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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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312 Lehrreich ist der Vergleich; — deshalb erlaube ich mir diese Abschweifung. Man beachte das religiöse Motiv in der Davidsage, das kulturhistorische im Mythos Simon den Jochars, die sozialpolitische Pointe im Barbarossa-Märchen, welches die dauernd unbefriedigte Sehnsucht eines Volkes verkörpert. Ja, selbst in der so sinnlichen „Braut von Corinth" wird man auf die Höhe geistiger Weltanschauung gehoben durch den Gegensatz zwischen lebensfrohem Heidenlhum und asketischem Ehristenthum, wobei es deutlich fühlbar wird, cmf wessen Seite Goethe's Sympathie sich befindet. Religion also, .Kultur, Patriotismus und Weltbürger thum bilden den ernst-sinnigen Hintergrund, welcher den alten Mythen Wörme und Würde verleiht. Die moderne Gespenstergeschichte aber — mit und ohne Geist — dient nur dem Sinnenkitzel. Doch gicbt es Ausnahmen. Im jüdischen Volksleben nämlich. Und nun will ich die kleine Geschichte erzählen, die ich neulich hörte. In Blankenrode am Harz lebte ein schlichter jüdischer Mann. (Großvater des Rabbiners i» K.). Kein reicher Mann, aber auch kein eigentlich armer Mann, sondern einer, der sich redlich und ruhig, Tag für Tag sein Brod verdienen ging: er war nämlich Hausirer. Aber er war zugleich ein Laindcn (Gelehrter). Damit er auf seinen weiten Wegen zwischen den Dörfern und Städtchen hin und her nicht zu viel Zeit für das Studium verliere, hatte er eine sinnreiche Einrichtung getroffen. Der Träger seines Waarenkastens erhielt über demselben auf dem Rücken ein gut befestigtes Brett mit einer kleinen Leiste, und auf diesem Brett lag die aufgeschlagenc Gemara (ein Band des Talmuds). Während der Wanderung ging der Träger voran und sein Herr hinterher — wir wollen ihn Hirsch nennen, Hirsch Blankenrode, zum Unterschied von den vielen anderen Hirschen — Jenen: dicht auf der Ferse, die Arme über den Rücken gelegt, den Kopf geneigt, die Lippen bewegend, die Augen zwar ans die Schrift geheftet, aber der Blick wie nach innen gerichtet, der Körper in einem gewissen, sanft wiegenden Gang, ohne Hast und ohne Rast, sich vorwärts bewegend; so sehe ich ihn vor mir. In der Phantasie nämlich, denn meine leiblichen Angen haben solchen Mann leider nie gesehen. So „lernt" er seine Gemara, mitten im Gehen. Sonntag früh wunderte er von Hause fort; — am Sonntag erwarteten ihn die Bauern und besonders die Bäuerinnen am sehnsüchtigsten, und die Dirnen gar! da wurde er seine Ellenwaare und seine bunten Bänder im Handumdrehen los; — Freitag Nachmittag kehrte er wieder heim. War er die Woche iiber der unverdrossen wandernde und sich mühende Handelsmann, so verwandelte sich bei der Rückkehr in seinen Hcimathsort sein ganzes Wese». Der Gebückte richtete sich ans, legte frische Kleider an und ans dem Hausirer wurde der Herr des Hauses, das Haupt der Familie, der zärtliche Gatte, der verehrte Vater. Nichts von des Tages Last und Mühe mehr! Er gehörte wieder sich selbst und seinen Lieben. Nachdem er sich so äußerlich verändert, das dürftige Gewand abgelegt und Festtagskleider ungezogen, war sein erster Gang in die Synagoge. Bon da zurückkehrend, verbrachte er von Freitag Abend bis Sonnabend Abend ein neues Leben voll gemessener Heiterkeit und froher Feierlichkeit. So lebte er Jahr ans, Jahr ein. In den vierundzwanzig Stunden, in denen Hirsch Blankenrode daheim war, hatte er übrigens viel zu thu», keine Arbeit, behüte, aber frommen Dienst für seine kleine Gemeinde, deren unbesoldeter Rabbiner er war, da ihre Armuth