Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Jüdische Kolonien in Argentinien. Von Benas Levy. Oberst-Lieutenant Albert Goldsmid, welcher am 10. März 1892 auf Veranlaffung des Baron v. Hirsch nach Argentinien gereist war, um die von diesem gegründeten Kolonien zu leiten, ist Anfang dieses Monats nach London zurückgekehrt und in dortigen jüdischen Kreisen mit Begeisterung empfangen worden. Wenn auch die Erfolge, welche Goldsmid erzielt hat, noch nicht sehr große sind, da ja der Zeitraum eines einzigen Jahres nicht genügend ist, um ein derartig großes Unternehmen vollständig zu reorganisiren, so ist es doch unstreitig, daß in der kurzen Zeit viel von ihm geschaffen und für die Zukunft vorgearbeitet worden ist. Als Goldsmid nach Argentinien kam, hatte er so große Schwierigkeiten zu überwinden, so viele Hindernisse stellten sich ihm in den Weg, daß es des ganzen Muthes und der Tapferkeit eines Helden bedurfte, um alle die Widerwärtigkeiten zu besiegen, welche ihm sowohl von den Kolonisten, als auch von den Einheimischen bereitet wurden. Besonders unangenehm fühlbar machte sich für ihn der Mangel an geeigneten Hilfskräften, da es nur Wenige gab, welche mit der Landwirthschaft vertraut waren und die Sprache der Kolonisten beherrschten. Von den in Argentinien befindlichen Kolonien ist Mosesstadt die älteste. Sie wurde vor ungefähr vier Jahren von Kolonisten auf eigene Faust gegründet. Auswanderungsagenten hatten sie dorthin gelockt und sie beschwindelt, denn Grund und Boden waren sehr schlecht und zur Kolonisation nicht geeignet. Die Kolonisten hatte» ihr Geld verloren — sie beklagten den Tod von mehr als sechzig Kindern — und ein großer Theil der Bedauernswerthen wauderte nach Palacios, um dort Stellung anzunehmen, und lebte dort unter den größten Entbehrungen. Die Kolonie Mosesstadt befand sich in Aufruhr, als Oberst- Lieutenant Goldsmid dorthin kam. Die Verwaltung hatte sich Veruntreuungen zu Schulden kommen laffen und war flüchtig geworden. Ein Doktor, welcher Anführer der Revolution war, wurde von Goldsmid ausgewiesen. Die Kolonisten verlangten unter Drohungen dessen Rückkehr, aber ohne Erfolg. Goldsmid blieb Herr der Situation und brachte, nachdem er die Nothlage der Kolonisten erkannt hatte, zweihundert derselben nach Entre Rios, wo sie, zur Arbeit angehalten, sich zu fleißigen Ackerbauern ausbildeten. In Mosesstadt blieben ungefähr siebzig Familien, und diese ernannten ein Komitee von drei Kolonisten, welches die Verwaltung führt. Ueber tausend Familien jüdischer Kolonisten befinden sich in Argentinien, ungefähr fünfhundert in Mauricio, dreihundert in Mosesstadt und der Rest von zweihundert lebte zerstreut in drei Kolonien in Entre Rios. Sie wohnten in Hütten und Scheunen und nur wenige Häuser waren dort errichtet. Die nothwendigsten Gerüche zum Bearbeiten der Felder fehlten, und es war kaum ein Versuch gemacht worden, die Aecker zu pflügen, zumal auch nur wenig Ochsen und Kühe vorhanden waren. Jetzt ist dies Alles geändert. Die Kolonie Mauricio zerfällt in zwei Distrikte, Algarobbo und Alice, jeder dieser beiden ist in Sektionen eingetheilt, welche sieben bis fünfzehn Häuser umfassen und ihren eigenen — von den Kolonisten gewählten — Aufseher haben. Jeder Distrikt hat seinen Inspektor und die ganze Kolonie ihren eigenen Kontroleur. Mauricio ist ungefähr acht deutsche Meilen groß, fünf davon haben guten Boden und lieferten treffliche Weizen- und Mais-Ernten, die andern drei Meilen brachten das Futter für das Vieh. Oberst-Lieutenant Goldsmid fand auch in Mauricio einen großen Theil der Kolonisten als unbrauchbar und untauglich und sandte dieselben nach Nord-Amerika