuwedeller Synagogen-Vorstand beim Ober-Präsidenten in Potsdam Beschwerde eingelegt wegen des Betragens des dortigen antisemitischen Rektors Bamler, der in der Wahlagitation für den Landrath v. Barnstedt die schmählichsten Reden gegen Juden hielt und direkte Beschuldigungen sogar gegen einzelne Neuwedeller Bürger vorbrachte. X Hamburg, 20. Juni. Ter Geschäftsbericht des Israelitischen Stellenvermittl ungs-Berei ns zu Hambur g über das 1.Geschäftsjahr berichtet über die Generalversammlung am 25. April 1892 in Hirschels Hotel, in der die Konstituirung des „Israelitischen Stellenvermittlungs-Vereins zu Hamburg" stattgefunden. Der Vorstand suchte sich in geeigneter Weise eine genaue Uebersicht der Ansprüche der Herren Prinzipale, sowie der Fähigkeiten der Bewerber dadurch zu verschaffen, daß er einem jeden Prinzipal bei Anmeldung einer Vakanz einen Fragebogen (Auftragsformular) einsandte, in welchem derselbe neben anderen Fragen in der Hauptsache darüber Aufschluß gab, welche Kenntnisse der zu engagirende junge Mann besitzen, ob er branchekundig sein müsse, welches Gehalt, oder bei Lehrlingsvakanzen, ob freie Pension gewährt würde u. s. w. In dem vom Bewerber auszufüllenden Bewerbungsformular orientirt derselbe genau darüber, welche Schulkenntniffe er besitzt, ob resp. wann er militärpflichtig ist, wo er seine Lehrzeit absolvirte, in welchen Häusern und wie lange in jedem einzelnen er als Kommis thätig gewesen, wann und warum sein Fortgang erfolgte, ob bei dem Prinzipale Erkundigungen eingezogen werden dürften re. rc. In Folge dieser Formulare war es verhältnißmäßig leicht, den Prinzipalen geeignete Kräfte in Vorschlag zu bringen. Neben dem Bewerbungsformular mußte jeder Bewerber drei Schreiben einliefern, in denen er seinen Lebenslauf, seine Fähigkeiten u. s. w. beschrieb. Diese Schreiben wurden dann in geeigneten Fällen den Prinzipalen zur Prüfung unterbreitet. Um genügende Vakanz-Aufgaben zu schaffen, sandte der Vorstand 6 Wochen vor jedem Quartalsschluß (zur Kündigungszeit) Auftragsformulare an ca. 500 Firmen, von denen bekannt war, daß sie entweder all den jüdischen Feiertagen ihr Geschäft schließen, oder wenigstens die darauf reflektirenden jungen Leute an diesen Tagen von der Arbeit dispensiren. Sodann sandte er auch den Firmen, die speziell in den jüdischen Zeitllngen inserirten, Auftragsformulare mit einem zirkularartigen Schreiben, in welchem die Herren ersucht wurden, sich Offerten kommen zu lassen. Auch auf diese Weise erhielt er eine Anzahl Vakanzen. Tie Zahl der Mitglieder des Vereins betrug im ersten Geschäftsjahr 310 unt einer Beitragssumme von M. 1194. Die Einnahmen betrugen M. 1705.17. Die Ausgaben fast ebenso viel. Von Interesse ist auch die Statistik üb>r den Geschäftsverkehr. Dem Verein ist ferneres Gedeihen und thatkräftfte Förderung zu wünschen. Hannover, 21. Juni. Ich theile Ihnen mit, daß auch die vei wittwete Frau Geh. Rath Meyer Cahn der Erzi ehungsanstaU Ahlem einen Jahresbeitrag zugewendet hat, im Gegensatz zu den übrigen reichen Glaubensgenossen, die bisher indifferent geblieben sind. SDov Handelsminister Herr v. Berlepsch hat bei seiner Anwesenheit m Hannover vor einigen Tagen sich erkundigt, lvelche Fortschritte eine hiesige Erziehungsanstalt gemacht habe, die nach seinen Informationen dazil bestimmt sei, jüdische Knaben zur Bodenkllltur heranzubilden. Wahrscheinlich hatte ihm der hiesige Oberpräsident davon Mittheilmm gemacht. Nachdem die Kunde von der Begründung unserer Anstalt in solche Kreise gelangt ist, wird es für die deutschen Juden eine Ehrensache, dieselbe möglichst bald zur Blüthe zu bringen. 