Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 26. Allgemeine Berlin, 30. Juni 1893. eitung öes Zuöenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Vreis: Durch Buchhandel, '1'ostoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. rnedacteur: Gustav .N arpeles.!_,_ Begründet von Rabbiner Ar. Ludwig Philippson-Lonn Verlags-Crpedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Vertag der „Ällgem. Zeitung des Indenthmns". Berlin 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nuvolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Das Facit. — Anatole Lerob-Beautieu über den .mtisemitismils. — Eine niäebtige Person. — Indische Kolonien in Argentinien. Aon Benas Levv. — Glaubensmuth. Bon Dr. Ludwig Pick. — Ein Lesebuch t jüdische Schulen. Bon Andorn. — Araber und Kabilen. Aon Dr. Eduard s--'las er. — Feuilleton: Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Bely. ■.vortfetjuufl.) — 9tuch eine Geistergeschichte. Bon Nahida Remv. Der Gemeindebote. .Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, -romberg, Beuchen O.-S. Arnslvalde, Hamburg, Hannover. Aachen. Eoblenz. Bien, Budapest, Lemberg, Liban. Stockholm, Sofia. — Von Nah und Fern. — Niscellen. Vas Facit. Berlin, 28. Juni. Achtzehn antisemitische Abgeordnete, eine Biertelmillion antimnitischer Wähler — das ist das Facit der nunmehr abgeschlossenen .stcihlbewegung. Aber diese Zahlen schrecken uns nicht; wir haben leinen Anlaß zur Freude, aber auch nicht zur Trailer, oder gar zur Furcht. „In Bereitschaft sein, ist Alles", sagt Shakespeare. Und mr sind in Bereitschaft „zu Opfer, Gebet und Kampf", wie es im -almud heißt. Wir wissen, daß wir es mit einem hartnäckigen m'gner zu thun haben, dem jedes Mittel recht und kein Weg zu schlecht ist. Wir wissen aber auch, daß wir Freunde und Vertreter an neuen, wie im alten Reichstage haben, die die Sache der Juden,;jci( sie zugleich die Sache der Freiheit und des Rechts ist, als die mre betrachten und vertheidigen werden. Ja, wir huldigen sogar der Auffassung, daß mit der Zahl mserer Feinde auch die Zähl unserer Freunde wachsen muß, je mehr lch die Erkenntniß Bahn brechen wird, welche Gefahren der Antisemitismus für Staat und Gesellschaft in sich birgt. Auch in Regierungskreisen wird man nach genauer Prüfung der Wahlergebnisse lnmmehr zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Antisemitismus >ich ebenso gegen die Staats- und Gesellschaftsordnung richtet wie sie Sozialdemokratie; hier wie dort werden die niedrigsten Leidenschaften, die gefährlichsten Instinkte angefacht und aufgeregt. Ob aan „Juden" oder „Ausbeuter" sagt, das "wird den Blassen bald merlei sein. " Und sehr richtig ist in der politischen Wochenschau des Berliner Tageblatt" jüngst der Antisemitismus „Die Demagogie 'er Reaktionäre" genannt worden. Vielleicht beklagt heute schon mancher ehrliche Konservative den Tag auf Tivoli. Aber sicher ist :'tc Zeit nicht fern, wo die Regierungen rmd die staatserhaltenden 'starteten die Gefahr erkennen werden, welche aus der antisemitischen Strömung nicht für die Juden, sondern für sie selbst erwachsen muß. Die letzten Wahlen haben in dieser Beziehung manche gute Lehre gegeben. Ueberall hat man die „reinen" Antisemiten, oder vielmehr die wilden den zahmen und verschämten vorgezogen. Ueberall da hat der Antisemitismus an Terrain gewonnen, wo er klar als Vorfrucht der Sozialdemokratie ausgetreten oder aus den Verhältnissen hervorgewachsen ist. Und was für uns bei aller Sorge das I Tröstlichste ist: Ter Antisemitismus ist nur in Orten und Bezirken, j tuo es wenige oder gar keine Juden giebt, zum Siege gelangt, mit Ausnahme von Hessen, wo derselbe aber ganz besonders ichroff und fast ausschließlich als wirthschaftliche Konkurrenz auf-! getreten ist. Die Handboll Indem in Arnswalde und Friede- : berg, in Erfurt und Stralsund, ja im ganzen Königreich Sachsen, i kann dort unmöglich den Antisemitismus erzeugt oder großi gezogen haben. Ja, in mehreren dieser Wahlkreise wohnt auch s nicht eilt einziger Jude, der diesem ungezügelten Hasse als wiilj kommcnes Objekt dienen oder als solches ansgebeutet werden könnte. Das charakteristischste Moment ist aber in der ganzen Wahlbewegung die Niederlage Stöckers und der Toppelsieg AhlwardtS. Beit Schiller iverden die konservativen Freunde des ehemaligen Hofpredigers klagen: „Denn Patroklus ist begrabe», und Thersiies kehrt zurück!" Die Wähler tmd Gesinnungsgenossen des ehentaligen Rektors aber dürfen jubeln; „denn Brave freuen sich der That." Und besonders Nenstettin hat allen Grund, stolz zu sein, da es Friedeberg-Arnswalde noch „über" ist, und da Ahlwardt, ivahrscheinlich in dankbarer Erittnertmg an die ruhmvolle geschichtliche Vergangenheit dieses Wahlkreises, dort das Mandat angenommen hat. Die Antisemiten werden im neuen Reichstage immnehr als! besondere Partei mfftreten und nicht mehr der freundnachbarliche»! llnterstützmig bedürfen, um ihre Anträge einzubringen. Den Inhalt j dieser Anträge können wir uns wohl denke». Wir sind aus Alles! gefaßt, und auch selbst das Aeußerstc kann »ns nicht mehr schrecken. - Je schroffer sie auftreten, desto rascher werden sie abgewirthschaftct! haben; je wilder sie ihren Haß gegen nns zur Schau tragen, desto i schwächer wird der Eindruck ihrer Agitation sein; je öfter sie die! „Judenfrage" auf's Tapet bringen werden, desto mehr wird sich das j Interesse für diese Dinge abnntzen. Die Hauptsache ist doch jetzt, j das; der Giftstoff ganz aus dem Volkskörper heranskomme; dann! erst kann au dm wirkliche Heilung gedacht werden. Und darum begreifen wir es sehr wohl, wenn viele unserer Freunde die wilden . Antisemiten den Tivoli-Konservativen vorgezogen haben. Jene sind eben das „kleinere Uebel". Für uns beginnt nun aber eine Zeit ernster Abtvehr. Es gilt, alle Kräfte zu sammeln, alle gesetzlichen und rechtlichen Mittel in Bewegung zu setzen, in ungestörter Einigkeit und mit voller Kraft dem Feinde entgegenzntreten. Das mag eine trübe Aussicht für die s Zukunft sein — gleichviel, sie schreckt uns nicht, weil unsere viel-! tausendjährige Geschichte uns fast auf jedeut ihrer Blätter die gleiche Situation zeigt: Israels Sorge, Israels Gegner, Israels Hoffnung, j Israels Sieg! I d