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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-23 · Heft 25 (23.6.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Eltern, Zeichnen sich wie die übrigen Zöglinge durch gutes Betragen, Anstelligkeit und Lust zur Arbeit aus. — Es ist ein wahres Vergnügen zu beobachten, mit welchem Eifer die jüngern sowohl wie die älteren die ihnen unter Anleitung ihrer Vorgesetzten aufgetragenen Arbeiten aussühren. Vielleicht steht Mancher dem jungen Unternehmen noch skeptisch gegenüber, da dasselbe eine bis jetzt in jüdischen Erziehungsanstalten Deutschlands noch neue Erziehungsmethode einführt. Besser als durch alle Beschreibungen und Schilderungen kann sich ein intelligenter Mann durch einen persönlichen Besuch von dem Werth oder Unwerth einer solchen Anstalt überzeugen. * * Leipzig, 20 Juni. Neben eine von Antisemiten begangene Rohheit wird Folgendes berichtet: Seit einiger Zeit haben anständig gekleidete Antisemiten aus Gera, wenn sie wissen, daß die jüdischen Handelsleute von den benachbarten thüringischen Jahrmärkten nach Leipzig zurückfahren, es sich zur Gewohnheit gemacht, zwei oder drei Stationen von Gera in die Wagen vierter Klasse einzusteigen und die jüdischen Passagiere in der gröblichsten Weise zu belästigen, zum Theil auch zu Thätlichkeiten, hauptsächlich gegen wehrlose Frauen, überzugehen. Heute kamen aber die Herren an die richtige Adresse. Als wir von Neustadt a. Orla von: Jahrmarkt nach Leipzig fuhren, stiegen in Weida drei solcher Radauhelden in unseren Wagen und begannen sofort mit den gemeinsten Schimpfworten gegen die jüdischen Passagiere, und schlugen drei Frauen ohne Grund mit der Faust ins Gesicht. Darüber waren selbst die christlichen Reisenden empört, und die Burschen wurden von Christen und Juden oerartig gezüchtigt, daß ihnen die Lust an solchen Abenteuern für längere Zeit vergangen sein dürfte. In Gera wurden ihre Namen polizeilich festgestellt; die Sache wird vor Gericht noch ein Nachspiel haben. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 16. Juni. Am 4. Juni ist hier Paul Schiff im 05. Lebensjahre verschieden. Er war einer der ersten Finanzmänner der Residenz, Direktor der Kreditanstalt und der österreichischen Nationalbank, später der Chef eines eigenen Bankhauses, und wurde in den Berufskreisen hoch geschätzt. Mehrere Jahre gehörte er dem Kultusvorstande an und vertrat eine konservative Richtung. Ein rühmenswerther Zug seines Lebens war seine bürgerliche Einfachheit. Während so Viele in der Residenz nach Orden und Titel Haschen, ließ er zahlreiche Gelegenheiten, die sich ihm, als Direktor der ersten Finanzinstitute Oesterreichs, zur Erlangung von Auszeichnungen darboten, unbenutzt an sich vorübergehen und blieb sein ganzes Leben Bürger, ehrenhaft, charakterfest und wohlthätig. Seine trauernde Gattin, Frau Rosa Schiff, ist eine geborene Marburg, die Tochter einer sehr angesehenen Familie in Hamburg. Einer seiner Brüder, Herr Max Theodor Schiff, war gleichfalls mehrere Jahre Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde. Am Dienstag fand das Leichenbegängniß statt. Im Trauerhause sah man außer den Familienmitgliedern viele Trauergäste, darunter FZM. Baron Tiller, die Gemeinderäthe Ritter v. Goldschmidt, Simon und Baurath Stiaßnp, Hofrath Ritter v. Pfeifer, Konsul v. Biedermann, Landtags- Abgeordneter Ritter v. Lindheim, David Ritter v. Gutmann, Alfred Freiherr v. Springer, Direktor Ritter v. Bauer u. A. Oberkantor Singer exekutirte mit dem Chor den rituellen Gesang. Ober-Rabbiner Dr. Güdemann hielt auf dem Friedhofe die Trauerrede. * Ungarisch - Hradisch, 14. Juni. Am 0. d. M. fand dein: hiesigen Kreisgerichte die Schlußverhandluug gegen die Dienstmagd Karoline Schnula (auch Staniek genannt) statt, die der Verleumdung angeklagt war. Karoline Schnula, die in Holleschau bei dem Produktenhündler David Tandler bedienstet gewesen, kam in der Nacht des 19. November mit gebundenen Händen, die Schnittwunden trugen, zu einer Dienstvermittlerin und erzählte dieser, sie sei um 3/4l Uhr Nachts von einigen Juden überfallen, in den Hof geschleppt und dort gebunden worden. Dann habe man ihr an den Händen Schnittwunden zur Blutabzapfung beigebracht. Sie sei überzeugt, daß man sie zu „rituellen Zwecken abgeschlachtet" hätte, wenn sie nicht geflohen wäre. An der Stimme habe sie in einem der Männer den David Tandler erkannt. Diese Angaben des Dienstmädchens erwiesen sich als Lügen, trotzdem daß die Angeklagte auch bei der Verhandlung bei ihren früheren Angaben blieb. Sie wurde des Verbrechens der Verleumdung schuldig erkannt und zu dreizehn Monaten Kerkers