Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228012--49916-3271504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
- Riga 2× ep/1000826
- Liepāja 1× ep/1000744
- Radom 1× ep/1000823
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
3 eine lebhafte Schilderung des Kolonisationswerkes gab. Besonderes Jnleresse erregten seine Angaben über die außerordentlich geringe Sterblichleit unter den eingewanderten und kolonisirten Juden. In der Ansiedelung von San Antonio zum Beispiel, die hundert Familien umfaßt, war während fünfzehn Monaten kein einziger Todesfall vorgekommen, und in der Kolonie Klara mit dreihundert Familien keiner in neun Monaten. Die Jnstallirung der Ansiedler in den vier Kolonien schreitet rüstig vorwärts, und in Argentinien werde allgemein zugegeben, >aß die den Juden zugehörigen Ländereien, zumal die in Maurieio, schon beute zu den bestbestellten des Landes gehören. OberstlicutenantGoldsmid liegt die feste Ueberzeugung, daß das Unternehmen eine Zukunft habe. 5er Toast auf die Gäste wurde von Dr. Kempster beantwortet; er si einer jener Männer, die im Aufträge der Vereinigten Staaten von .'Nordamerika in jüngster Zeit nach Rußland gegangen waren, um da die Judenfrage an Ort und Stelle zu studiren. In ihrem aufsehenrregenden Berichte, den sie im vorigen Jahre veröffentlichten, haben jene Abgesandten bekanntlich eingestanden, daß sie frei von allen Vorurtheilen nir die Juden und gegen die russische Regierung nach dem Zarenreiche ezogen und erst durch den eigenen Augenschein zu jenem vernichtenden llrtheile über die Judenverfolgung gekommen waren, das in ihrem Berichte der Nachwelt überliefert werden wird. Dr. Kempster erzählte er Tischgesellschaft, daß ihm vor Kurzem wegen seiner Enthüllungen as Ueberschreiten der russischen Grenze für immer verboten worden >ei. Er wisse trotzdem aus verläßlicher Quelle, daß die Unterdrückung eer russischen Juden heute noch viel grausamer sei, als da er selbst vor wei Jahren das Land besuchte, und er gebe sich keiner Täuschung darüber hin, daß die entschiedene Absicht der russischen Behörden die sei, enes Volk, das nicht auf die Einladung der Landesbeherrscher hin in eas Reich gekommen wäre und dessen Bewohner Arbeitsamkeit gelehrt rat — auszurotten. Uitßlanü. St. Petersburg, 18 Juni. Abermals laufen traurige Nachrichten über neue Ausweisungen und neue Beschränkungen der Fuden in Rußland ein. Bis zum 1. November d. I. müssen 25,000 Juden bas Gouvernement Livland und noch mehr Kurland verlassen, im Ganzen vielleicht 60,000 Personen, darunter 8000 allein in Riga, von denen die Meisten sehr arm sind. Alle diese Ausgewiesenen in den schon ohnehin überfüllten Städten des sog. Juden-Rayons werden den dortigen Juden cie Lebenshaltung noch mehr erschweren. In Libau haben gegen 6000 Fuden Ausweisungsbefehle erhalten, wo bei den meisten nur geringe Frist zur Ordnung ihrer Verhältnisse gewährt worden ist. Es ist dies offenbar eine ernste Absicht der Regierung, die Juden aus den Ostsee- Provinzen auszuweisen, insofern sie nicht in den genannter: Provinzen besondere Privilegien haben, welche ihnen das Aufenthaltsrecht gewähren. :ju gleicher Zeit werden auch Judenausweisungen aus dem Königreich Polen gemeldet. Die sogenannten Maigesehe, welche bisher nur auf r-en Ansiedlungs-Rayon ausgedehnt waren, sollen gleichfalls Gesetzeskraft bekommen. Früher war es den Juden in Polen erlaubt, in den Dörfern ur wohnen und sich überhaupt niederzulassen, wo sie wollten. Jetzt sollen ne unbarmherzig aus den Dörfern in die Städte getrieben werden Diese Austreibungsbefehle sind peremptorisch und gewähren in einigen Fällen nur eine vierzehntägige Frist, während welcher die unglücklichen Familien ihre Vorbereitungen machen müssen, bevor sie ihr altes Heim oerlassen. Im Kreise Selpisk im Gouvernement Radom sind die darauf bezüglichen Befehle vielen Hunderten von jüdischen Familien zugegangen. Fn einem einzigen Dorfe, Soukyodnieva, sind 250 Familien in dieser Weise behandelt worden. In dem Distrikt Ruda - Gouzowska, an der Warschau-Wiener Eisenbahnlinie, haben 480 Farnilien den Befehl erhalten, ihre Heimath zu verlassen. Alle diese Familien sind im Handel engagirt uub müssen das von ihnen erworbene Eigenthum im Stiche lassen. U E. St. Petersburg, 8. Juni. Der Verein zur Förderung der Bildung unter den Juden in Rußland hielt vor einigen Tagen eine Versammlung ab. Nachdem die Aufnahme neuer Mitglieder stattgefunden hatte, gedachte der Vorsitzende, Herr Baron Horaz Ginzburg, der verstorbenen Mitglieder und hielt eine kurze Rede über ihre Thätigkeit zur Förderung der Bildung unter unseren Glaubensgenossen; in erster Reihe erwähnte er den unlängst verstorbenen