Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. Seite 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228013--49930-3271519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

308 firnen niemals hatte, zum Kabilenscheikh eines großen Landes, theile ihm Kameele. Schafe und Ziegen in ungemessener Zahl zu und lasse ihn ans unzugänglichem Felsen in einer festen Burg Hausen, als Schrecken der ganzen Gegend, verschweige aber wohlweislich, daß dieser mächtige alte Herr so nebenbei in Saaz, Brüx und Teplitz einen sehr wenig einträglichen Gemüsehandel hauptsächlich in echten Saazer (Surfen und Zwiebeln treibt, von dem er absolut nicht lassen will, deinen ältesten Sohn Karl stelle ich als Stütze des Vaters hin, welch letzterer ob seines hohen Alters nicht immer in der Lage sei, die benachbarten Stämme zu züchtigen. Aus feurigem Roß, au der Spitze einer todesntuthigen Reiterschaar, jagt er pfeilschnell dahin, um im Feindesland seinen Wurfspeer zu erproben. Bruder Alois, den Saazer Getreidehändler in Firma S. Glasers Söhne, stemple ich zum Abtheilungsscheikh. der jüngst ausgezogen sei, den Ungläubigen das fetteste Stück ihres Landes zu entreißen, und von meinem Bruder Sigmund verrathe ich durchaus nicht, daß er int Poleper Distrikt von Dorf 311 Dorf, von Haus zu Haus eilt, um nachzusehen, was den Kranken fehlt und amtlich festzustellen. ob in jedem Wirthshause jener Gegend süffiges Bier vorhanden sei; denn nach bedmnischer Auffassung ist das Geschäft des Haknn (Arztes) ein durchaus unwürdiges, da jeder rechtschaffene Beduine und Kabile den Tod sucht, und zwar auf dem Schlachtfelde oder in der Fehde, nicht da-- schttöde Leben und die noch schnödere Gesundheit, tmd da dem an Wasser sich berauschenden Beduinen Qualität uttd Quantität des Gerstensaftes völlig egal sind. Ich mache ihn vielmehr zum klugen Richter, der sich im Hif, Silf oder Scher', d. h. in den Staunuesgesetzen gut auskenne und hierin dem greisen Scheith zur Seite stehe. Ich selber sei in die weit entfernten Beduiuenländer entsendet worden, unt nachzusehen, ob sich die bei uns zu Lande gangbare Tradition bestätige, daß tmser Urahn vor Jahrtausenden im Innern Jemens lebte und die etwa noch vorhandenen Abzweigungen misetes Statnmes festzustellen. So finde ich meinen Beduinen gegenüber mein Auskommen, ttitb zwar besser ab) mit der plumpen Wahrheit; denn als Kabile und Städtehasser bin ich manchem derselben ganz willkommen, und daß meine Familie sehr angesehen und mächtig sein müsse, ist nach dem Gesagten Jedermann klar. Wie oft haben mir denn auch die Beduinen gesagt: Ja Jilimar 'um, 0 du Gluthäugiger, d. h. du mit trefflichen Eigenschaften echtester Mätmlichkeit Begabter, mä jnrsilu ila hfi/Olnl lnildfiii illa raddifd. sie senden in diese Länder gewiß nur einen (echten, selbstbewußten) Mann! So habeich auch eine kleine Genugthuung: daß es eine eingebildete ist, macht nichts: konnte ich trotz I besten Willens in Oesterreich es nicht zum Hofrath und in Deutschland nicht zum Geheimrath bringen, so bin ich doch wenigstens im ritterlichett Wüstenlande der Beduinen ein vornehmer Manu, ein Fürst, wie sonsten alle Fürsten sind. 9Iuit wird sich vielleicht die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Litteratur in Böhmen darüber aufhalten, daß ich in Arabien auch sie, gerade so wie meinen Namen, meinen Baker und meine Brüder verleugne. Aber das geht nun einmal nicht anders; denn für den Bedninem ist der Fekih oder Gelehrte ohnehin kein Gegettstand der Achtung, da er ihn mit einer dreizehn Jahrhunderte alten Neuerung: dem Islam, plagt. Obendrein giebt es nact) bedmnischer Auffassung nur eine Wissenschaft: die Stammesgesetze gut zu kennen, nur eine Kunst: flink zu reiten, den Speer gtlt zu werfen oder, tueitn man ein Schießgewehr hat, gtlt zu zielen und zu treffen, nur eine litteratur: die Abenteuer des Abu Zeid el Hilali aus Martha, seine Schnurren in Barka und Kabis (Gabes) uttd alle hierauf bezüglichett Gedichte gtlt austvendig zu wissen. Schreibett und