oder nach Europa. Jetzt befinden sich daselbst dreihundertzwanzig Familien, die man zumeist als gute Landwirthe bezeichnen kann. Von den jüdischen Kolonisten, welche sich vor ungefähr drei Jahren in Monigotes, einige Meilen von Mosesstadt entfernt, angebaut hatten, wurden zwanzig Familie» von der Kolonisations- Gesellschaft (begründet von Baron v. Hirsch) nach der Kolonie Clara gebracht, wo sie fruchtbaren Grund und Boden besitzen. Sie bilden dort die Gruppe Miguel. Außerdem befinden sich in der Kolonie Clara vierzig Familien beffarabischer Juden, welche arbeitsam und ordentlich sind und sich zu der Gruppe Carmel vereinigt haben. Es giebt in der Kolonie Clara jetzt dreißig bis vierzig Häuser, welche meist 125 Meter von einander entfernt liegen; wo aber zwei Häuser an einander gebaut sind, ist ein Zwischenraum von 250 Meter gelassen worden. Die meisten dieser Häuser haben Gärten und Wiesen für das Vieh. Vor einigen Monaten wandten sich acht Familien aus Monigotes an Goldsmid um Unterstützung, da sie der Bank, von welcher sie den Grund und Boden gekauft hatten, die fälligen Schulden nicht bezahlen konnten; sie hatten fleißig gearbeitet, aber die Ernte war zum größten Theil von den Heuschrecken zerstört worden. Die jüdische Kolonisations-Gesellschaft nahm sich dieser Kolonisten an, kaufte das Land und war ihnen behilflich, den Theil der Ernte, welcher noch nicht beschädigt war, herein zu bringen. Oberst-Lieutenant Goldsmid sandte Mr. Kogan nach Entre Rios, um diese Kolonie ebenfalls in Distrikte zu theilen und die Selbstverwaltung daselbst so bald als möglich einzuführen. Bevor dies aber geschehen kann, müssen alle die Familien erst ausgestattet werden. Jede derselben erhält ein Haus, acht Ochsen, zwei Kühe, zwei Pferde, einen Wagen, Zuggeschirr und alle nothwendigen Ackergeräthe. In sämmtlichen Kolonien ist das Klinm gut und gesund, was am besten dadurch bewiesen wird, daß in der Kolonie Clara im Verlauf von fünfzehn Monaten nur zwei oder drei Personen gestorben sind. Oberst-Lieutenant Goldsmid glaubt, daß die Aussichten der Kolonien günstige sind. Von den Kolonisten wird ein großer Theil sich zu tüchtigen Ackerbauern heranbilden, doch sind bestimmte Angaben über die Zahl der Brauchbaren und der Tüchtigen erst dann zu machen, wenn sämmtliche Kolonien vollständig organisirt sein werden. Goldsmid hat den Grundstein hierfür gelegt und das philanthropische, bewunderungswürdige Werk des Baron v. Hirsch in die richtigen Wege geleitet. Er hat sich dadurch den Dank aller Derjenigen erworben, welche noch ein fühlendes Herz haben für die armen unglücklichen Juden, welche ihres Glaubens wegen ihrer Heimath beraubt und in die Fremde getrieben werden. Einen Ausdruck dieser Dankbarkeit empfing Oberst-Lieutenant Goldsmid am Sonntag den 11. Juni c., als die Gesellschaft der Maccabäer in London, wie bereits gemeldet, ihm zu Ehren ein Festmahl gab. An demselben nahmen auch Theil das Parlamentsmitglied Sir Julian Goldsmid, sowie die beiden Deputaten, welche die amerikanische Regierung zur Erforschung der Verhältnisse der russischen Juden nach Rußland geschickt hat — Dr. Kempster und George Kennan. Beide Herren schilderten die Lage der Juden in Rußland als so hoffnungslos, daß die Zukunft dieser vier Millionen unserer Glaubensgenoffen überaus trübe erscheint. Die Kolonien in Argentinien bilden die Hoffnung jener Unglücklichen, und Dank der Menschenfreundlichkeit des Baron v. Hirsch und der Thatkraft des Oberst-Lieutenant Goldsmid werden ihnen Mittel geboten und Wege geebnet, auf welchen ein Theil von ihnen nach einer neuen und hoffentlich glücklicheren Heimath wird gelangen können. 9