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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 Anatole Leroy-KeaAlreu über drn Antisemitismus. Der berühmte französische Schriftsteller Anatole Leroy-Beaulieu ist von Hermann Bahr während einer Akademie-Sitzung interviewt worden. Er äußerte sich folgendermaßen über den Antisemitismus: „Es ist selbstverständlich, daß ich ein Gegner des Antisemitismus bin. Ich bin sein Gegner als Christ und Franzose. Als Christ kann ich eine Lehre nicht dulden, welche Haß verkündet und Zwietracht unter die Menschen bringt. Als Franzose kann ich unsere alte Tradition der Gerechtigkeit und Freiheit nicht verleugnen, die uns unsere geschichtliche Stellung in Europa giebt. Der Antisemitismus ist gegen den Geist unserer Rasse. Er ist uns aus der Fremde gekommen, über den Rhein her, und wird bei uns nicht heimisch werden. Wir werden uns niemals in eine politische Lehre finden, die eine wüste Mischung von reaktionären Instinkten und revolutionären Begierden ist. Dabei will ich keineswegs leugnen, daß in den Beschn'erden der Antisemiten sich manche Wahrheit findet. Sie haben Recht mit ihren Klagen über die Abgötterei des Goldes, die schändliche Verdorbenheit der Regierungen und die Ausbeutung des Volkes. Aber sie täuschen sich über die Ursache des Uebels. Es sitzt viel tiefer, als sie denken, und wären alle Juden von Frankreich, ja aus Europa vertrieben, die Laster, unter denen wir leiden, blieben die gleichen. Die Lösung ist nicht so leicht, wie sie glauben, und der Antisemitismus, der alle Schuld den Juden giebt, wird die Heilung nur verzögern, die aus uns selber kommen muß . . . Das wäre so ungefähr ein Bekenntnis; meiner Stellung znm Antisemitismus." „Halten Sie den Antisemitismus — in Frankreich — für eine religiöse oder für eine nationale Partei?" „Ich glaube, es spielen viele Momente zusammen. Aber die nationalen und sozialen sind wohl die wichtigeren. Das religiöse hat wenig Bedeutung. Es ist ja auch da, und man beschuldigt die Juden, die Gesellschaft zu entchristlichen, ohne zu denken, daß sie sich selber zur gleichen Zeit entjuden (dejudaisent), weil eben beide, Arier und Semiten, in der modernen Entwicklung die gleiche Paganisation erfahren, die ebenso über die Thora, wie über das Evangelium triumphirt. Aber das ist nur eine ganz geringe Gruppe, die von diesen Sorgen geleitet wird. Die religiösen Fragen haben bei uns heute keine Macht mehr, und ohne die Hilfe nationaler und sozialer Instinkte wäre der Antisemitismus ohne Gefahr. Es sind die nationalen Momente, die seine Bedelltung machen, und als eine Form des Protektionismus, der die vaterländische Kultur gegen die fremden Elemente schützen will, hat er die meisten Freunde gewonnen. Das ist in dieser Zeit des nationalen Dünkels ja begreiflich, daß man ein eigenes Volk im Volke, einen Staat für sich im Staat nicht dulden will, wie es von den Juden behauptet wird. Es fehlen nur alle Beweise für diese Behauptung, und der Vergleich mit den Chinesen in Amerika, den die Antisemiten lieben, stimmt nicht. Die Juden sind seit der Emanzipation so gute Franzosen, wie ihre katholischen oder protestantischen Brüder: denn die Nationalität wird heute nicht mehr durch die Rasse, sondern die Gemeinschaft des Geistes, der Sitten, der Gefühle entschieden. Die deutsche Art, die Nationalität auf die Rasse zu stellen, scheint für unsere französische Gewohnheit so thöricht und reaktionär, wie die russische Art, sie auf die Einheit der Religion zu stellen. Es ist für die modernen Völker, wie sie nun einmal geschichtlich geworden sind, einfach gar nicht mehr möglich, weil sie alle Konglomerate sind. Auf welche Rasse wollen wir unsere französische Nationalität denn stellen, da wir doch ein Gemisch von Cimbern, Galliern, Iberen und Lateinern sind? Und nichts erlaubt den Glauben, reine Arier zu sein, weit man ja