Lesen können ist dabei ganz und gar überflüssig und des Mannes unwürdig. Was soll da noch Förderung erfahren? Ich glaube schon ein Uebriges zu thun, wenn ich mich gelegentlich Fekih schimpfen lasse: beim diese „Gelehrten" wollen ttichts Anderes, als die Beduitien beten uttd fasten lehren, zwei Dinge, die ihnen grundsätzlich zuwider sind. Nun kann doch vernünftiger Weise Niemand von mir erwarten, dax. ich ntich unter Beduinen als Abgesandter einer ganzen Gesellschaft von Männern zu erkennen gebe, die nur beten tmd fasten uttd da- Wort Gottes zu ergründen suchen. In den Städten kann ich daohne Weiteres thun; denn hier steht der Alim oder Fekih in hohem Ansehen. Da nenne ich mich denn auch stolz ein Mitglied der Prager Djam'ijjet el 'Ulama und überbiete alle Mohammedaner. Für dies, giebt es ttämlich nur drei große Propheten: Müsa, Ma und Mohammed, mtd daneben eine große Anzahl kleinerer Seher. Ick gehe, meinen religiösen Empfindungen entsprechend, weiter, indem ich alle Propheten, vott Adam bis auf unsere Tage anerkenne uttd ben Segen Gottes auf sie herabflehe. Das imponirt gewaltig, und noch Niemand hat Anstoß daran genommen, wenn ick in der Einleitung meiner arabischen Briefe für die kfdfet el anbist' min el awwal ila el äkliar, „für die Eesammtheit der Propheten vom Ersten bis zum Letzten", bete. Ueberhaupt sind diese Stüdtet ein gar merkwürdiges Völkchen. Fromm fein, beten uttd den Rosen krattz (sablia) ableiern, ist ihre Hatlptbeschüftigtmg. Manche Leserin wird schott ungeduldig sein, wem von Beiden sie ihre Sympathien zuwenden soll, dem Kabilen oder bettt Beduinen, und wird mir int Stillen grollen, daß ich es bisher unterlassen habe die Nnterscheiduttgsmerktnale derselbett hervor zu heben. So sind nun einmal die Damen. Sie können nicht gttt warten. In Europa kriechen sie schott mit sechszehn bis zwanzig Jahren unter die Haube, in Arabien sogar schon mit acht Jahren. Sie tvollen Alles rasch hören, sehen, genießen, und wollett ttoch als Urgroßmütter jung sein. Da man dem schönen Geschlechte gegenüber galant sein muß — das ist sogar auch Beduincnregel —, so will ich nun sofort doziren. deduzirett ttttd expliziren, bis Altes klipp nnb klar mtd deutlich ist. Also: der Kabile und der Beduine sind eigentlich dasselbe. Es sittd Leute, die von einem und demselben Urahn abstammen, sich demgemäß als vollkommen gleichberechtigte Brüder betrachten, die Einer für Alle uttd Alle für Einen einstehen int Gttten und int Bösen, in Freud uttd in Leid. Aber sie sind darum doch noch lange keine Kommunisten oder Sozialisten; denn die Gleichheit der Rechte und der Pflichten bezieht sich nur auf gemeinsame, also auf Stammesangelegenheiten, die allerdings umfassender sittd als bei utts die Staats- oder Gemeindeangelegenheiten, da beispielshalber auch jedes körperliche Leid, das einem Skamntesaraber seitens eines frentben Arabers zugefügt, ober vott ihm an außerhalb des eigenen Stammes stehendem Araber verübt wird, eine Angelegenheit des ganzen Stammes bildet. Stiehlt oder raubt ein Stammesaraber etwas, dann ist das dasselbe, als ob der ganze Stamm gestohlen Hütte; ermordet ein Beduine Jemanden, so ist nicht er, sondern der Stamm der Mörder. Daher giebt es auch in arabischen Stämmen nichts, was man nach unseren Begriffen eine Regierung, eine Odrigfeit nennen könnte. Alle Hoheitsrechte und alle Hoheitspflichten werden von jedem Kabilen oder Beduinen in gleicher Weise ausgeübt und nur in besonders wichtigen Dingen entscheidet die Gesammtheit des Stammes. Demzufolge giebt es auch streng genommen fein Oberhaupt eines Stammes, uttd was wir als solches betrachten, ist nichts weiter als ein in Folge seiner Geburt oder seiner Thätigkeit in größerem Ansehen stehendes, sonst aber gleichberechtigtes und gleichverpflichtetes Individuum, das also ttichts befehlen und nichts anordnen, foubern nur in Güte rathen und leiten kattn. Auch schon der Name besagt das: Scheikh heißt nichts anderes als „Aeltester"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.