Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 und eine Anzahl von in denselben Straßen wohnenden Christen anb Juden dieser Ceremonie zusahen, ereignete es sich, daß ein Mohammedaner vorsätzlich am Hellen lichten Tage ein Kind dadurch tödtete, daß er sein Pferd, welches auswich und sich dann bäumte, mit Gewalt auf das Kind zulenkte. Der Mordgeselle hatte noch die Unverschämtheit, sich all dem Anblicke seines Opfers — die Juden höhnend - zu weidell. Als die tiefbetrübten Eltern die Leiche des Knaben von: Mordplatze holten, waren sie nicht nur den Schmähungen imb Beschimpfungen, sondern auch thätlichen "Angriffen und einem Steinhagel von Seiten der rohen Gesellen ausgesetzt. Nun verlangten die Arwerwandten des mit das Leben gebrachten Kindes die Bestrafung und vor Allem die Verhaftung des Mörders. Aber das edle Stadtoberhaupt verriegelte die Thüreu, die zum Saale der Themis führen, und ließ keinen derjenigen vor, von denen man vermuthen konnte, daß sie den Mord gerächt zu wissen wünschen. Durch den Umstand, daß kein Gericht und kein Richter da war, obwohl die Klüger schon erschienen waren, ward das Volk zu wüsteren Schandthaten ermuthigt: die wilde Horde drang auf die Juden mit Stöcken und mit Waffen ein, und diejenigen Israeliten, die vom Richter nicht mit Stockstreichen bedacht worden, empfingen nun ihren Antheil durch die Lynchjustiz der wie toll wüthenden Volksmenge. — Gebunden, geplündert, mißhandelt wurde ein jeder Israelit, der auf der Straße sich sehen ließ .... selbst in die Häuser der Juden einzudriugeu entblödete sich der gehässige Pöbel nicht. Alles jedoch mußte einen Stich, eine Wunde oder eine Narbe davontragen, ein Erinnerungszeichen, jedenfalls ein Symbol an ihren Ramadanstag. — Möge Allah es ihnen vergüten! — Ich kann nicht umhin, hier des spanischen Konsuls Don Josef Wabarze lobend zu gedenken. Ter Brave setzte sein eignes Leben aufs Spiel und kämpfte mit Schwertern und Pistolen bewaffnet, unterstützt von seinen Attaches, die Juden vertheidigend, gegen die wilde Horde an. Das Stadtoberhaupt scheint leider auch vom Geiste der Judenfresserei durchdrungen zu sein. Trotz der ausdrücklichen Mittheilung des spanischen Konsuls an das Stadtoberhaupt, daß er mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mohammedaner einen Juden erstechen habe wollen und trotz der durch den genannten Konsul an das Stadtoberhaupt gerichteten Aufforderung, den Mordgesellen verhaften zu lassen, weigerte sich der „ehrenwerthe" Stadtvater, die Verhaftung vorzunehmen. — Wer rveiß, wie das noch enden wird! Wir leben ja in dem Glauben, daß der Sultan solche Vorgänge nicht ungestraft lassen wird, aber leider haben wir bis jetzt noch weder einen Beamten oder eine Behörde, noch einen Verbrecher bestrafen sehen, der sich gegen einen Juden vergangen hat. Wie viele Juden mögen hier spurlos auf Wald und Feld umgebracht worden fein? Von Nah und Fern. Unter den konservativen Abgeordneten, die sich während der Wahlbewegung gegen den Antisemitismus ausgesprochen haben, ist auch Herr v. Bredow-Laudin zu nennen. — Der Finanzminister Dr. Miguel sowie andere von Ahlwardt angegriffene Personen haben den „Hamb. Nachr." zufolge diesen wegen Beleidigung und Verleumdung verklagt. Nnn ist er ja aber wieder glücklich in den sicheren Hafen des Reichstags eingelaufen. — In der Auklagesache gegen den Rektor a. D. "Ahlwardt wegen Beleidigung des Beamtenstandes und insbesondere der Beamten der Justizverwaltung durch eine in Essen gehaltene Rede ist ein neuer Termin zur Hauptverhandlung auf den 27. d. M. angesetzt worden. — Ain 2l. d. M. stand vor der vierten Strafkammer Termin gegen den Kaufmann Paasch und Genossen wegen der bekannten Broschüre „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfershelfer" an. Wegen Selbstmordversuchs des Paasch beschloß der Gerichtshof, die Verhandlung zit vertagen und denselben auf sechs Wochen der Charite zur Beobachtung zu überweisen. — Der "Antisemit Schwennhagen, gegen den die Untersuchungshaft wegen öffentlicher Beleidigung des Finanzministers Miquel u. A. beschlossen war, ist flüchtig geworden und wird steckbrieflich vom Untersuchungsrichter bei dem Landgericht 1 verfolgt Schwennhagen ist 1861 zu Wolfenbüttel geboren. - Die antisemitische, der Richtung Liebermann v. Sonnenbergs ungehörige Zeitung „Die Ostwacht" in Breslau hatte sich die Geschmacklosigkeit erlaubt, von dem berühmten Afrikaforscher und Kolonisator Emin Pascha zu schreiben: „Der Kolonial- und Elfenbeinjude Schnitzer, genannt Emin Pascha, der im „Berliner Tageblatt" schon x-mal gestorben ist, ist von diesem Blatte nochmals zum Leben erweckt worden." Ties