Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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310 So sonderbar sehen die glänzenden Urigen der Mntter aus. „Meinst? I wills abwarte»! Und Du,Bub, magstDeinSach holen!" „I Hab kein!" schluchzt Luisle. „Da magst gleich dableiben," bestimmt die Bäuerin und geht wieder hinein. Dörtle steht und betrachtet den Buben; sein Gesicht ist schmutzig, sehr Zeug zerfetzt — Mitleid überkommt sie, und zugleich denkt sie, wie gut die Mutter ist, dem verachtetsten Kinde im Dorfe schafft sie eine Heimstätte. „Binele!" ruft sie, „gi'eb dem armen Tropfen auch ein Vesperte. Der bleibt nun hier!" Tie Alte schaut sie an und macht eine Bewegung, als wolle sie mit den hagern Fingern nach ihrer Schulter tappen, und zieht dieselben dann wieder wie scheu zurück. „Gelt, Dein Verspruch ist nun giltig?" forscht sie, „und einmal wirst Herr von dem Schwaderer-Gut und dem Nanzschen Haus dazu! 0, Du hast's gut, Du!" Dörtle nickt. „Freilich, was sollt i nit!" sagt sie herablassend, „aber wundern soll's mi, ob der Bankert da ein Glück oder ein Unglück bringt." Tann geht sie der Stiege zu; sie hat Langeweile, obwohl der Tag ein so arg wichtiger ist. Die Männer reden beim Wein von Feld und Haus, und wenn der Vater seine spaßigen Geschichten vorbringt, so hat sie die schon oft genug gehört und kann nimmer mehr darüber lachen, und der Mutter ihr schwerer Ernst hat sie noch nie so gedrückt, wie hellte. Sie steigt nach ihrem Kämmerchen hinauf. Da ist's gar freundlich und fast städtisch ist's hcrgerichtet. Es geht hinaus aus die Frontseite, die liebe alte Eiche streckt ihre Zweige hart heran und ragt weit über das Dach empor, das an den Seiten schräg abfüllt. In dem mächtig großen Bette schläft Dörtle stets so traumlos, nur eine unruhige Zeit hat sie gehabt, das war, als der Streit mit dem Peter und dem Bartel gewesen war. Zivischen den beiden Fenstern hängt ein schmaler Spiegel, in den schaut die Dirn gern, der Vater hat ihn ihr selber gekauft und aufgehängt. Ueber der Kommode mit ausgebauchten Schubladen liegt eine weiße Serviette und auf derselben stehen Dörtlcs Schätze, Nühkästen, große und kleine, bunte Gläser, die sie auf den Messen erwürfelt hat, eine Schäferin aus Tragant, die einen kecken Hut trügt und etwas vvin Staub gelitten hat, und auf dem Gesangbuche liegt ein Liederbuch, das hat sie einmal vom Lehrer bekommen als Belobigung für ihren Fleiß, Dörtle ist aber ein Schelm und meint, die gestopfte Gans, welche der Herr Schneiderles jeden Weihnachtsabend bekommen, sei auch mit Schuld daran. In diesem Buche steht das Lied von der Rose und den Thränen, das für sie das schönste alter Lieder ist — sie nimmt natürlich die im Kirchenbuch aus. Die Rose von Bartel hat sie lange in einem Medizinfläschchen mit Wasser aufbcwahrt, aber am heutigen Morgen hat sie sie fortivcrfen müsse», »veil sie völlig verdorrt war. Dörtle schaut sich um, sie hält gute Ordnung in ihrem Kämmerlein, jeder Holzstuhl ist an seinem Platz und der dreibeinige Tisch, den man sicheren Stehens halber an die Wand lehnen muß, auch. Aber es ivill ihr heut doch nicht recht gefallen — sie blickt aus dem Fenster, es wird bald dämmern. „I will »über gehn und dem Bartel erzählen, daß die Sach recht gemacht ist, der hat doch eine Freud dran, und der alten Sarah und der Lea mag rs auch gleich zii wissen thuu!" Sie lacht und schlüpft die Treppe wieder hinab; drinnen wird sie Keiner vermissen. Aber sie meint, sie Hütte schon gleich so gescheidt sein können und hinübergehen, daun wär's Stiegensteigen erspart. Die Ladenthür