Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 baruugshimincl mit seiner Thorasoime, mit den Prophetengestirnen in hellstrahlendem Lichte ab. Er hat auch sein Meeresleuchten, denn er war in den dumpfen Zeiten des Aberglaubens und des Sittenvcrfalls der Gcisteswecker und ist darum auch heute noch nicht überflüssig geworden; er war in den finstern Jahrhunderten der Bedrängnis; die Leuchte des Judenthums auf der donnervollen Lebensbahn. Er ist darum auch heute noch nicht entbehrlich geworden. Wie das Meer durch Ablagerüngeu seinen Schlamm bildet, so hat auch der Talmud seine Ablagernugen von den Eigenarten der vielen verschiedenen Zeiten und Geschlechter, die an ihm vorübergezogen. Er hat auch, wenn man will, sogar seinen Schlamm, das sind die mancherlei grotesken »nd barocken Bilder und Erzählungen, die größtentheils einen ethischen oder kosmologischen Kern enthalten. Aber wer wird wegen dieser geschichtlichen Ablagerungen gleich einem Xerxes, der den HelleSpont in Ketten zu legen unternahm, das Talmudmeer peitschen wollen? Wer wird seine Diamanten wegwerfen, weil sie Kohlenstoff enthalten? Wer wird die Sonne schmähen, weil man einige Flecke in ihr entdeckt hat? Der Talmud hat uns wie kein anderes Werk in dem Maße theoretisch und praktisch gelehrt, das von den Vätern Ererbte immer von Neuem zu erwerben, um es unverlierbar zu besitzen. Er lehrt ans die erfolgreichste Art den Glauben an Gott und den Glauben an die Menschheit und zeigt uns. daß die wahre menschliche Tugend in der Glanbenstreue wurzelt und im Glaubcnsmuthe gipfelt. „Sechshundertuuddreizehn Gebote und Verbote." sagt er, „enthält die Thora, da kam David und faßte sie zu elf Grundsätzen zusammen: „Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen, wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Wer redlich wandelt, Recht ausübt und Wahrheit spricht in seinem Herzen, nicht verleumdet mit seiner Zunge, nicht seinem Nächsten Böses thut, nicht Schande bringt auf seinen Freund. In dessen Augen verächtlich ist der Verworfene, der aber die Gottesfürchtigen ehret, der schwört zum Schaden sich und ändert'» nicht; der nicht wuchert mir seinem Gelde (was auch gegenüber dein Heiden gilt — Bemerkung des Talmuds), der nicht Bestechung nimmt wider den Unschuldigen. „Wer solches thut, wankt in Ewigkeit."" „Dann führte Jesaia sie auf sechs zurück:" „„Wer rechtlich wandelt, Gerades spricht, Gewinn durch Bedriickung verschmähet, wessen Hände sich sträuben, Bestechung zu ergreifen, wer sein Ohr verstopft, Blutrath zu hören, sein Auge schließt, um nicht das Böse zn schauen — der wohnt auf Höhen, Jclseiivcsten sind seine Burg, sein Brod wird ihm gereicht, sein Wasser ist ihm sicher."" „Dann kam Micha »nd faßte sie in drei zusammen: „„Verkündet, hat er dir, o Mensch, was gut, und was der Ewige von Dir fordert. Nur Recht zu üben und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln vor deinem Gotte."" „Endlich führt Habaknk alle Gebote auf einen Grundsatz zurück: „„Der Gerechte lebt in seiner Zuversicht — in seinem Glaubensmuth."" U Gin Lesebuch für jüdische Schulen. Der hessischen Lchrerkonferenz zu ihrem 25. Versammlungstage gewidmet von S. Andorn in Crefeld. Tie Geschichte des jüdischen Lesebuches führt uns eine Form der Entivickelnng vor, die von dem gewöhnlichen Werdegang der Dinge abweicht. Die erste Schöpfung auf diesem Gebiete ist eine Folge der Anregungen, die Rochows „Kinderfreund" (1772) erzeugte. „Einen interessanten Versuch" nennt Fechner in „Kehrs Geschichte der Methodik", Band H, das früheste Lesebuch für jüdische Schulen . (1780), dessen Verfasser David Friedländer, der bekannte Freund Mendelssohns war. Dieser „Bankier" hat viel richtiger empfunden, was den jüdischen