verurtheilt. Frankreich. * Paris, 17. Juni. Hermann Bahr hat nunmehr auch Jules Simon über den Antisemitismus interviewt. Der greise Staatsmann äußerte sich über den Antisemitismus in Frankreich folgendermaßen: „Mein Gott, die Antisemiten! Das ist eine sehr trübe und verworrene Partei aus vielen unverträglichen Elementen. Ganz wie früher der Boulangisnms, der auch von allen möglichen Parteien gefördert wurde — und neben Rochefort stand die Fürstin d'Uzes! So haben wir jetzt im Antisemitismus neben dem gläubigen Drmnont den alten Atheisten Cluseret. Reaktionäre und Revolutionäre durcheinander. Alle Feinde der Republik beisammen. Da ist erstens die Kirche. Die hat ja sozusagen den Beruf, gegen die Juden zu sein, und die Katholiken sind die Antisemiten vor dem Antisemitismus, avant 1a lettre, bevor die billigen Abzüge für die Menge ausgegeben wurden, noch bevor es in seine populäre Formel gebracht wurde. Dann kommen die Sozialisten, welche sehr gesucht sind, weil man die Schwäche der religiösen Argumente fühlt, die hellte nicht mehr wirken. Das Bündniß der beiden Feinde scheint seltsam, aber es ist verständlich. Die Reaktionäre sagen sich: Wir brauchen die sozialistische Hilfe, um über die Menge zu herrschen. Und die Sozialisten sagen: Uns ist Alles recht, was die Unzufriedenheit, die Verwirrung, den Aufruhr fördert; später wird man dann schon sehen. Sie sind nicht bedenklich in der Wahl ihrer Mittel. Das ist überhaupt jetzt modern. Wenn man nur den Gegner trifft! Nach der Wahrheit und Gerechtigkeit wird nicht gefragt. Was irgendwie wirken kann, ist willkommen. Gegen den Feind gilt jede Waffe. Ich habe das selber erfahren. Man hat sich nicht gescheut, auch mich einen Juden zu nennen, obwohl ich es nicht bin und nicht mar — meine Schwester hat sich sogar der Mission gewidmet und in Südamerika sieben Kirchen gestiftet. Aber das macht diesen Leuten nichts. Wer ihnen nicht paßt, heißt jetzt Jude. Es liegt ja auch weiter nichts daran — ich erwähne es nur, um die Art ihres Kampfes zu zeigen, die legerete ihrer Behauptungen und Beweise . . . Also erstens die Katholiken, welche alten, ererbten Instinkten gegen die Juden folgen; zweitens die Revolutionäre, die der Haß gegen jede Ordnung führt; hinter ihnen die große Masse aller Unzufriedenen, die jede neue Phrase bethört. Kein Wunder, daß das großen Lärm auf den Straßen giebt — aber von einer ernstlichen Bewegung kann rann doch eigentlich kaum reden. Das wirkliche Volk hört nicht auf sie und kümmert sich um die Hetze nicht. Es hat keine Antipathien gegen die Juden. . . oder doch höchstens nur gegen einen Theil der Juden . . . und nicht um ihrer Religion willen. Man muß da genau unterscheiden. Gegen die portugiesischen Juden ist nirgends Haß. Ich weiß das zum Beispiel von Bordeaux, wo ich früher gewählt war. Da giebt es sehr viele Juden. Sie sind im Handel, in der Bank, in der Industrie; man schätzt ihren Fleiß und Eifer und achtet und verehrt sie sehr. Sie gleichen auch durchaus den katholischen Franzosen. Anders im Elsaß. Da liegen die Dinge wesentlich anders — ich kenne sie auch ein bischen, weil ich alte intime Beziehungen mit Mülhausen habe. Da herrscht Haß gegen die Juden und daher, aus dem Elsaß, ist uns der Antisemitismus gekommen. Elsässer haben ihn nach Paris gebracht und gegen die elsässischen, noch mehr gegen die deutschen Juden sind allerdings auch bei uns manche Kreise jetzt sehr empfindlich. Besonders an der Börse Ich weiß — es mag ungefähr zwei Jahre her sein — einen Fall, wo es einem Schützling des Rothschild mit aller Protektion nicht gelang, agent de change zu werden; das Syndikat ließ ihn einfach nicht zu und sagte: wir haben schon genug Juden. Aber das sind doch immer nur einzelne Fälle. Sonst können sich die Juden nicht beklagen. Wir haben im empire sogar zwei jüdische Minister gehabt, und wir haben jüdische Divisionsgenerale, und ich glaube nicht, daß an der sozialen Geltung der Juden etwas geändert werden wird. Ich glaube nicht, daß der Antisemitismus bei uns eine Zukunft hat. Er ist doch gar zu sehr gegen den Geist unserer Raffe, die immer duldsam und liberal war. Wir sind ein pays de tolerance, meme d’indiHerence. Man darf sich durch das Bischen Lärm nicht täuschen lassen." Großbritannien. * London, 17. Juni. Dem Oberstlieutenant Goldsmid, welchen: seinerzeit von der englischen Regierung für die Dauer seines Wirkens im Dienste der Jewish Colonisation Association ein Urlaub ertheilt worden war, wurde am letzten Sonntag von Freunden anläßlich seiner Rückkehr von Argentinien ein Festessen gegeben, bei dem der Gefeierte

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