ihr nicht gestattete, einen besoldeten zu halten. Ja, cs kam vor, daß er auch einmal Wochentags zu Hause blieb und seinen Verdienst im Stich ließ, wenn er eine Trauung oder ein sonstiges unaufschiebbares Ehrenamt zu vollziehen hatte. Fünfzig Jahre zogen in dieser Weise still dahin, ohne irgend! eine Unterbrechung oder Störung. Pünktlich wie der Zeiger an der! Uhr kam Hirsch Freitag Nachmittag zur bestimmten Stunde in seiiikl Gasse herein, und zur bestimmten Stunde Sonntag früh ging a wieder zur Gasse heraus. Eines Freitag Nachmittags kam Hirsch Blankenrode nicht wird« .Die Viertelstunde, die Halbestunde, die volle Stunde, in dri er zu kommen pflegte, war vorüber — p# Hirsch! Der Abend senkte sich. Todtenblaß stand die Frau auf der Schwelle und rang verstohlen unter der Schürze die Hände. Doch klagte und weinte ,,< nicht, um nicht den Sabbath zu entweihen. Die Kinder (die jüngere,,,! die älteren waren längst aus dem Hause) guckten ganz verdutzt und drückten sich in den Winkeln herum und wußten nichts mit sich anzufangen. Wo blieb denn der Vater, der ans der Synagoge kommend, die lieben Hände ihnen immer so sanft aufs Haupt legte zum Benschen! War denn heut wirklich richtiger Schabbes ohne Vatersegen? Als die Nachbarn aus der Synagoge herauskamen, in der zum ersten Mal ihr Rabbiner fehlte, versammelten sie sich um die noch immer ganz verstört dreinstarrende Frau und Einer versuchte den Anderen zu beruhigen. Er habe sich verspätet, — vielleicht den Fm; verstaucht? Oder einem Andere» wäre Etwas passirt, und er s i einen Doktor suchen gegangen! Oder habe Etivas verloren! Er wiirde schon kommen, später in der Nacht- Die Nacht brach herein, er kam nicht. Die Männer kehrten zun, größten Theil in die Synagoge zurück und verblieben daselbst i„ größter Sorge und steigender Besorgniß. Wenn wenigstens ein,' Botschaft gekommen wäre! Die Morgendämmerung brach herein, die Sonne ging auf, de, Sabbathmorgen war da, aber kein Hirsch Blankenrode! — Wegen des Sabbaths konnte man ihn nicht suchen (denn man durfte ja von der Stadt aus nicht über zweitansend Ellen — den Tchum — hinausgehen!). Als aber der Sabbath zu Ende war, gingen verschiedene Trupps von Männern und Knaben hinaus und vertheilten sich auf den Wegen, die er zu gehen pflegte. So wendeten sich einige der Suchenden nach den Nachbardörfern, andere gingen in den Wald. Während ihre Augen überall hin spähten, murmelten sic nach gewohnter Art fromme Sprüche oder sagten Psalmen. Unwillkürlich, in der Bcdrängniß ihrer Seele, sagten sie die auf Tod und Leiden bezüglichen Psalmen, oder wie's im Volke heißt: Tillinn — und gelaugten au den 31. Psalm; als sie nun vom sechsten Vere die ersten Worte sprachen (welche auch Jesus ausgerufen haben soll Lucas 23, 40): 'NN "rpBX "sN'2 In deine Hand befehle ich meinen Geist-da ging ein Rauschen durch den Wald und ein, Stimme vollendete den Vers: Jj-IEX 'NIX NN'NL —Du hast mich erlöst, Ewiger, Goti der Wahrheit! Erschüttert standen die Männer still, dann aber gingen sie der gehörten Stimme nach und fanden den Gesuchten in seinem Blut, liegend, — als erstarrte Leiche!- Hier hat offenbar die erregte nachschaffende Phantasie die „Erstarrung" der Leiche hinzu erfunden. Wahrscheinlich ist, daß der Unglückliche, als er Jemand nahen hörte, noch lebte, und in letzter Kraftanstrengung mit jenen, Psalmwort sein Leben aushauchte. Später hat man dann erfahren, daß sein eigener Träger ihn erschlagen, um ihn zu berauben. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich fik die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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