ist offen; das ist eine Manier von dem Bartel, der behauptet, zum Verdruß der alten Sarah, daß die Luft innen dadurch gebessert würde. Er wird heute auf die Kundschaft gepas;! haben, denn Dörtle hat die alte Frau in der Früh fortgeheu sehen. Sie trippelt leise über den Weg, wenn sie die Lea heimlich beschleichen kann, so will sie sie einmal recht erschrecken. Draußen steht ein Stuhl, richtig, die Bücher liegen drauf, da hat der Bartel gesessen. Sie fehl sich drauf; der ist ein schlechter Hüter, denkt sie, das Lädle könui Einer wegen dem auch auskramen. Erschrecken soll er, wenn er sie sieht; sie duckt sich noch rasch hinter die offene Thür, denn niu, kommen Schritte. Sie sind aber vorläufig innen; so leichtsinnig, wie sie gedacht, ist der Bartel doch nicht gewesen. „Züud die Lamp an, Lea, mein Kind," hört sie die alte Sarah sagen, „züud die Lamp hell an, damit ich seh das Gesicht von meinem Sohn, der ist gewesen seiner Mutter ihr Stolz und ihr Glück und ist nun ein elender Mensch, der seinen Vater in der Grün beschimpft und die weißen Haare seiner Mutter!" „Mutter!" sagt Lea. „Zünd an, züud an!" befiehlt die alte Frau, „will sehen, ob er schauen kann in die nassen Augen seiner Mutter und ob er heben kann empor die Stirn, welche sein Vater im Sterben gesegnet hat! „Mutter!" Diesmal ist es Bartels Stimme, die das dumpf rufl „Mutter," setzt er dann hinzu, „ich bin doch kein Verbrecher!" „Was bist? mehr bist, wie das! Und wenn ich hätt' gewußi um Deinen Ungehorsam und Deine Abtrünnigkeit, so wollt' ich, der Gott unserer Väter und meiner hält' Dich mir genommen, als ick Hab' gerluigen meine Hände an Deinem Bett, als Du warst ein Kind und lagst im Fieber und ich weinte und schrie: Gott, laß mir meinen Sohn, der ist das Licht meiner Augen, als daß Du jetz: dastehst und weist zurück, was Dir Deirie alte Mutter bringt auf der offenen Hand und was ist Dein Glück und wär' meine Freud - ja, das wollt' ich!" „Mutter!" sagt Lea wieder bittend; aber die Alte ist schon mii der Schwelle. „Züud' nicht an, ich will ihn nicht sehn, der ein verlorener Soh» gcivordeu zwischen Abend und Morgen." Und an dem ängstlich zusammengeduckten Dörtle vorüber zieh? die alte Jüdin die Tochter nach sich, der Stiege zu. Das bloittk Mädchen bleibt regungslos sitzen, sie hat die Worte gehört, die Ber wünschungen begriffen und weiß doch nicht, warum das Alle-' gewesen ist. Im Halbdunkel steht drinnen Bartel an den Ladentisch gestützt, den Kopf gebeugt, wie erdrückt von der Wucht der mütterlichen Worte Wenn sie nur wüßt, was ihm wäre uiid sie sich ein Herz fasse» könnte, um zu ihm zu treten und ihn zu trösten. Und Bartel weiß selber kaum, wie ihm geschehen ist. Lea hat an dem Sonntag oben geschaltet und gewaltet und er unten den Laden gehütet. Allerlei kleine Wünsche der Großen und Kleinen haben ihn von seinen Büchern aufgescheucht, aber geduldig hat er hervorgesucht, abgemessen und abgewogen; die Stille um ihn hat ihm wohlgethan. Drüben auf dem Schwaderergut, hat er oft denken müssen, da würd's lauter hergehen, und hat sich beinah verwundert, daß er kein Geräusch von dort vernommen. Immer wieder sind seine Gedanken zu dem Dörtle gewandert, zu der Eichkatz, über deren Schicksal dort zur Stunde abgeschloffeu ward. Daß es schad' war, wie's geschah, das fühlt er mit bangem Schmerz in feinem Herzen und seiner kranken Brust. Das blühende, liebliche Kind mit dein fröhlichen Muth und der trockene Christoph — es ist ein Handel, Geld zum Geld — daß da ein frisches Menschenleben mit verschachert wird, wer denkt nur dran? Er freilich! Seit