veranlaßt denn selbst den konservativ-antisemitischen „Reichsboten" zu einer harten Reprimande; er nennt das Vorgehen der „Ostwacht" eine „Rohheit" und sagt: „An der Wahrheit, daß dieser „Kolonial- und Elfenbeinjude" nach Wesen und Verdiensten mehr wiegt, als alle Ahlwardts, Pickenbachs, Schwerin Hägens und Böckels zusammen genommen, wird durch solche Geschmacklosigkeiten eines politischen Fanatismus nichts geändert." — Sämmtlichen Hamburger Rhedereien, Schiffsmaklern, Auswanderern, Expedienten und Logiswirthen ist kürzlich eine Verfügung des Senats zugegangen, wonach derselbe zur Verhinderung der Einschleppung der Cholera be schlossen hat, den trotz ausdrücklichen Verbotes immer fortdauernden Zuzug russischer Auswanderer nach Hamburg polizeilich zu ver bieten. Allen per Eisenbahn, zu Fuß und auf dem Wasserwege der hamburgischen Grenze sich nähernden russischen Auswanderern wird das Betreten des hamburgischen Staatsgebiets verwehrt, auch wenn sie mir Fahrkarten und ausreichenden Geldmitteln versehen sind. — Auf eine traurige Weise wurde in Bayreuth eine israelitische Hochzeit ge stört. Vier Hochzeitsgäste unternahmen in einem Zweispänner einen Ausflug nach dem Wagnertheater. Auf dem Rückwege riß an einer starl abschiissigen Stelle die Bremsvorrichtung, die Pferde fielen und der Kutscher stürzte kopfüber vom Bock. Er brach beide Beine und erlitt auch schwere innerliche Verletzungen, während zwei Insassen schwer, die übrigen leichtverletzt wurden. — Das israelitische Waisenhaus „Wilhelmspflege" in Eßlingen hat seinen Rechenschaftsbericht pro 1892,98 veröffentlicht. Am 80. Oktober v. I. waren es 50 Jahre, daß diese Anstalt eröffnet wurde. Tie Feier des 25jährigen Regierungs jubiläums König Wilhelms 1. (1841) hatte die Anregung hierzu gegeben Diese Jubiläumsfeier wurde in der Anstalt festlich begangen. Der An stalt wurden wieder recht viele und reiche Gaben zugewendet, nämlich 4606 Mark Legate und Stiftungen, 10,900 Mark Spenden und Beiträge, so daß das Vereinsvermögen jetzt 882,286 Mark beträgt. Die Anstalt, an der auch die israelitischen Zöglinge des Lehrerseminars und der Präparandenanstalt in Eßlingen beköstigt werden, beherbergt jetzt 81 Pfleglinge. Der k. k. Steuerinspektor Dr. Rubin Flecker in Lemberg ist zum k. 1 Finanzsekretär bei der Finanz-Landesdirektion ernannt worden. Ferner ernannte das Präsidium der galizischen Finanz-Landesdirektion die Finanzkonzipisten Josef Weinberg und Dr. Samuel Grabscheid zu Steuerinspektoren. — Dr. Ludwig Rosenbaum, Bezirksrabbiner in Gödöllö, wurde in der am 8. d. M. abgehaltenen Generalversammlung der israelitischen Gemeinde in Kronstadt einhellig zum Rabbiner gewählt. — Die israelitische orthodoxe Gemeinde zu Munkaes hat einen herben Verlust zu beklagen. Der allgemein geachtete Oberrabbiner Salomon Spira wurde von einem plötzlichen Unwohlsein befallen und hauchte nach wenigen Minuten seine Seele aus. Der rasch herbeigeeilte Arzt konnte nur den eingetretenen Tod konstatiren. Rabbiner Spira war eine imponirende, gewinnende Persönlichkeit, sein hohes Wissen und seine Friedensliebe erwarben ihm die größte Sympathie seiner Gemeinde. — Eine Konstantinopeler Zuschrift der „Polit. Korr." kommt auf die jüngst gemeldete Nachricht zurück, daß die türkische Negierung die Absicht habe, die jüdische Bevölkerung zum Militärdienst heranzuziehen und führt aus, es niüsse bezweifelt werden, ob je Nichtmohanunedaner in die türkische Armee ausgenommen werden würden, da der Jslamismus einen der Grundpfeiler des Heeres bilde. Wohl aber könnte man das jüdische Element, welches sehr loyal sei, unter die Nichtkombattanten einreihen, affo etwa für den Dienst in der Sanität, im Train u. s. w. verwenden, sowie ja jetzt schon als Instrukteure, Aerzte, Apotheker, "Arbeiter u. dgl. viele Nichtmohammedaner im Dienste des Heeres stehen - Das religiöse Oberhaupt der Earäer, Uzum (?), ist in Tschufutkale in der Krim gestorben. Die Zahl der Caräer überhaupt wird auf 6000 angegeben. Sie sind in Rußland nicht den Bedrückungen unterworfen, denen die Juden attsgesetzt sind. — Am 16. d. M. starb in London Rabbiner Jakob Neinowitz, ein Mitglied des Londoner Beth Din, im Alter von 74 Jahren. Das „Jewish Chronicle" widmet ihm einen sehr warmen Nachruf. Während seines siebzehnjährigen "Aufenthaltes in London erfreute er sich durch seine Bescheidenheit und wahre Frömmigkeit, wie durch seine große talmudische Gelehrsamkeit der allgemeinen Liebe und Hochachtung seiner polnischen Glaubensbrüder und der ganzen Gemeinde. Er war geboren in Wilkowisk in Russisch-Polen Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Vauchwitz in Berlin.