A. Kaufmann, über dessen Tod wir zur Zeit berichtet haben. Herr Dr. Abraham Harkavi knüpfte eine kurze Rede an die Erwähnung des verstorbenen Mitgliedes Rabbiner Pumpjanski zu Riga, welcher sich vielfach verdient gemacht hat. Der Verstorbene gehörte zu den ersten Zöglingen der Rabbinerschule in Wilna und besaß ein umfangreiches Wissen in der jüdischen Litteratur. Besonders verdient machte er sich durch seine vortreffliche Uebersetzung der Psalmen und des Buches der Sprüche, welche große Verbreitung fanden. Am Schluß erstattete der Sekretär Herr Rosenzweig einen Bericht über die Thätigkeit des Vereins im letzten Jahre, welcher nächstens veröffentlicht wird. — Der bekannte Zionist Herr Wisozki besuchte unlängst Odessa, und als er einer Sitzung des Vereins zur Förderung des jüdischen Ackerbaues in Palästina beiwohnte, spendete er 10,000 Frcs. für die neueröffnete jüdische Schule in Jaffa. Zugleich spendete er 2000 Mk. für die Ackerbauschule, 1000 Mk. für die Handwerkerschule und 1000 Mk. für die unter der Aufsicht des Herrn Segal stehende Schule. Herr Wisozki eröffnete in Odessa ein großes Theegeschäft, in welchem fast nur Ausgewiesene aus Moskau beschäftigt sind. — In diesem Monate muß auch der Rest der ausländischen Juden die Stadt Odessa verlassen; Mancher hat schon den Wanderstab ergriffen. Manchem aber fehlen leider die Mittel dazu, jedoch es hilft nichts. Alle müssen gehen. — In Zapowiz hat laut dem „Kievlanin" ein Bauer eine ganze jüdische Familie vergiftet, indem er Gift in das Wasser streute. Der unglückliche Familienvater ist bereits seinen Schmerzen erlegen; der Attentäter ist verhaftet worden. — In Warschau wurde in letzter Woche die Prüfung in dem jüdischen Waisenhause abgehalten. Die Vorsteher und Gönner dieses Hauses, wie auch Vertreter der christlichen wohlthätigen Anstalten dieser Stadt waren zugegen. Sämmtliche Schüler und Schülerinnen, deren Zahl 34 und 63 ist, zeigten großen Fleiß und Aufmerksamkeit im Lesen und Schreiben wie auch in verschiedenen Handwerken und Handarbeiten. Bei dieser Gelegenheit wurden sämmtliche Waisen mit Kleidern und Stiefeln beschenkt. Bulgarien. r. Sofia, 16. Juni. Am 29. Mai (a. St.) hielt das Fürstenpaar Ferdinand und Marie Luise seinen Einzug in die Residenz mit antiker und doch moderner Prachtentfaltung. Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, Schilderungen darüber zu geben. Wir wollen nur das berichten, was für uns von Interesse ist. Wie wir schon an anderer Stelle hervorgehoben, werden die Juden bei allen feierlichen Anlässen zur Vertretung und Theilnahme eingeladen, und dasselbe geschah auch diesmal. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde Sofia wurden zum Empfange des Fürsten am Bahnhofe geladen, woselbst unser Großrabbiner Herr Dr. Moritz Grünwald auch dem fürstlichen Paare unter den übrigen Großwürdenträgern vorgestellt wurde. Hier der Inhalt der Adresse — in Uebersetzung, die ich Herrn Rabbiner Dr. Grünwald verdanke: „Königliche Hoheiten! Die treuen Unterthanen israelitischen Glaubensbekenntnisses bewillkonnnnen mit ganzem Herzen Eure Königlichen Hoheiten. An diesem feierlichen Tage erheben wir unsere wärmsten Gebete zum allmächtigen Gott, daß er feinen reichsten Segen auf das bulgarische Fürstenhaus, welches unser geliebter Fürst und dessen durchlauchtigste Gemahlin gründen, zum Ruhme, zum Glück und Wohlergehen Bulgariens spende. Unsere Nachkommen werden von uns die Liebe und die Ergebenheit zur Dynastie erben und wir sind glücklich, mit eigenen Augen den durchlauchtigsten Vater und die durchlauchtigste Mutter des zukünftigen bulgarischen j Herrscherhauses zu sehen. Hoch lebe urffer Fürst, hoch die durchlauchtigste! Fürstin!" Marokko. -ng. Mogador, 1. Juni. Noch immer hat der Fürst seine wunderwirkenden Knutenkuren an den marokkanischen Juden nicht eingestellt. Kürzlich erst ließ der „Edle" je 7 Juden, ohne daß sie etwas verschuldet,; 400 Stockschläge ertheilen. An demselben Tage erschienen vor seinem Richteri stuhl zwei Juden; nachdem dem Schuldigen die ihm zudiktirten Stockschläge! kunstgerecht ertheilt waren, wurde dieselbe Prozedur auch an dem andern, j der sich nicht im Mindesten vergangen hatte, vorgenommen, denn bei i diesem Geschäft leer auszugehen — ist für einen Juden in Marokko eine! Sache der Unmöglichkeit. Zu seinem eigenen Unglück mußte ein an-! wesender Jude sich über diese unerhörte Justizpflege mißbilligend aus-! sprechen. Schergen brachten ihn vor den Gestrengen, der ihm zum Lohne j 600 Knutenstreiche zutheilte. Aus Tituan wird uns vom zweiten Ramadans- > tage gemeldet: „Als heute die Mohammedaner wie stets an ihrem Fasten- I tage durch die Straßen auf ihren Pferden wild hin und hergaloppirten.