8 Aachen, 26. Juni. Herr Rabbiner Dr. Jaulus hat vor einigen Wochen ein Rundschreiben betreffs des Jllgend-Gottesdienstes an die Eltern der Schuljugend hies. Gerneinde gerichtet. Da dasselbe (uh eines guten Erfolges erfreute, lassen wir es in der Hoffnung, daß dahiesige Vorgehen auch in anderen Gemeinden Nachahmung finden wird, nachstehend folgen: „An die Eltern unserer Schuljugend. Ich habe das Bedürfnis, an die Eltern unserer Schuljugend auf diesen! Wege ein Wort freudigen Dankes, aber ebenso ein Wort ernster Bit!> zu richten. Dank dafür, daß die Eltern, überzeugt von der Wichtigen des seit zwei Jahren in unserer Gemeinde eingerichteten Jugend-Gottes dienstes, ihre Kinder zum Besuche desselben angehalten haben — ein? erfreuliche Thatsache, die mich ermuthigt, eine Bitte daran zu knüpfen Die Organe der hiesigen Synagogen-Gemeindeverwaltung haben infolge meines Antrages die Verlegung des hisher Samstag Nachmittag stattge fundenen Jugend-Gottesdienstes auf Freitag Abend, 7 Uhr, zunächst fftv die Sommermonate, beschlossen. Der Gottesdienst, dessen Dauer auf unge führ 3/4 Stunden bemessen ist, soll in möglichst feierlicher und erhebende'. Weise unter gesanglicher Mitwirkung der Jugend und verbunden mit An sprachen meinerseits zur Ausführung gelangen. Meine Bitte an die Eltern geht nun dahin, nicht allein, wie bisher, die Kinder zum regelmäßigen Besuche des Jugend-Gottesdienstes anzuregen, sondern auch demselben in Gemeinschaft mit den Kindern beizuwohnen. Väter und Mütter! Eure Kinder sind Euch das Theuerste, was Euch Gott geschenkt hat; deren Glück zu begründen, erkennet Ihr als Eure höchste Pflicht? Die Quelle alles menschlichen Glücks liegt aber im Gemüthe. Nicht besser könnet Ihr daher Eure Kinder zu gliicklichen Menschen erziehen, als indem Ihr ihrem Gemüthe reine Nahrung gebet, sorgfältige Pflege angedeihen lasset. Ich glaube aber nach vieljähriger Beobachtung der Kindesseele behaupten zu dürfen, daß es auf die Gemüther Eurer Kinder einen äußerst wohlthätigen und unvergeßlichen Eindruck machen wird, wenn Ihr sie jeden Freitag Abend ins Gotteshaus geleitet, dort in gehobene'. Stimmung neben ihnen weilet und sie wieder zurückgeleitet in Euer sabbathlich geschmücktes Haus, vor Euren sabbathlich Hergerichtelen Tisch. Dadurch würdet Ihr Euren Kindern etwas bieten, was ihnen und Euch zürn Segen wird. Väter und Mütter! Keiner von Euch würde die schwere Verantwortung auf sich nehmen, seine Kinder ohne Religion aufwachsen zu lassen, in der Ueberzeugung, daß der Mangel an Religion für den Menscheu verhüngnißvoll werden muß, der Besitz derselben für ihn nur heilsam sein kann. Religion besitzt aber nur derjenige, in dessen Gemüth sie tiefe und starke Wurzeln geschlagen hat. Das häusliche Leben und der Religionsunterricht in der Schule können das heutzutage leider nicht allein zuwege bringen. Die lebhafte und freudige Theilnahme am Gottesdienste, wie er hier für Freitag Abend eingerichtet werden soll, dagegen kann dem kindlichen Gemüthe das ersetzen, was es sonst entbehren muß, die Theilnahme an einem Gottesdienste, der erst durch die Anwesenheit der Eltern recht wirksam und erfolgreich wird. Darum bitte ich Euch noch einmal, Ihr Väter und Mütter, kommet mit Euren Kindern ins Gotteshaus, mag es Euch zunächst als Opfer erscheinen. Ihr bringet ja sonst so viele und große

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