Charakter eines Lesebuches bedingt und diese Bezeichnung rechtfertigt, als die meisten seiner Nachfolger auf diesem Gebiete, die doch Schulmänner von Beruf sein wollten. Die Inhaltsangabe des Friedländerschen Buches, nach Fechners Anführung, mag den Beweis für unsere Behauptung erbringen: „Das Buch bot: Grundartikel des Judenthums nach Rabbi Moscheh Majemonssohn, Fabeln von Barachja Ben Natronai Hanakdan; moralische Erzählungen aus dem Talmud (zwei in Mendelssohn'scher Uebersetzung); einige kleine deutsche Gedichte, z. B. von Ewald; Andachtsübungen eines Weltweisen; Sprichwörter aus dem Talmud und einige lehrreiche Geschichten." Wir können an dem Programm Friedländers, soweit es den jüdischen Theil des Lesebuches betrifft, heute noch festhalten. Er war von dem richtigen Gedanken ausgegangen: ein Lesebuch für jüdische Schulen muß Geistesart und Sittengehalt des Judenthums, wie diese Seiten in Geschichte und Dichtung sich darstellen, ausstrahlen. Das war ein positiver Gedanke, der auch noch in Schöpfungen aus späterer Zeit (vergl. den Kinderfreund von M. Philippson 1808) entsprechenden Ausdruck fand. Die Ansätze;u einem Lesebuche für jüdische Schulen waren also vorhanden; cs ist die Schuld späterer jüdischer Schriftsteller, daß auf der glücklichsten Grundlage nicht weitergebaut wurde. Da wurde es für ausreichend erachtet, das; Christliche aus einem Lesebuche zu entfernen, und man glaubte schon, ein „Lesebuch für israelitische Schulen" geschaffen zu haben. Sollte man erfahrenen Schulmännern diese Naivetüt zutrauen? Als ob die Aufgabe des Judenthums in der bloßen Verneinung eines anderen Bekenntniffes und nicht in der Betonung des eigenen Sittengutcs beruhte! Das Judenthum hätte längst alle Daseinsberechtigung verloren, wollte es lediglich den Widerspruch zu Vorhandenem darstellen. Und welche tüchtige Leistung könnte aus dem Geiste der Verneinung hervorgehen? Die Lesebücher, die aus ihm herausgeboren sind, liefern uns den vollgiltigen Beweis, daß die reine Negative ein schwächliches, ein unfruchtbares Prinzip darstellt. Nein, so weit sind wir denn heute doch in der Duldsamkeit vorgeschritten, daß uns die paar christlich gefärbten Stücke eines beliebigen Lesebuches nicht geniren würden. Wenn wir eben ein besonderes Lesebuch für jüdische Schulen für nothwendig erachten, so müssen wir stärkere Gründe dafür besitzen. Und diese Gründe sind vorhanden. Wir wollen den Geist des Judenthums in die Lesebücher einströinen lasten; warum sollte» wir darin hinter den Verfassern christlich-konfessioneller Schulbücher zurückbleiben? Wir wollen die besondere Artung der jüdischen Schulen berücksichtigen. Das Gemüth eines Volkes offenbart sich in seiner Dichtung und in seiner Geschichte. Die jüdische Dichtung in alter Zeit trägt leicht erklärlicher Weife vorwiegend einen lehrhaften Charakter. Diese Lehrdichtung gehört aber auch zu den besten Schöpfungen der Weltlitteratur. Es ist keine Zufallserscheinung, daß die erbauliche Dichtung in der Blüthezeit des Mittelalters — die Legende — ihre besten Stoffe jüdischen Quellen entlehnt hat. Welchem Leser wären nicht Erzählungen der Agadah bekannt, die an Kühnheit des Phantasiefluges hinter keinem Grimm'schen Märchen zurückstehen, sie an Gesinnuugswerth aber weit übertreffen. Sollte diesen Stoffen einfach deshalb der Eintritt in ein Lesebuch für unsere Schulen verwehrt sein, weil sie jüdischen Ursprungs sind? Ich wüßte keinen anderen Grund für den „stellenweis" geübten Ausschluß! Wahrhaftig, es muß uns beschämen, daß Wackernagel von diesen Stoffen mehr ausgenommen hat, als die jüdischen Verfafler jüdischer Schullesebücher! Wohl sind diese Erzählungen rohe Edelsteine, die der Fassung bedürfen: einer edlen, volksthümlichen Dar-