die Wirkung der fossilen europäischen Rasten nicht vergeffen darf. Und denken Sie doch nur an die Ligurer in Spanien und in der Provence! Denken Sie an die Finnen in Ungarn und Rußland! Wo ist denn heute eine Rasse in Europa, die unvermischt und rein geblieben, die unzweifelhaft arisch wäre? Aber wenn man, weil es unmöglich ist, sie auf die Rasse zu stellen, die Nationalität auf die Einheit der Geschichte und Entwicklung stellt, dann ist es so ungerecht als thöricht, die Juden zu scheiden, deren einige bei uns, die proven^alischen zum Beispiel, seit zweitausend Jahren im Lande sitzen. Sie gehören zu unserem Volke, wie die anderen, denen sie in allen Dinge» gleichen. Man kann das freilich nicht von allen behaupten." „Glauben Sie, daß der Antisemitismus in Frankreich eine Zukunft hat?" „Ich glaube, daß er keine Zukunft hat, aber ich glaube, daß er lauge genug dauern wird, weil er den Sozialisten sehr bequem ist. Es steckt viel mehr Sozialismus in ihm, als man denkt, und er wird sich iminer sozialistischer entwickeln, weil wir so wenige Juden haben, daß sich die Bewegung von selber bald gegen den Reichthum, gegen das Cigeuthrun, gegen das Kapital überhaupt kehren wird, unbekümmert um Konfession und Raste. Heute schreit man: Alle Juden sind Diebe. Morgen wird man schreien: Alle Bürger sind Diebe. Der Jude ist nur ein handlicher Ausdruck für die Hetze gegen das ganze Bürgerthum, und es scheint mir miverineidlich, daß der Antisemitisnrus immer revolutionärer gegen die staatliche Ordnung wird. Die konservativen Elemente verschwinden — wir haben nur noch einige auf der äußersten Rechten, wie den Grafen de Mun, während der Graf von Paris von Drumont bereits als Freund und Genosse der Juden behairdelt wird. Es wird nicht lange dauern und der Jude wird nur noch ein bequemes Wort für den Besitz überhaupt, für alle Reichen sein. Es wird nicht lange dauern, und der Antisemitismus wird in den reinen Sozialismus versinken. Das scheint mir unaufhaltsam, und das scheint mir seine eigentliche Gefahr. Es sind viel weniger die Juden als die ganze bürgerliche Ordnung, die er bedroht. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß er manches zur Sprache bringt, was an den Juden wirklich wenig erfreulich ist, und er kann ihnen vielleicht sogar sehr nützlich werden, indem er ihre eigene Erkenntniß fördert. Die große Rolle zum Beispiel, die sie in der Freimaurerei spielen, oft weniger aus Ueberzeugung, als um sich in der Gesellschaft vorwärts zu bringen, Verbindungen zu gelvinnen und in sonst verschlossene Kreise zu dringen, ist in der That bedenklich. Aber wenn man so meinen möchte, daß eine gelassene Erörterung mancher Dinge den Juden nicht schaden könnte, ist doch auf der anderen Seite die Gefahr nicht zu verkennen, daß man dadurch am Ende ihre Assimilation nur verzögert, erschwert, ja wieder aufhebt. Ich möchte Sie da aus mein Buch über den Antisemitismus*) verweisen, wo ich von einem russischen Juden, einem Studenten, erzähle, der mir gesagt hat: „Wenn nian uns beharrlich als ein fremdes Volk behandelt, müssen wir dann nicht auf den Gedanken kommen, es wirklich zu werden? Wir mühen uns, unsere Besonderheit zu verlaßen, und man stößt uns gewaltsam in sie zurück. Wäre es da ein Wunder, wenn unser Stolz sich wehrte und wir die Wiedergeburt des alten Israel versuchten? Und warum sollte es uns nicht gelingen, einen jüdischen Staat zu gründen, wo wir nach unseren Gesetzen und unseren Sitten, unserer Tradition gemäß leben dürften?" So könnte es geschehen, daß gerade durch den Antisemitismus die Juden würden, was heute die Antisemiten fälschlich von ihnen behaupten: ein besonderes Volk für sich unter rl „Israel chez les nations.“ Paris 1893. Eine ausführliche Anzeige dieses bedeutenden Werkes bringen wir in einer der nächsten Nummern. (Die Red.)

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